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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Sicht auf die Gewalt der Naturkatastrophen04.09.2014

Ausstellung im Reiss-Engelhorn-MuseumDie Sicht auf die Gewalt der Naturkatastrophen

Zum Umgang des Menschen mit Naturkatastrophen wird am Wochenende im Mannheimer Reiss-Engelholm-Museum eine Ausstellung eröffnet. "Von Atlantis bis heute" nennt sie sich, und am Anfang steht natürlich der Untergang der sagenhaften Stadt Atlantis.

Von Ingeborg Breuer

"Wir beginnen die Ausstellung mit dem Mythos Atlantis. Atlantis ist heute ein positiv gewertetes Wort: Hotels, Wellnesscenter, Freizeitindustrie bedienen sich dieses positiven Begriffs. Der geht aber zurück auf eine Katastrophe, von der Platon berichtet, von Atlantis, die irgendwann mal vom Negativmythos zum positiven gewandelt wurde."

Nichts weiß man, doch vieles wird hineininterpretiert. Unzählige Deutungen ranken sich um Atlantis, jenes sagenumwobene Inselreich, das tausende Jahre vor Christus innerhalb eines Tages im Meer versunken sei. Zunächst galt es als legendäre, imperialistische Seemacht, von der Natur bestraft für ihren Expansionsdrang. Doch seit der frühen Neuzeit änderte sich die Perspektive. Dr. Christoph Lind, Kurator der Ausstellung:

"Atlantis ist auf einmal nicht mehr der sündige untergegangene Ort, sondern Atlantis wird eine Projektionsfläche einer utopischen Neugestaltung."

Katastrophen sind niemals nur Naturereignisse, sondern immer von menschlichem Handeln und menschlichen Deutungen begleitet. Denn die Erde ist ein unruhiger Planet, zu ihrer Geschichte gehören Vulkanausbrüche, Sturmfluten oder Erdbeben. Zur Katastrophe wird so etwas erst, wenn es Folgen für den Menschen hat. Und so veranschaulicht die Mannheimer Ausstellung, wie der Mensch über die Jahrtausende mit solchen Naturereignissen umging. Schock und Entsetzen, Rettungsmaßnahmen, Wiederaufbau und Ursachenforschung blieben wiederkehrende Reaktionsmuster. Und nicht erst Bundeskanzler Gerhard Schröder stapfte 2002 durch das Elbe-Hochwasser. Schon 79 nach Christus intervenierte Kaiser Titus, nachdem Pompeji durch den Vesuvausbruch untergegangen war – und punktete beim Volk.

"Als die Nachricht von dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs nach Rom gelangte, hat Kaiser Titus das allererste nachweisbare Katastrophenmanagement begonnen, indem er eine Kommission in die Campania schickte, um die Schäden aufzunehmen, um Gelder zur Verfügung zu stellen, um den Wiederaufbau zu organisieren. Die kamen unverrichteter Dinge zurück, weil sie sahen, dass da nichts mehr aufzubauen war. Das Bild, das er vermittelte, hält bis heute positiv an - als väterlicher Kaiser, als jemand, der sich kümmert, im Zuge des Vulkanausbruchs des Vesuvs."

Die Mannheimer Ausstellung präsentiert bekannte und weniger bekannte Katastrophen der Weltgeschichte. Sie zeigt Lavabomben, wissenschaftliche Messinstrumente, historische Gemälde, Fotografien, Alltagsgegenstände, Filme und Großpanoramen. Gibt Auskunft darüber, wie Menschen Katastrophen zu erklären versuchten. Das Desaster, wie die Katastrophe in vielen Sprachen genannt wird, geht zurück auf das Wort "Unstern", womit im Mittelalter zunächst einmal gemeint war,

"dass bestimmte Sternenkonstellationen ein Unglück auf Erden ankündigen und dass man dadurch, dass man im Buch der Natur liest, erkennen kann, das was Schlimmes bevorsteht. Deswegen haben wir eine Abteilung Wunder, Zeichen, Glaube, also die Wunder der Natur, die Auskunft geben möglicherweise über zukünftige Unglücke."

Las man das Buch der Natur nur genau genug, so der Historiker Professor Gerrit Jasper Schenk, der die Ausstellung wissenschaftlich begleitet, konnte man ein Desaster durchaus voraussehen. Eine frühe Katastrophenprophylaxe also, die manchmal allerdings zur Verwirrung führte.

"Ein prominentes Beispiel haben wir am Beispiel der Sintflutfurcht von 1524. Da wurde wegen einer bestimmten Konstellation im Sternzeichen der Fische vorausgesagt, dass im Jahr 1524 eine neue Sintflut käme. Das war ein intellektuelles Problem, denn in der Bibel steht ja, es gibt eine Sintflut und es gibt den Bund Gottes mit den Menschen, sodass keine neue kommt. Und deswegen gab es einen Sintflutstreit darüber, findet sie nun statt, findet sie nicht statt, ist es eine kleine, eine große? Und da greift diese sehr alte Vorstellung, dass Katastrophen auch als Mahnung Gottes geschickt werden, seine Sünden zu bereuen und Buße zu tun oder um die Sünder zu bestrafen."

Auch, wenn man bereits früh versuchte, Naturereignisse physikalisch zu erklären – am Anfang aller Physik stand doch immer Gott und gab der Katastrophe ihren Sinn. Das Erdbeben von Lissabon allerdings am Allerheiligentag 1755 erschütterte diese Vorstellung des göttlichen Desasters. Der Schriftsteller Voltaire gar protestierte "im Namen der Vernunft":

"Landläufig steht das Lissabonner Beben ja immer dafür, dass es die europäische Geisteswelt extrem erschüttert hat, dass das Land sprachlos war, wie so etwas sein kann, wenn wir einen Gott haben. Wie das sein kann, dass so etwas auch noch an Allerheiligen passiert?"

Heute glauben wir nicht mehr, dass Gott die Menschen mit einem Naturereignis straft. Da ist kein höheres Wesen mehr, das von außen in die Weltläufte eingreift, um die Menschen zu mahnen. Doch als Mahnung gelten Katastrophen heute immer noch:

"Katastrophen sind sinnlos, aber damit stellen sie den Menschen erst richtig in die Verantwortung, denn dann geht es darum, wie gehen wir mit der Katastrophe um, wie bewältigen wir sie, wie leisten wir Vorsorge? Und damit haben Sie einen säkularisierten Sündendiskurs und den haben wir heute noch. Also wir sind selber verantwortlich, wenn was schief geht."

Oder wie die Koordinatorin des Forschungsprojekts "Bilder von Desastern" Professorin Monica Juneja es beschreibt:

"Wir haben nicht die Erklärung, wer die strafende Macht ist. Heute der Mensch bekommt die Strafe seines eigenen Handelns."

Heute ist der Mensch allein verantwortlich. Nicht für die Naturgewalt, aber dafür, dass er Städte auf Erdbebenkanten baut, Atomkraftwerke am Pazifischen Ozean, dass Prävention vernachlässigt wird oder Katastrophenhilfe fehlgeleitet.

"Wir kennen es aus dem Klimawandel, wir sind da ein geologisch wirksamer Faktor geworden durch die Großtechnik. Bei Fukushima ist es so, das Erdbeben, der Tsunami, das sind natürliche Faktoren, das hat nichts mit menschlicher Schuld zu tun. Aber es hat etwas mit menschlichem Handeln und Verantwortung zu tun, wie man sich gegen diese drohenden Katastrophen schützt oder nicht."

 

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