Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Hanse als globale Macht27.04.2017

Handel im MittelalterDie Hanse als globale Macht

Sie waren kühl kalkulierende Händler, ließen Waren von Handwerkern produzieren und übernahmen dann Logistik und Verkauf: Kaufleute aus 80 Städten schlossen sich vor acht Jahrhunderten zur Hanse zusammen. Sie war Basis für regionale Märkte und internationale Messen - jetzt gibt es neue Erkenntnisse über ihre Geschichte.

Von Barbara Weber

Europäisches Hansemuseum Lübeck: Raum Changes (Kay Riechers)
Fünf Helden der Hanse in ihren Pelzen und Brokatgewändern im Europäischen Hansemuseum Lübeck: sie waren einflussreiche Kaufleute und Stadträte. (Kay Riechers)
Mehr zum Thema

Die Hanse-Garde in Bremen Fechten und Schießen für die Tradition

Frieden von Stralsund Deutsche Hanse auf dem Höhepunkt ihrer Macht

Lübeck Die Hanse lebt und bekommt ein Museum

Hansischer GesichtsvereinÜber den Hansetag zu Lübeck 1518: Verein für Hansische Geschichte, Hrsg., Hanserecesse, Abth.3, Bd.7,1; 1836

Vorlesungsreihe von Professor Stuart Jenks: "Die Hanse im ersten Globalisierungszeitalter 1200 – 1500", Universität Erlangen

"Die Hansestadt Bremen ist im Begriff einen sensationellen historischen Fund zu bergen. Im Hafen wird eine in dieser Form bisher unbekannte Hansekogge aus dem Mittelalter gehoben." 

Deutsche Wochenschau, Oktober 1962.

"Sie wurde beim Ausbaggern des neuen Europahafens unter einer drei Meter hohen Sandschicht entdeckt. Die wertvollen Teile werden einzeln ausgegraben, nummeriert und später wieder zusammengesetzt."

"Das ist auf jeden Fall eines der besterhaltensten Schiffswracks des Spätmittelalters."

Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, März 2017.

"Das Schiff selbst ist 23 Meter lang."

Ein Schiffswrack wirft Fragen auf

Prof. Ruth Schilling steht vor dem mächtigen Schiffsrumpf. Sie koordiniert und konzeptioniert die neue Ausstellung rund um die mittelalterliche Kogge.

"Es ist in einer ganz bestimmten Weise gebaut, mit überlappenden Planken. Das nennt man Klinkerbau. Das ist eine Bauweise, die man heute noch im Holz -Schiffsbau verwendet. Es ist auch im Vergleich zu vorherigen Schiffen auf Ladungsfläche gebaut, das heißt, es bietet sehr viel Platz. Das sieht man auch von der anderen Seite ganz wunderbar, sehr viel Platz für Ladung."

"Eines der interessantesten Sachen für mich ist einerseits das Schiff selbst, aber auch das Holz, und hier die Stelle ist wunderbar, weil wir uns das Holz ganz genau angucken können. Das ist Eichenholz."

Doch wenn man genau hinschaut sieht man,...

"… dass das Eichenholz von minderer Qualität ist. Man sieht viele Astlöcher. Man sieht, dass das gesprungen ist und bereits im Mittelalter geflickt wurde. Und das führt dann zur Frage, warum man eigentlich so schlechtes Holz genommen hat?"

Schneller Bau, schnelles Geld 

Die Antwort kennt Dr. Mike Belasus, Archäologe am Deutschen Schifffahrtsmuseum:

"Man sieht tatsächlich, dass das Schiff sehr schnell gebaut worden ist. Dieses Schiff spricht von Kaufmannsgeist. Hier sollte ganz schnell, viel Geld gemacht werden."

"Was sie da oben sehen, ist der Deckaufbau, darüber war dann  das Segel, man muss sich die Höhe wirklich bis in das dritte Obergeschoss vorstellen, und bei dem Deckaufbau, der dort angedeutet ist, das ist das so genannte Kastell, also das gab bei mittelalterlichen Schiffen, wie bei Burgen, ein Bereich, der Kastell genannt wurde, der zur Verteidigung diente, der diente aber auch zum Regenschutz, um besonders fragile Güter auch zu schützen."

