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StartseiteKultur heuteDer geduldige Sokrates13.08.2007

Der geduldige Sokrates

Die Innsbrucker Festwochen für Alte Musik mit einer Telemann-Rarität

"Ganz marode melodiert und etliche tausend mal selbst abgeschrieben" - mit diesen Worten hat Telemann seine Kunst kleingeredet, aber dennoch Meisterwerke wie die komische Oper "Der geduldige Sokrates" aus dem Jahr 1721 geschaffen. René Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin haben die Oper bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik herausgebracht.

Von Jörn Florian Fuchs

Georg Philipp Telemann hat 40 Opern geschrieben.  (AP Archiv)
Georg Philipp Telemann hat 40 Opern geschrieben. (AP Archiv)

Auch bei Georg Philipp Telemanns Oper "Der geduldige Sokrates" hat Jacobs zunächst viel Arbeit investiert, das 1721 an der Hamburger Gänsemarktoper uraufgeführte 'musikalische Lustspiel' war ein Publikumshit und zugleich für Telemann die - erfolgreiche - Bewerbung als Musikdirektor der Hansestadt.

Mit einer Nettolänge von deutlich über vier Stunden hat der "Sokrates" geradezu Wagner'sche Dimensionen, inhaltlich jedoch geht es vor allem komisch, manchmal auch tragikomisch zu.

Der Zuhörer wird in eine Welt voller luftig-zarter Melodien und meist recht kurzer Arien ohne ausufernden Da-capo-Teil geführt. An einigen Stellen hat René Jacobs vorsichtig und sinnvoll gestrichen, vor allem bei den Rezitativen, die im Original doch etwas langatmig Kurzatmiges verhandeln. Es gibt in Telemanns Sokrates-Oper nämlich hauptsächlich Streit.

Streit zwischen dem großen Philosophen und seinen zwei quirlig-hysterischen Ehefrauen. Sie heißen Amitta und Xantippe und sind mächtig schlecht gelaunt. Die Doppelehe gibt es auf Geheiß der Stadtverwaltung von Athen, denn es herrscht, Schirrmacher und die FAZ lassen grüßen, akuter Nachwuchsmangel.

Also müssen sich alle zeugungsfähigen Männer, auch die alten und gesetzten, gleich doppelt verheiraten und den ehelichen Pflichten nachkommen. Xantippe und Amitta wirken allerdings ein wenig Alice-Schwarzer-gestählt und finden diese Regelung reichlich empörend. Sie streiten vor allem um alltägliche Dinge, etwa wer dem würdigen Denkgreis heute den Tee serviert, und sie ereifern sich (natürlich) ob der Frage, wer denn die Schönere im Philosophenlande sei. Entnervt schmeißt die Nervigere (Xantippe) am Ende hin und reicht die Scheidung ein. Der Philosoph nimmt's erleichtert zur Kenntnis.

Vor diesem glücklichen Ehe-Ende muss Sokrates allerdings noch eine Menge erledigen. Sein erbitterter Feind Aristophanes macht ihm mit Schmähschriften zu schaffen und seine illustren Schüler rund um Plato, Alkibiades und Xenophon sprechen kräftig dem Wein zu. Außerdem hat sein Lieblingsjünger ein Problem: auch er muss zwei Frauen heiraten, leider gibt es aber drei in Frage kommende und eigentlich hat er nur Lust auf eine. In turbulenten Verwicklungen und manchmal auch ziemlich ausgedehnten Wiederholungen bieten Telemann und sein Librettist Johann Ulrich von König ein großes Thema mit diversen Variationen. Originell wird das Ganze durch die konturreiche Musik.

Angesiedelt zwischen venezianischen Einflüssen und schon ganz leichten Verweisen auf Mozart, schafft Telemann doch eine eigenständige Atmosphäre mit teils ungewöhnlichen Stilen und Genres. Die Studenten singen zum Beispiel einen klassischen Kanon, viel Arioses wird gedoppelt und überlappt sich, berückend schöne Ensembles kontrastieren mit kräftigen Orchesterfarben.

Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin präsentieren sich in allerbester Spiellaune, zuweilen knarzen die Darmseiten und das gestopfte Blech schmettert reichlich schräge Töne. Mit dem konsequent exquisiten Sängerensemble um Marcos Fink als Sokrates, Inga Kalna als Xantippe und Matthias Rexroth wird der Abend vollends zum Genuss. Das Regieteam Nigel Lowery und Amir Hosseinpour unterstützt das bunte musikalische Treiben durch jede Menge Komik und manchmal auch Comedy auf der Bühne, ein Mehrzwecksaal aus Wohnzimmer, Studierstube und doppelter Küchenzeile (für die beiden Sokrates-Frauen) ist ein adäquater Spielort.

Am Ende sind alle zufrieden, das Doppelehegesetz wird aufgehoben, der Blick auf die Uhr zeigt zwanzig nach elf und wir, die Voyeure dieser knapp dreihundert Jahre alten Soap, schreiten beschwingt in die Innsbrucker Nacht, erlöst von betrunkenen Studenten und Xantippes Gekeife.

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