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FrankreichWeltgeschichte in Anekdoten

Die Vorfahren der Franzosen waren nicht nur Gallier. Das machen 122 Historikerinnen und Historiker deutlich, die an einem wuchtigen Geschichtsbuch mitgearbeitet haben, einer "Weltgeschichte Frankreichs". Sie zeigen, dass die französische Geschichte geprägt ist durch die Wechselwirkungen mit dem Rest der Welt.

Von Suzanne Krause

Vercingetorix-Denkmal in Alise-Sainte-Reine (Alesia). Dort hatten die Römer die Gallier im Jahr 52 vor Christus besiegt. (picture alliance / dpa /  MAXPPP)
Vercingetorix-Denkmal in Alise-Sainte-Reine (Alesia). Dort hatten die Römer die Gallier im Jahr 52 vor Christus besiegt. (picture alliance / dpa / MAXPPP)
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"Unsere Vorfahren, die Gallier" - dieses Credo prägte lange den Geschichtsunterricht in Frankreich. Im Mutterland und auch in den Übersee-Départements weitab. Doch sind die gallischen Vorfahren eher ein Mythos, angefeuert unter Napoleon III, um eine nationale Einheit zu schmieden. Damals hieß es, ganz Gallien sei von einem einzigen Volk bewohnt gewesen, das sich Caesar nicht unterwerfen wollte. In konservativen Kreisen wird dieser Mythos bis heute gern gepflegt, allen Forschungserkenntnissen zum Trotz. Elegant umschifft die vorliegende "Weltgeschichte Frankreichs" diese Gallier-Klippe: Die Frage nach der wahren Geburtsstunde Frankreichs bleibt hier unbeantwortet.

Historischer Bilderbogen

Das erste Kapitel lässt die Frühzeit auferstehen: 34.000 Jahre vor Christi Geburt. Urzeiten bevor das Territorium Frankreich genannt wurde. François Bon, Professor für Frühgeschichte, begleitet in einer fiktiven Reportage einen Clan von Cro-Magnon-Menschen in die Chauvet-Höhle in Südfrankreich. Reich an Felszeichnungen, die zu den ältesten weltweit zählen.

"Im Licht der Fackeln tanzen die Felswände und verschwinden dann wieder. Nach einer ziemlich langen Strecke halten die Wanderer an und befehlen dem Jüngsten, die Augen zu schließen. Als er sie wieder öffnet, fällt sein Blick auf in Ocker gemalte Rhinozerosse, auf Löwen und ein Mammut. Ein Stück weiter finden sich eingemeißelte rotgefärbte Bilder menschlicher Hände. Jemand deutet auf eines und sagt dem Jungen, dies sei der Abdruck, den die Mutter seiner Mutter hier hinterlassen habe. Er legt seine Hand darauf und spürt den frischen und feuchten Kalk."

36.000 Jahre später drängen sich wieder Besucher vor den Felszeichnungen, diesmal im 2015 eingeweihten detailgetreuen Nachbau, beschreibt François Bon. Doch, resümiert er: Der Wunsch, die wahre Bedeutung der urzeitlichen Bilder zu entschlüsseln, sei illusorisch. Stattdessen regt der Forscher an:

"Wenn wir im Angesicht dieser Wandmalereien das Gefühl haben, an den Quellen unserer Geschichte zu stehen, dann ist es nicht nur interessant, die Quellen zu hinterfragen, sondern ebenfalls dieses Gefühl."

"Pluralistisches Konzept der Geschichte"

146 Geschichtsdaten, chronologisch gegliedert, widmet das Autorenkollektiv je ein Kapitel. Es sind historische Momentaufnahmen, die Alltagsleben enthüllen. Wie im Kapitel zum Jahr 48. Hier wird erzählt, wie damals hochstehende Gallier ihr Recht auf einen Sitz im Senat in Rom einklagen wollten - einige mit Erfolg. Diese Episode belegt: Galliens Eliten bemühten sich früher als lange angenommen um Integration in das römische Reich.

Den Blick weiten dafür, dass die Landesgeschichte seit jeher in Wechselwirkung mit dem Rest der Welt steht, dieses Anliegen prägt das Werk, erklärt Patrick Boucheron, der Leiter des Projekts im Interview:

"Alle im Werk behandelten Daten dienen jeweils als Einstieg in langfristige historische Entwicklungen. Ein Beispiel: mein Kapitel zum Jahr 1539, da erließ Franz I, das Edikt von Villers-Cotterêts. Damit machte er statt Latein nun Französisch zur Sprache der Macht. In meinem Text spanne ich den Bogen bis 1992, zum Maastricht-Vertrag, der den EU-Staaten auferlegt, die Regionalsprachen anzuerkennen. Zum Leidwesen des jakobinischen Frankreichs."

Im Vorwort lässt Historiker Patrick Boucheron keinen Zweifel an den Ambitionen: "Die öffentliche Debatte über Frankreich und seine Geschichte ist verengt auf die Frage nach der nationalen Identität. Dem wollen wir ein pluralistisches Konzept der Geschichte entgegenstellen. Wir wollen den reaktionären Kräften das Monopol streitig machen, die Landesgeschichte mitreißend zu erzählen."

Ein Affront für reaktionäre Kreise

"Eine andere Geschichte Frankreichs ist möglich", jubelt die linksliberale Tageszeitung "Libération" in ihrer Buchkritik. Als "reiche und gelehrte Weltgeschichte" lobt die katholische Tageszeitung "La Croix" das Werk. Während das Referenzblatt "Le Monde" versichert: "Ein frischer Wind bläst durch Frankreichs Geschichte". Auf herbe Ablehnung stößt das Geschichtsbuch nur in reaktionären Kreisen. Der Vordenker rechts außen, der Schriftsteller und Journalist Éric Zemmour, bezeichnet das Werk als, Zitat: "großkalibrige Waffe im Dienste dessen, was historisch korrekt ist". Eine erfolglose Kritik an einem Bestseller: innerhalb von zwei Monaten wurden 80.000 Exemplare verkauft.

Die Begeisterung ist verständlich: Bei dieser Weltgeschichte Frankreichs handelt es sich um ein wissenschaftlich fundiertes Werk, das dennoch dank seines oft amüsierten Tons leicht zugänglich ist. Die Kapitel sind kurz, die Texte flott geschrieben. Auf Fußnoten wird verzichtet, dafür in jedem Kapitel weiterführende Literatur empfohlen.

Patrick Boucheron sagt: im Grunde sei es ihm darum gegangen, ein kollektives Porträt der geistigen Verfassung Frankreichs zu zeichnen. "Und wenn das Buch Leser findet, dann vielleicht deshalb, weil die Leser meinen, es bilde das Land ab, in dem sie Lust haben, zu leben. Allerdings: Man muss daran arbeiten, ein Land lebenswert, eine offene Gesellschaft zu erhalten. Das fällt ihr nicht einfach so zu."

Patrick Boucheron (Hg.): "Histoire Mondiale de la France"
Editions Seuil Paris, 800 Seiten, 29 Euro.

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