Den abgeflachten Boden konstruierten die Erbauer so, dass das Bremer Schiff auch auf Sandbänke auflaufen konnte ohne zu kippen. Das war auch erforderlich. Da die Seeleute den  Kompass noch nicht  kannten, mussten sie auf Sichtweite zum Ufer segeln.

Und noch etwas können die Wissenschaftler inzwischen mit Bestimmtheit sagen: Erbaut wurde die Kogge im Winter 1378/79.

"Es gibt noch eine ganze Menge an diesem Schiff zu forschen. Damals als das Schiff gefunden worden ist, hatte man zum Beispiel kaum irgendwelche Vergleichsfunde, und man hat sie auch nicht herangezogen. Heute können wir auf fast 30 Funde zurückgreifen, und hier können wir uns verknüpfen, um die Forschung weiterzubetreiben. Wir können auf so genannte Nachbarwissenschaften zugreifen, die wir auch für die Archäologie nutzen können."

Archäologische Spurensuche mit neuester Technik 

Zum Beispiel die Chemie:

"Wir können den Teer untersuchen und können auch da sagen, wo kommt dieser Teer eigentlich her?"

Daraus lassen sich Rückschlüsse über Handelsverknüpfungen ziehen. 

"Wir können das ganze Schiff hydrostatisch durchrechnen. Wir können mit Beladungen spielen. Wir können uns überlegen, nicht nur überlegen, sondern auch überprüfen, wie wurde dieses Schiff beladen, das macht wiederum die Computertechnik möglich."

Dass es sich um ein Frachtschiff handelt, ist klar. Aber war es eine Kogge? Und was heißt eigentlich Kogge? Wurden womöglich alle Frachtschiffe im Mittelalter Kogge genannt oder galt die Bezeichnung nur für einen bestimmten Schiffstyp?

Über 600 Jahre Erfolg mit dem Handelsnetzwerk

Ungeklärte Fragen betreffen auch die wirtschaftlichen Aspekte:

"Wann hat sich so ein Schiff eigentlich gelohnt? Wieviel musste es laden, wohin musste es fahren und wohin konnte es überhaupt fahren? Welche Bedeutung hatte so ein Schiff tatsächlich in der Gesellschaft. War es die Geldmaschine oder war es das Aushängeschild des Kaufmanns?"

Endgültige Antworten auf diese Fragen gibt es noch nicht.

Zu sehen ist eine Kogge, die in der Kogge-Halle des Deutschen Schiffahrtsmuseums ausgestellt ist. (Wolfhard Scheer/Deutsches Schiffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für deutsche Schifffahrtsgeschichte)Schneller Warenaustausch, schnelles Geld: eine Bremer Kogge aus dem Jahr 1380, eines der am besten erhaltenen Schiffswracks des Spätmittelalters. (Wolfhard Scheer/Deutsches Schiffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für deutsche Schifffahrtsgeschichte)

Was man heute allerdings mit Sicherheit sagen kann: Mittelalterliche Frachtschiffe wie das 1962 in Bremen geborgene, bildeten die Grundlage für eines der erfolgreichsten Handelsnetzwerke aller Zeiten, das zudem über 600 Jahre bestand.

Fahrgemeinschaften bieten Fernhändlern Schutz

"Wir sehen hier zwei Nachbauten der sogenannten Kollerup-Kogge."

Ortswechsel. Europäisches Hansemuseum Lübeck. Prof. Rolf Hammel-Kiesow, bis vor kurzem wissenschaftlicher Leiter und verantwortlich für die Konzeption des Museums, steht in einer düsteren Inszenierung: Im Schilf verborgen blicken die Besucher auf zwei Schiffe, die scheinbar am Ufer liegen, beladen mit Kisten, Säcken und Fässern. Im Hintergrund auf einer Leinwand wechseln virtuelle Impressionen von  Meer, Gesichtsausschnitten, Bergen.  

