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Sex, Triaden und Folter

Mo Yan: "Die Sandelholzstrafe". Insel Verlag, Mo Yan: "Der Überdruss". Horlemann, und: Hong Ying: "Die Konkubine von Shanghai". Aufbau Verlag

Von Simone Hamm

Beide Bücher sind eher zähe Lektüren.
Beide Bücher sind eher zähe Lektüren. (AP Archiv)

Drei neue Romane von Autoren, die in China leben: Mo Yan führt uns zuerst in die brutale Zeit der Jahrhundertwende und erzählt dann die Geschichte der Volksrepublik aus der Sicht von Tieren. Hong Yin beschreibt den Aufstieg einer Konkubine in Schanghai, beginnend 1907.

Mo Yan ist auf dem Lande aufgewachsen. Nur fünf Jahre konnte er zur Schule gehen. Während der Kulturrevolution musste er arbeiten.

In seiner Familie gab es keine Bücher. Umso begieriger lauschte er den Erzählungen der Bauern. So wie diese Bauern wollte er erzählen: ungestüm, ungehobelt, farbenfroh, gewaltig – und grausam.

In seinem Roman "Die Sandelholzstrafe", der wie viele seiner Romane in seinem Heimatdorf Gaomi spielt, werden auf den ersten 150 Seiten Folterszenen geschildert, gegen die die Folterungen in Guantanamo und Abu Graib wie eine Kindergeburtstagsparty wirken. Die Augen quellen dem Delinquenten aus dem Kopf, wenn ihm ein Foltergeschirr angelegt wird, dem einen wird ein glühender Stab in den Anus gesteckt, ein anderer wird ganz langsam in zwei Teile geschnitten, vom nächsten schneidet der Henker Scheibchen für Scheibchen ab. Die grausamste Strafe von allen aber ist die Sandelholzstrafe. Ein Sandelholz wird ins Rektum gesteckt und kommt im Mund heraus heraus. Dabei zerstört es alle Organe. Der Tod kommt schleichend. Je besser der Henker, desto länger das Sterben.

Auf langsames Quälen verstehen sich die Henker, und der beste von allen erinnert sich:

Ein heftiger Hustenanfall unterbricht Sun Bings Gesang. Das laute Rasseln in seiner Brust erinnert mich an das Krächzen eines sterbenden Hahns. Die Sonne ist jetzt untergegangen, nur ein dunkles Abendleuchten ist noch zu sehen. Der kalte Glanz des Mondlichts erhellt Sun Bings aufgedunsenes Gesicht. Sein riesenhafter Schädel schwingt polternd gegen den Pinienstamm, bis man das Holz bersten hört. Plötzlich spuckt er pechschwarzes Blut, und ein grässlicher Gestank breitet sich auf der Plattform aus. Sein Kopf erschlafft und fällt auf die Brust. Panik ergreift mich und eine böse Vorahnung schwebt wie eine düstere Wolke über mir. Er wird doch nicht etwa schon tot sein?

Bis Sun Bing stirbt, werden noch zwei lange Tage und Nächte vergehen, in denen er weiter gefoltert wird. Wer die überaus realistischen, ausführlichen Folterbeschreibungen durchgestanden hat, den erwartet ein paar Seiten lang eine leidenschaftliche Liebesgeschichte.

In Gaomi lebt Sun Bing, der Sänger der Katzenoper. Seine älteste Tochter ist Meiniang, die einen tölpelhaften Fleischer geheiratet hat, den Sohn des obersten Scharfrichters. Sie verfällt einem einflussreichen Beamten, sie tut alles, um ihn für sich zu gewinnen. Und weil sie schön ist und sehr reizvoll, gelingt ihr das.

Aber dann geht es weiter mit grausamen Folterszenen. Überall auf den 646 Seiten sind sie eingestreut. Das vergällt dem Leser die großartigen Beschreibungen im Tempel, im Palast, in der Bauernkate. Hier schafft Mo Yan die richtige Atmosphäre mit jedem Wort.

Mo Yan spricht mit vielen Stimmen, jedes Kapitel wird von einer anderen Person erzählt. Und er trifft den Ton der liebestollen Tochter, des verzweifelten Ehemannes, des korrupten Beamten genau. Er schmeichelt, er brüllt, er wird vulgär, und immer bleibt er grausam.

Er schildert das höfische Leben, die Katzbuckelei vor den höheren Beamten, das raffinierte Essen, die schöne Kleidung. Und setzt das bäuerliche Leben dagegen, einfach und hart. Wuchtig und anschaulich ist seine Sprache.

Die Deutschen brennen Gaomi nieder. Das ruft die Bauern auf den Plan, sie wollen sich wehren, schließen sich der Boxerbewegung an. Ihr Anführer ist Sun Bing, der Katzenopernsänger, dessen ganze Familie getötet wird. Nur seine älteste Tochter Meiniang hatte überlebt.

