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StartseiteBüchermarktEin Dorf voll nasser Füße01.06.2007

Ein Dorf voll nasser Füße

Halldór Laxness: "Salka Valka"

Island Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, ein armseliges Fischerdorf: Hier strandet eine unverheiratete Frau mit ihrer kleinen Tochter Salka, hier wird sich das Mädchen und später die junge Frau durchschlagen müssen. Der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, Jahrgang 1902, greift in seinem Anfang der dreißiger Jahre entstandenen Roman "Salka Valka" auf ein Motiv zurück, das ihn lebenslang beschäftigt, ob in der "Islandglocke", dem "Fischkonzert" oder der "Atomstation". Dies Motiv, dieser Leitgedanke heißt ganz schlicht und ganz maßlos: "Es ist so schwer, ein Mensch zu sein."

Von Sabine Peters

Die Menschen selbst sind aus Fisch gemacht. (dradio.de/Andreas Lemke)
Die Menschen selbst sind aus Fisch gemacht. (dradio.de/Andreas Lemke)

Es ist besonders schwer in dem hier geschilderten Fischerdorf. Das Lieblingswetter des Schöpfers an diesem Ort ist Regen oder Schnee. In den feuchten Häusern aus Torfsoden stehen in verrosteten Eimern Pflanzen, sie haben weder Blüten noch Blätter, es handelt sich also um Strünke. Die Menschen selbst sind aus Fisch, schlechten Kartoffeln und einem Klecks Haferbrei gemacht. Im Dorf herrscht das Seelenleben nasser Füße bzw. die Heilsarmee. Die singt von Jesus, dem allein selig machenden Branntwein. Andere Musik ist die der Schmeißfliegen über halbverfaultem Fisch. Bargeld hat nur einer. Bogesen, der reiche Villenbesitzer, Arbeitgeber in Sachen Fischverarbeitung und gleichzeitig Besitzer eines Kaufladens, dieser Bogesen schreibt den Leuten an und verteilt Almosen an sie. Was brauchen die Leute auch Bargeld? Geht es doch ohnehin nur darum, dass sie am Ende ihrer Tage die eigene Beerdigung nicht schuldig zu bleiben. Bogesen, ein Patriarch, der teilweise durchaus gütige Züge hat, Bogesen preist das Dorf als einen vollkommenen Ort: Gibt es doch inzwischen einige Gärten mit Kohlgemüse und einmal monatlich den Postdampfer. Auch kann man, wenn man möchte, Telegramme bis China schicken, und die Kinder lernen in der Schule wertvolles Wissen wie das, was ein Haupt- und was ein Zeitwort ist. Die heranwachsende Salka durchschaut bald, dass diese Gegend nicht die beste aller Welten ist, zumal Steinthor, ihr möglicher künftiger Stiefvater, sie vergeblich zu missbrauchen versucht, ehe er vor der Ehe mit ihrer Mutter davonläuft. Der starke, unabhängige, auch anarchistisch wirkende Steinthor taucht immer wieder im Dorf auf, er übt durchaus eine Faszination auf das Mädchen aus. Salka fühlt sich aber auch von Arnaldur angezogen, der sie lesen und schreiben lehrt, bevor er ins ferne fortschrittliche Dänemark zieht. Als Arnaldur nach Island zurückkehrt, bringen er und einige neue Freunde die gottlose Idee des Sozialismus mit sich, von der ein rechtschaffener Kaufmann wie Bogesen weiß: Kommunisten werden von Dänemark bezahlt, und sie verstaatlichen die Frauen. Ganz richtig gründen die dämonischen Vaterlandsverräter einen Fischereinverein, ein Konsumladen, eine Zeitung, und sie organisieren einen Streik gegen Bogesen. Salka als junge Tagelöhnerin ist hin und her gerissen zwischen den beiden immer wieder abwesenden und dann sehr intensiv anwesenden Männern Steinthor und Arnaldur. Als sie sich schließlich mit dem Revolutionär Arnaldur einlässt, hat diese Liebe nur begrenzte Zeit: Denn im Grunde ist dieser Arnaldur ein Idealist, der die abstrakte Menschheit mehr liebt als die konkreten Dorfbewohner, die im Konsumverein herumlungern und enttäuschenderweise auch zum Streikbrechen neigen. Arnaldur ist letztlich weniger Agitator als ein Dichter, ein "Elfenmann", der sich nach dem Traumland USA sehnt und der dorthin mit finanzieller Unterstützung seiner Salka auch schließlich entschwinden wird. Verglichen mit diesem Elfenmann fühlt sich Salka schlicht wie ein Trollweib. Ohne jede Larmoyanz sagt sie von sich: Ich bin ein Missgeschick, weil es keine Geburtenkontrolle gab. Sie und ihresgleichen, sie seien wie die Tiere.

Mensch werden, das zeigte Halldór Laxness in seinen zahlreichen Romanen immer wieder, fängt damit an, ein Mindestmaß an Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zu erkämpfen. Der Autor, Sohn eines hohen Ministerialbeamten, der in jungen Jahren ein Zwischenspiel mit dem Katholizismus hatte, symphatisierte später mit dem Sozialismus, und er geißelte die Armut als ein Verbrechen am Menschsein. Seine Romane sind allerdings alles andere als dogmatisch; die an der Oberfläche schematisch wirkende Zweiteilung einer feudalistischen Gesellschaft, die in den Umbruch gerät, erweist sich bei näherem Hinsehen als äußerst facettenreich. Laxness' Stoff sind, wie einer seiner Biografen schrieb, nicht Theorien, sondern Menschen. Daher sind seine Bücher immer wieder so überraschend, daher rührt ihre Anziehungskraft.

Laxness gilt einerseits als einer der letzten Nationaldichter, der der isländischen Literatur zum Anschluss an die Moderne verholfen hat. Andererseits wurden und werden seine Romane, die so häufig vom primitiven Landleben erzählen, überall verstanden und geliebt, auch in hochtechnifizierten Gesellschaften wie den USA.

Laxness hat einen ganz eigenen grotesken Humor, er ist blasphemisch und sarkastisch, ungeduldig und anmaßend - und all das, weil er einen tiefen Respekt vor dem "verborgenen Volk" hat. Der von ihm geprägte Begriff "das verborgene Volk" ist nicht national gedacht, sondern meint die individuellen kleinen Krauter überall mit all ihren Schwächen, Kauzigkeiten und Widersprüchen. Salka, die Heldin seines jetzt neu übersetzten Romans, ist keine dieser klischierten "starken Frauen", die zahlreiche gegenwärtige Bücher so fade wie gespenstisch durchgeistern. Salka macht schwere Fehler, sie trifft jedoch energisch eigene Entscheidungen. Sie ist keine 0-8-15-Siegertype, aber ein Opfer ist sie eben auch nicht. Sie führt ein seltsames Eigenleben. Und so möchte man auch dem Satz widersprechen, die Menschen seien der "Stoff" von Laxness. Da ist nichts vorhandenes Fertiges, was ihm zur Verfügung steht. Laxness ist nicht der große Marionettenspieler, der die Fäden zieht - man spürt seinen Büchern an, wie neugierig er auf Menschen ist, wie überraschbar. Diese Neugier, diese Überraschbarkeit ist es, die auch einen "alten" Roman wie Salka Valka so beschwingt macht und ihm seinen entwaffnenden Charme gibt.

Halldór Laxness: Salka Valka. Roman. Aus dem Isländischen von Hubert Seelow. Steidl-Verlag

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