"Die Kollerup-Kogge war ein Schiff, das um 1200 an der Nordspitze von Jütland bei Kollerup unterging. Mit Schiffen dieser Art sind diese frühen niederdeutschen Kaufleute auf diesem weiten Weg von Lübeck oder später von Wismar, Rostock usw. nach Nowgorod beziehungsweise bis in den Finnischen Meerbusen oder in den Ladogasee gefahren, wo die Waren dann umgeladen werden mussten."

Die Schiffe ähneln dem im Deutschen Schifffahrtsmuseum, sind ungefähr 22 Meter lang und konnten mit 30 Tonnen beladen werden.

Auftritt im Russlandhandel

"Wir haben diesen Raum 1193 am Ufer der Newa deswegen gewählt, weil am Ufer der Newa die niederdeutschen Kaufleute, die nach Nowgorod fahren wollten und die bis dorthin in einzelstädtischen Fahrtgemeinschaften fuhren, also die Münsteraner für sich, die Soester für sich, die Lübecker für sich, dort haben sie sich zusammengeschlossen zu einer großen Einung, …"

… - im Nordwesten Europas auch Hansen genannt, abgeleitet vom althochdeutschen "Hansa", was "Schar" bedeutet - …

"… ihren Ältermann gewählt und sind ab da nur noch als geschlossene Gruppe im Russlandhandel aufgetreten, hatte natürlich ungeheure ökonomische Vorteile, hatte auch große Vorteile, was die militärische Durchschlagskraft anging. Und dieses Prinzip eines Zusammenschlusses von rechtsgleichen Männern ohne hierarchische Spitze, denn dieser Ältermann, das war der Primus inter Pares, aber kein Vorgesetzter, das ist praktisch die verfassungsrechtliche Grundlage der Hanse geblieben bis an ihr Ende. Und deswegen haben wir das so paradigmatisch an den Anfang der Ausstellung gestellt."

Der sich anschließende Raum mit Faksimiles alter Urkunden und archäologischen Funden belegt die frühen Handelsbeziehungen:

"Das hier zum Beispiel ist der in Kyrillisch geschriebene älteste Handelsvertrag zwischen den deutschen Kaufleuten, Gotländern und dem Fürsten von Nowgorod von 1191/92. Damals bekamen sie das Recht, in Nowgorod eine Niederlassung zu errichten."

Exklusiver Handel mit dem Ostsee-Raum 

Die zweite wichtige räumliche Wurzel der Hanse belegt ein weiteres Schriftstück:

"Das hier ist die Urkunde des Vertrags von Smolensk von 1229, also mit dem Fürsten von Smolensk. Dort sind als Zeugen niederdeutsche Kaufleute mit ihren Herkunftsstädten eingetragen, also woher sie kamen. Und wenn man das jetzt kartiert, das sind hier also zum Beispiel Groningen, Dortmund, Soest, Münster, Bremen, das heißt von Friesland über die Niederlande über das Rheinland über Niedersachsen bis an die südliche Ostseeküste mit Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, bis hoch nach Visby und Riga, kann man sehen, dass 1229 die Kaufleute aus diesen Städten am Nowgorod Handel beteiligt waren, und dann sieht man eben auch sehr schön, dass dieser Ost-West-Zug oder West-Ost-Zug sich bereits im 13. Jahrhundert eindeutig erkennen lässt, und das ist das, was die Hanse dann groß machte, diese vielen Städte, die in dem Ostsee-Raum ihren Handel trieben."

Aber warum nehmen die niederdeutschen Kaufleute diese Strapazen auf sich? Warum segeln sie ausgerechnet nach Nowgorod? Was macht diesen Ort so attraktiv? 

"Weil bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts hatte Nowgorod indirekte Handelsverbindungen nach Indien, nach China usw., das heißt, da oben konnte man diese wertvollen Waren erstehen, also Seide, Weihrauch, Gewürze usw."

Hier gilt – salopp formuliert ….

"… dass man im Prinzip die Reise nur überleben muss, und dann hat man einen Batzen Geld verdient", so Prof. Stuart Jenks im Rahmen einer Vorlesung an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Hansen wiederum hatten auch einiges zu bieten, wie archäologische Funde zeigen: zum Beispiel Silber, Blei, Buntmetalle und Tuche – zunächst aus England, später auch aus Flandern.

