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StartseiteSport am WochenendeKeine Vielfalt auf den Tribünen09.09.2018

Doppelpässe (Teil 6)Keine Vielfalt auf den Tribünen

Frankfurt, Stuttgart, Köln: Das sind Städte, in denen mehr als ein Drittel der Einwohner einen Migrationshintergrund haben. In den Fankurven ihrer Fußballvereine spiegelt sich das nicht wieder. Schätzungen legen nahe: Maximal zwei Prozent der leidenschaftlichen Anhänger haben eine Einwanderbiografie.

Von Ronny Blaschke

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Die Fans von Borussia Dortmund unterstützen ihr Team auf der Südtribüne. (imago sportfotodienst)
Die Fans von Borussia Dortmund unterstützen ihr Team auf der Südtribüne. (imago sportfotodienst)
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Die Vorliebe für einen Fußballverein wird vererbt, heißt es oft, durch Familien und Freundeskreise. Das gilt zum Beispiel für junge Menschen, die fürs Studium aus Dortmund nach München ziehen, und weiter die Borussia unterstützen.

Das betrifft auch Jugendliche, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei stammen. Und die ihre Leidenschaft für Besiktas oder Galatasaray Istanbul über Generationen weitertragen. Viele von ihnen fühlen sich mit zwei Ländern verbunden. Doch eine solche Mehrfachzugehörigkeit ist im Fußball kaum möglich, sagt der Berliner Fanforscher Robert Claus. Denn dort herrsche Bekenntniszwang, erklärt er:

"Es gibt keinen Ultra, der Ultra von zwei Vereinen ist. Kann es gar nicht geben per Definition, weil man ja bis in den Tod laut Eigenverständnis mit einem Verein geht. Eine ähnliche Logik liegt eigentlich hinter Nationalismus. Das heißt, die Idee, dass ich entweder Deutscher oder Türke bin, und eigentlich irgendwas dazwischen laut nationalistischer Logik kaum sein kann, weist eine starke strukturelle Parallele zu Fan-Denken auf."

"lokal oder vielleicht auch national geprägt"

Es gibt noch keine Debatte über die eher homogenen Fankurven. Nicht in den Vereinen, nicht in der Wissenschaft, nicht mal in den pädagogischen Fanprojekten. Die ersten beiden Ligen vermelden regelmäßig Zuschauerrekorde, also sind die Vereine nicht wirklich auf neue Kunden angewiesen.

Doch Carsten Blecher, Mitarbeiter des Kölner Fanprojekts, möchte deutlich machen, wie wichtig eine gesellschaftliche Öffnung wäre. In Forschungen an der Universität Siegen zeigt er, dass die Klubs durchaus einen Querschnitt der Gesellschaft anziehen, was Altersspanne oder Bildungshintergrund angeht. Doch in kulturellen Fragen seien die Klubs ungewollt abschreckend, sagt er:

"Es gibt dann so eine Fußballkultur, die ja lokal oder vielleicht auch national geprägt ist. So dieses ganze Kulinarische drum herum: Bier und Bratwurst, Gesänge oder auch Vereinshymnen, mit denen sich jetzt auch nicht jeder direkt identifizieren kann. Wie sehr man dann doch unter sich bleibt, dadurch, dass man alles so lässt, wie es ist und immer an bestimmten Traditionen festhält. Und möglicherweise gar nicht mitbekommt, dass sich die Gesellschaft verändert. Und man darauf gar nicht reagiert als Klub."

Kölner Fans in Weißrussland - beim Europa League Spiel Bate Borisov gegen FC Köln am 19.10.2017. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)Kölner Fans in Weißrussland - beim Europa League Spiel Bate Borisov gegen FC Köln am 19.10.2017. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)

Carsten Blecher hat bei Heimspielen des 1. FC Köln Fragebögen verteilt und später ausführlich mit Fans gesprochen. Eine junge Frau mit türkischen Wurzeln sagte ihm, dass sie sich in den Stadien nicht wohl fühle. Denn dort, "würden die Deutschen unter sich bleiben" wollen. Zudem spielt die Geschichte der Fankultur eine Rolle, zu der stets Provokation und Diskriminierung gehörten.

1997 zum Beispiel hielten Fans des FC Bayern bei ihrem Heimspiel gegen Besiktas Istanbul dutzende Aldi-Tüten in die Höhe. Sie wollten türkische Anhänger pauschal herabwürdigen, vor kurzem entschuldigten sie sich dafür. Nur ein Beispiel von vielen, sagt Robert Claus:

"Es gibt eine lange Geschichte von rechten Hooligans, die nach Spielen so genanntes ,Ausländer-Klatschen’ in den Innenstädten betreiben. Von der Borussenfront in Dortmund bis zur Wannseefront in Berlin. Was in den Neunzigerjahren tatsächlich leider ganz üblich war, dass gegnerische Spieler, deren Namen über die Lautsprecher verkündet wurden, als Asylanten in Anführungsstrichen willkommen geheißen wurden.

Das hat leider eine lange Tradition im deutschen Fußball. Solche Dinge finden wir heute weniger, wenngleich man sagen muss: Wir sehen ja auch in den letzten zwei, drei Jahren einen politischen Rechtsruck, den wir auch wieder im Stadion sehen, an mehreren Standorten."   

"kaum eine andere Jugendkultur, die so beständig ist"

In Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus könnten Bundesligaklubs offensiv auf migrantisch geprägte Kieze zugehen, findet Claus, doch oft seien ihnen solche Projekte zu kleinteilig. Die Wachstumspläne zielen eher auf Asien oder Amerika. Trotzdem gibt es Bildungsinitiativen wie "Lernort Stadion", die intensiver über Fußball und Migration diskutieren wollen. Im Umfeld von Hertha BSC kommt der Ethnologe Söhnke Vosgerau mit Jugendlichen ins Gespräch. Auch über Rituale der Fankultur. Er sagt:

"Es gibt kaum eine andere Jugendkultur, die so beständig ist. Und genauso beständig sind auch einige von den, sagen wir mal, Zugangsvoraussetzungen. Die stellen, glaube ich, für viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, eine große Hürde dar. Und sie sind auch vielleicht gar nicht attraktiv.

Es wird eine sehr, sehr große Loyalität und ein sehr großer Einsatz gefordert. Das heißt, da wird einfach nicht jeder aufgenommen, da muss man sich irgendwie bewähren. Da muss man Leute kennen, die da schon dabei sind. Und das, glaube ich, führt alles schon dazu, dass diese Gruppen relativ geschlossen sind."

Ob die Fanszenen durchlässiger werden? Für Vereine und Fanprojekte ist das eine neue Herausforderung. Bislang konzentrierten sich die großen Debatten der Ultras auf die gleichen Themen: Anstoßzeiten, Pyrotechnik, Kommunikation mit Verbänden. Etliche Gruppen verstehen sich als politisch und basisdemokratisch. Dass sie einen großen Teil der Gesellschaft nicht repräsentieren, ist bislang noch kein Thema.

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