Als Sun Bing gefangen genommen wird, als ihr Geliebter, der hohe Beamte, sich nicht rührt für ihn, als ihr Schwiegervater, der Scharfrichter, ihn exekutieren soll, schwört Meiniang grausame Rache.

"Die Sandelholzstrafe" ist wirklich nichts für schwache Nerven.

Das gilt auch für den anderen Roman Mo Yans, der jetzt auf Deutsch erschienen ist: "Der Überdruss". Über 800 Seiten dick. Der Roman spielt in Gaomi, auch hier geht es bäuerlich derb zu. Auf Erden ist Ximen Nao von chinesischen Kleinbauern hingerichtet worden, jetzt brät er in der Holle. Er hält auch der fürchterlichsten Folter stand. Der Großgrundbesitzer will seine Schuld einfach nicht einsehen. Da haben die Dämonen ein Einsehen mit ihm und erlauben ihm, zur Erde zurückzukehren. Er ist sehr enttäuscht, als er noch einmal geboren wird - als Esel. Und damit nicht genug: Der Besitzer des Esels ist niemand anderer als ein Findelkind, das Ximen Nao einst aufgezogen hatte. Als der Stiefsohn heranwächst, betrügt er den Stiefvater mit dessen junger Frau. Und jetzt muss der ihm auch noch als Esel dienen. Das ist seine erste Wiedergeburt. Er kommt wieder als Stier, als Schwein, als Hund, als Affe und zu guter Letzt als Mensch, als sein eigener Urenkel.

Wie in der Sandelholzstrafe wechselt Mo Yan die Erzählerperspektiven. Ein Affe empfindet anders als ein Schwein. Und auch der Autor selbst taucht auf, als Schriftsteller Mo Yan, aus dessen Werken zitiert wird.

Ungläubig und untätig erlebt der einstige Großgrundbesitzer über fünfzig Jahre chinesischer Geschichte, von der Gründung der Volksrepublik China bis zur Jetztzeit. Die Menschen sind nicht weniger neidisch, nur weil der Boden jetzt vergesellschaftet worden ist. Die Politik, die den Menschen doch in den Mittelpunkt stellen will, versagt. Das ehrgeizige politische Programm "Der große Sprung nach vorn" führt zu einer katastrophalen Hungersnot, 30 Millionen Menschen sterben. Die Kulturrevolution endet in Gewalt, Unterdrückung, Terror. Der Turbokapitalismus macht Bauern zu Tagelöhnern. Einer, der sich immer anpasst, ist Ximen Naos Sohn.

Es scheint mir um die Moral der Chinesen so bestellt zu sein, wie es mir ein gut befreundeter Artgenosse sagte, als ich später als Hund wiedergeboren unter den Menschen lebte. Er war Wachhund der städtischen Leichenhalle, Deutscher Schäferhund mit schwarzem Deckhaar, viel herumgekommen und immer redselig. Er fasste es so zusammen: In den Fünfzigern waren die Leute unverdorbener, in den Sechzigern von einem manischen Fanatismus besessen, in den Siebzigern verzagte Feiglinge, in den Achtzigern verkamen sie zu Schnüfflern und Intriganten. Seit den Neunzigern aber besitzen sie ein nicht zu überbietendes Maß an Ruchlosigkeit.

Als magischer Realismus chinesischer Art wird Mo Yans Prosa bezeichnet.
Die Wucht der Sprache, das Derbe, bisweilen Wütende, das Magische, das Plastische, das Fabelhafte in "Der Überdruss", sind packend. Die Idee, die Geschichte der Volksrepublik China aus Sicht der Tiere darzustellen, ist witzig. Am lustigsten ist die Schweinesequenz. Als Schwein sitzt Ximen Nao im Aprikosenbaum und betrachtet den Lauf der Welt. Aber 800 Seiten trägt das alles nicht. Zumindest nicht für westliche Leser. Es sei daran erinnert, dass schon die großen Klassiker der Gegenwartsliteratur hierzulande gekürzt erschienen sind.

Auch in Hong Yings "Die Konkubine von Schanghai" geht man nicht immer zimperlich miteinander um. Hong Ying erzählt die wahre Geschichte von Cassia, die als junges Mädchen von ihren bitterarmen Verwandten an ein Bordell in Schanghai verkauft wird. Als alte Frau hat Cassia der Autorin ihre Geschichte erzählt. Die Geschichte eines Mädchens mit großen Füßen, ungebundenen Füßen, die doch eigentlich dem chinesischen Schönheitsideal widersprechen. Das Mädchen macht eine erstaunliche Karriere. Der oberste Chef der mächtigsten Triade, der chinesischen Mafia Meister Chang verliebt sich auf den ersten Blick in sie und macht sie zu seiner Geliebten. Sie wird schwanger, die Puffmutter, Madame Emerald nimmt ihr das Baby weg. Was sie nicht ahnt, Madame Emerald zieht das kleine Mädchen liebevoll auf, gemeinsam mit dem einzigen Mann, den Cassia wirklich liebt, Yu Qiyang. Erst Jahre später werden die beiden zueinanderfinden.