Modernes Mittelalter? - Die Hanse und der Kapitalismus

"Der Übergang vom mittelalterlichen zum modernen Kapitalismus ist fließend. Ich bin der Ansicht, es gibt gar keine mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte, außer in der Landwirtschaft. Alles andere zeigt einen unmittelbaren Übergang von antiken zu modernen Formen."

Die Vorläufer dieser modernen Formen des Kapitalismus, der Güterherstellung und des Handels, lassen sich auch schon zur Zeit der Hanse zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert beobachten - so Stuart Jenks.

Der Historiker ist der Überzeugung, dass die klassischen Elemente des Kapitalismus schon zur Zeit der Hanse existierten:

"Der primäre Sektor, das ist die Urproduktion: Getreide anbauen, Erze fördern, all die Dinge, die zur Urproduktion gehören. Der sekundäre Sektor ist die Verarbeitung dessen, was im primären Sektor erzeugt wurde, also das Dreschen und Mahlen und Backen von Getreide oder aber die Verhüttung, die Metallverarbeitung, das Schmieden von Schwertern und Klingen und Stecknadeln aus Metall. Der dritte oder tertiäre Sektor ist Dienstleistungen, also das, was verkauft wird, alle möglichen Dienstleistungen vom Haare schneiden bis zum Investmentbanking gehören zum tertiären Sektor."

Koordinierende Kaufleute, Beginn der Standardisierung

Genau dieses Muster findet sich in Ansätzen auch schon im Zeitalter der Hanse: Das Bindeglied zwischen den einzelnen Sektoren bildet im Mittelalter der sogenannte Verleger oder Kaufmann. Er koordiniert die dezentralen einzelnen Arbeitsgänge. Dieser Verleger – daher der Name – legt dem Handwerker ein Produktionsmittel oder einen Rohstoff vor, zum Beispiel Wolle, die der Kaufmann in England besorgt hat. 

"Er gibt ihm aber auch eine Arbeitsanweisung, als er ihm den Auftrag gibt, und bei der Abnahme  kontrolliert der Verleger die Qualität dessen, was der Handwerker produziert hat, dass er die Standards einhält, die richtige Größe, das richtige Gewicht, die richtige Zahl von Kettfäden, und so weiter."

So lassen sich in großem Stil Waren produzieren und standardisieren.

"Schönes Beispiel: 1429 haben wir eine kleine Anweisung von einem italienischen Agenten in Southampton im Süden von England. Denen wird gesagt: Fahlgelb ist die Farbe der Saison in Alexandrien. Sieh mal zu, dass Du die Webertücher in so fahles Gelb, cremefarbenes Gelb produzieren lässt.

1429 haben wir schon Modefarben. Und die wollen das in dem und dem Gewicht haben, weil es natürlich warm da unten in Ägypten ist und so weiter und so fort. Er gibt Anweisung auf der Grundlage seiner Kenntnis der Weltmärkte, und sorgt durch diese Anweisung einmal für die Standardisierung der Ware und zum anderen für die Weltmarktfähigkeit des Produkts. Das wiederum wäre einem kleinen Handwerker, sagen wir mal hinter Bubenreuth, nicht möglich.

Der hat einfach keine Ahnung von Weltmärkten. Also wir kombinieren lokale Handwerker mit wirklich sehr begrenztem Horizont mit einer weitläufigen Kenntnis der Weltmärkte und was da weltmarkfähig ist, und wir produzieren standardisierte Waren, die garantiert abzusetzen sind."

Ein weiterer Aspekt sind Informationen: Die Frage ist weniger, ob der Händler eine Information in Sekundenschnelle über das Internet bekommt oder von einem berittenen Kurier. Die Frage, die sich Kaufleuten über alle Jahrhunderte hinweg gestellt hat, ist: Habe ich die Information schneller als mein Konkurrent? Dazu Prof. Rolf Hammel-Kiesow:

"Die Techniken sind natürlich viel ausgefeilter geworden. Die Geschwindigkeit ist viel größer geworden, aber das Grundproblem, das ist zur Hansezeit genau das gleiche gewesen wie zur heutzutage auch noch."

