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Südseekönig statt Negerkönig

Wie aus Pippi Langstrumpf eine Rassistin wird

Von Henning Hübert

Inger Nilsson  als Pippi Langstrumpf
Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf (AP Archiv)

Astrid Lindgrens Kinderbuchheldin Pippi Langstumpf ist ein Mädchen, das mit seiner gesellschaftlich vorgegebenen Rolle bricht, eine frühe Kämpferin für Frauenrechte quasi. Ob sie außerdem eine Rassistin sei, darüber streiten sich Leser in der Bonner Zentralbibliothek, wo immer noch die Ausgabe von "Pippi in Taka-Tuka-Land" steht, in der die Worte "Negerkönig" und "Negerprinzessin" vorkommen.

In der Eingangshalle der Bonner Zentralbibliothek durften Kinder die Wände und Säulen bunt bemalen. Ihr eindeutiges Lieblingsmotiv: Das freche, rothaarige Mädchen mit den verschiedenfarbigen Strümpfen. In der Bibliothek gibt es an die einhundert Astrid-Lindgren-Titel auszuleihen. Pippi Langstrumpf als Buch, CD oder Kassette.

"Annika: Wohnst du hier denn ganz allein? Pippi: Aber nein, Herr Nilson, das Pferd wohnen doch auch hier. - Ja, aber ich meine: Hast du keine Mutter, keinen Vater? - Nein, gar nicht. Meine Mutter ist schon lange tot. Mein Vater ist ein Negerkönig. Eines Tages kommt er und holt mich. Dann werde ich eine Negerprinzessin. Heihopp, was wird das für ein Leben!"

Solche Passagen, in den 1940er-Jahren aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt, sorgen für die Aufregung. Der aus dem Kongo stammende Journalist und Dolmetscher Kaisa Ilunga ist gewähltes Mitglied des Integrationsrats der Stadt Bonn. Er fordert, die Pippi-Langstrumpf-Bücher wegen rassistischer Aussagen aus den öffentlichen Bibliotheken auszusortieren. Der Integrationsrat vertritt die Interessen der Migranten gegenüber der Stadt.

"Man denkt, dass es nur um Worte wie Neger oder König der Neger [geht], ne, ne. Es geht um eine ganze Hierarchiebotschaft. Wo Schwarzafrikaner, wenn man die irgendwie analysiert als Menschen, sich ganz unten befindet."

Gerade Bonn, das sich als internationale Stadt sehe, müsse mit gutem Beispiel vorangehen und Literatur mit rassistischen Elementen aus den Regalen nehmen.

"Durch diese Bücher lernen doch Kinder. Und diese Bücher können nicht, überhaupt nicht, als didaktisches Material benutzt werden. Welches Ziel hat das? Um denjenigen zu diskriminieren, der neben dir sitzt?"

Pippi Langstrumpf aussortieren? Kommt nicht infrage, sagt die Leiterin der Bonner Stadtbibliothek Gabriele Bellof:

"Das werden wir nicht tun, zumindest, was diesen Titel angeht. Und darüber war in der Diskussion im Integrationsrat auch die große Mehrheitsmeinung so, dass das zum Kanon der Weltkinderliteratur gehört und das natürlich diese Bände von der Astrid Lindgren eben auch sehr viele Qualitäten haben, die sich in diesem Vorwurf nicht widerspiegeln. Und deshalb bleibt das im Bestand."

Allerdings: Die Stadt Bonn will Zug um Zug die alten Pippi-Langstrumpf-Bücher durch eine Neuauflage ersetzen. In der wird zum Beispiel aus dem Schwedischen Negerkönig mit Südseekönig übersetzt. In einem Kinderbuchladen reagieren Kundinnen auch mit Kopfschütteln. Bei ihnen trifft der Rassismus-Vorwurf auf bloßes Unverständnis:

"Die Bücher sind einfach fantastisch. Und dass vor vielen Jahren diese Sensibilität noch nicht gegeben war, finde ich okay. Für mich ist das auch nicht gut, klar. Aber ich würde da jetzt nicht so ein riesen Bohei drum machen. Das ist es alles nicht wert."

Der Historiker und Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismus-Forschung, Wolfgang Benz, ist anderer Meinung. Er sagt, die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur könne man gar nicht ernst genug nehmen, wenn es um die Prägung von Vorurteilen geht. Das Problem sei aktuell, denn die teils über 60 Jahre alten Bücher würden auch heute noch häufig rezipiert. Das Problem: Für ihn sind Pippi-Langstrumpf-Texte mit Ressentiments befrachtet und teils kolonialrassistisch. Ein berühmtes Beispiel aus dem Hörspiel:

" Pippi: Wie kannst du überhaupt verlangen, dass ein kleines Kind mit einem Engel als Mutter und einem Negerkönig als Vater immer die Wahrheit sagen soll? Übrigens will ich euch verraten, dass es in Nicaragua keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. "

So etwas könnte Schaden bei jungen Lesern anrichten, befürchtet Wolfgang Benz, der zumindest kritische Vorleser einfordert:

"Keineswegs geht es jetzt nur um Pippi Langstrumpf. Sondern es geht um Vorurteile in der Kinder- und Jugendliteratur. So auch der Titel unseres Buches. Und wenn das nicht bearbeitet wird. Wenn also da niemand erklärend dem Kind zur Seite tritt, dann erlernt man das ein für alle Mal. Das schönste Beispiel: der damalige Bundesinnenminister Schäuble bei der Eröffnung der Islamkonferenz: Sein Bild des Orientalen, sagte er freimütig, sei durch Karl May geprägt worden."

Ein mögliches Problem dabei: Eigentlich ist Pippi Langstrumpf für Erstleser ab acht Jahren gedacht, die die Bücher still für sich lesen. Eine Kundin im Bonner Kinderbuchladen liest ihrem Sohn gerade "Pippi in Taka-Tuka-Land" vor. Sie hat entschieden: Ihr Vierjähriger sei alt genug für eines der Lieblingsbücher aus der Kindheit der Mutter. Allerdings: Eins zu eins kommen ihr die Lindgren-Texte nicht über die Lippen:

"Teilweise ändere ich die Handlung ab. Das mache ich aber generell, weil ich feststelle: Das ist ja so gerade grenzwertig mit vier. Da ist noch eine Reihe von Wörtern, die ich dann auch ändere. Zum Beispiel das Wort - ich bin jetzt noch nicht bei der Geschichte Taka-Tuka-Land - da war gestern erst der Brief vom Vater gekommen. Das würde ich - also ich wusste jetzt gar nicht, dass da Neger vorkommt - würde ich ändern. Beim Vorlesen, schon vorweg."

Statt an alten Texten rum zu doktern, geht die Bonner Bibliotheksleitung einen Schritt weiter. Sie erarbeitet gemeinsam mit dem Verband binationaler Ehen und Partnerschaften eine Positivliste. Darauf stehen Kinder- und Jugendbücher, in denen besonders auf Geschlechterneutralität und eine wertschätzende Darstellung anderer Kulturen geachtet wird. Diese Bücher werden in der Bibliothek dann neben die Kinderbuch-Klassiker gestellt, die aus heutiger Sicht zwar politisch nicht korrekt sein mögen. Die aber dennoch zum kulturellen Erbe gehören. Welche Ausgabe sie wählen - entscheiden dann die Eltern.

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