Doch Cassia bringt Unglück. Unwissentlich verrät sie ihren Geliebten, den mächtigen Triadenboss an seinen größten Widersacher und führt so seinen gewaltsamen Tod herbei. Daraufhin wird sie Geliebte des Widersachers. Nebenher lernt sie singen und tanzen. Sie wird aus dem Bordell geworfen, als ihr Gönner sie nicht mehr schützt. Jahre später übt sie grausame Rache an ihm – sie sprengt ihn in die Luft.

Sie tingelt über kleine Bühnen, eröffnet ein Theater, gilt als schönste Frau Schanghais. Geliebt hat sie immer nur Yu Qiang, der erst die rechte Hand des einen, dann des anderen Triadenführes war. Sie macht sich die Männer gefügig durch die Kunst der Liebe, die sie meisterhaft beherrscht. Bei Hong Ying klingt das sehr süßlich.

Es war, als säße Cassia auf einem galoppierenden Pferd; Schauer durchfuhren ihren Körper, gleichzeitig übermannte sie eine süße Taubheit. In seinen Armen war es Cassia, als springe ein Pferd über das Bett und weit in die Welt hinaus, als flögen sie gemeinsam über einen großen Fluss hinweg und einen Hügel hinauf, als rasten sie immer weiter auf den Berggipfel zu. Schließlich schrieen Cassia und Meister Chang ihre Lust heraus und schwebten berauscht ins Universum, vom Wind hin und her geworfen. Cassias Seele segelte in die Weite.

Szenen wie diese, bisweilen drastischer, körperlicher, nehmen großen Raum ein in Hong Yings Roman. Auch eine Frau, habe das Recht auf eine befriedigende Sexualität und eine sexuell befreite Frau könne auch in allem andern befreit sein. Das klingt nicht neu, auch in China nicht, wo es ja eine große Anzahl an klassischen, erotischen Romanen gibt. Und so konnte "Die Konkubine von Schanghai" anders als Hong Yings Roman über das Massaker am Platz des himmlischen Friedens "Der chinesische Sommer" auch in China erscheinen, unzensiert erscheinen.

Natürlich finden Cassia und Yu Qian zueinander, aber dann taucht ihre Tochter auf, schöner als sie selbst, verliebt sich in den Freund der Mutter, der sie doch gemeinsam mit der Bordellbesitzerin heimlich großgezogen hat und verführt ihn.

Cassia verzeiht ihr und wünscht ihr viel Glück. Diese Schmonzette spielt vor dem Hintergrund eines von Europäern besetzten Schanghai, es fallen Namen wie Chiang Kai-shek und Sun Ya – Sen, es gibt einen Maskenball im amerikanischen Konsulat.

Das Ärgerliche an dieser Geschichte einer Konkubine, die auf der Bühne so beherrscht im Bett so zügellos ist, ist die Vorhersehbarkeit. Umgeben von Neidern geht die Konkubine ihren Weg und sie steigt ganz hoch hinauf.

Niemand darf erwähnen, dass sie als Prostituierte gearbeitet hat. Er wird sofort verklagt. Auch die Autorin Hong Xing rechnet mit Klagen. Das hatte sie schon einmal erlebt, nachdem ihr Roman erschienen war. An einigen Stellen kommentiert sie den Roman, der sonst ganz aus einer Erzählerperspektive geschrieben ist:

Während ich diese schrecklichste aller Szenen in Cassias Leben beschreibe, die als sie Tochter und Geliebten in flagranti ertappt, zittern meine Hände vor Mitgefühl für sie. Dabei bin ich es, um die ich mir Sorgen machen sollte – ansonsten bringe ich mich in eine Situation, die schlimmer ist als jene Cassias. Ihre Lebensgeschichte, so wie ich sie niederschreibe, ist nicht immer ehrenvoll und ruhmreich. Wenn Cassias Nachfahren die Wahrheit über die taten ihrer Ahnin lesen und meine Ehrlichkeit ihnen missfällt, so kann es ein, dass ich vor ein chinesisches Gericht gestellt und des "Rufmordes an einem Vorfahren" beschuldigt werde.

So verkauft sich ein Buch natürlich gut: viel Sex, chinesische Triaden, eine starke, ungewöhnliche Frau, leicht geschrieben, leicht zu lesen und dann noch vom Verbot bedroht.

459 Seiten softer Sex in Hong Yings "Die Konkubine von Schanghai" oder 653 Seiten Folter in Mo Yans "Sandelholzharfe" - beides sind eher zähe Lektüren.

Mo Yan: "Die Sandelholzstrafe". Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Suhrkamp 653 Seiten. 29.80 Euro.

Mo Yan: "Der Überdruss". Übersetzt von Martine Hasse. Horlemann.
812 Seiten, € 29,90

Hong Ying: "Die Konkubine von Shanghai". Aufbau. Aus dem Chinesischen von Claudia Kaiser. 459 Seiten. 19.95 Euro.

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