Handel und Kontore - Die Hanse auf internationalen Märkten

Europäisches Hansemuseum Lübeck: Raum Oude Halle in Brügge (Werner Huthmacher)Europäisches Hansemuseum Lübeck: Raum Oude Halle in Brügge (Werner Huthmacher)

"Wir sind in Brügge, im Jahr 1361, und zwar in der Ouden Halle, dem großen Kaufhaus des damaligen Brügge, wo sowohl fremde Kaufleute aus dem Ausland als auch flämische Kaufleute, also auch Brügger Kaufleute, ihre Waren verkaufen durften."

Der Ausstellungsraum, in dem Prof. Rolf Hammel-Kiesow jetzt steht, wird links und rechts gesäumt von mittelalterlichen Marktständen. Die Oude Halle ist – im Gegensatz zum angrenzenden Grote Markt, wo Händler Güter des täglichen Bedarfs anbieten – erleseneren Produkten vorbehalten.

Tuche aus Flandern - Pracht der Vielfalt

"Die wichtigste Ware waren Tuche, weil Flandern ein Zentrum der Tuchherstellung war."

Die ausgestellten Tücher wurden originalgetreu nachgewebt und sind "alle entweder nach archäologischen Funden oder nach Webanweisungen des frühen 15. Jahrhunderts hergestellt worden, das heißt, wir haben Kammgarn genommen, wo Kammgarn vorgeschrieben war. Wir haben die unterschiedlichen Gebindearten, Körperbindung wie sie heute noch bei Jeansstoffen verwendet wird usw. genommen, und das kann man an den einzelnen Tuchen begreifen."

Leinen, Wolltuche, Mischgewebe liegen auf den Regalen der einzelnen Marktstände.

"Ich denke, hier sieht man sehr schön, wie bunt das Mittelalter war. Das wird in Filmen immer so ein bisschen runtergespielt, da ist alles immer so grau. Und hier sehen wir die Farbigkeit und die Vielfalt des Mittelalters in seiner ganzen Pracht."

… ergänzt Dr. Angela Huang, Historikerin an der Universität Kopenhagen und demnächst Nachfolgerin von Rolf Hammel-Kiesow am Hansemuseum.

"Das sind Seidentuche, die bis zum Ende des 13. Jahrhunderts hauptsächlich aus China, aus dem Nahen Osten importiert wurden, die aber seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts in Italien gewebt wurden. Mit Industriespionage haben die Italiener sich die Kenntnisse angeeignet. Oben links ein ganz typisches Lilienmuster der damaligen Zeit, und zwar sind die Lilien mit Goldfäden auf blaue Seide aufgestickt. Rechts sehen wir dann Fabeltiere, Drachen, hier Adler. Dieses rote Tuch hier hat sehr große Ähnlichkeit mit dem Krönungsmantel von Friedrich II., der ja auch erhalten ist, hier die Löwen, auch wieder Gold auf grüner Seide aufgestickt."

Mode für Klerus und Adel

"Ich denke, das sind Luxuswaren. Die sind schon nicht für den Bürger von der Straße. Ich denke, das ist überwiegend Konsumption des Adels", so die Historikerin.

"Adel und Kirche vor allen Dingen, denn die Seidentuche, die erhalten sind, die stammen zu ungefähr 80, 90 Prozent aus den Domschätzen der Kirchen", erläutert Hammel-Kiesow.

"Entsprechend sehen wir mit den Textilien auch die Bandbreite des mittelalterlichen Verbrauchers. Leinwand mehr und mehr im 14. und dann vor allem im 15. Jahrhundert auch durch den einfachen Bürger. Wolltuche dann eher schon eine Ware der Oberschicht, gerade die flandrischen Tuche, und dann eben hier Adel und Kirche", ergänzt Dr. Angela Huang.

"Und die Abstufung gab es eben auch bei unserem Nowgorod-Händler, dessen Stand wir hier haben, mit seinen Pelzen. Am höchsten war natürlich Hermelin und Zobel angesiedelt. Hermelin haben wir da oben ein bisschen. Und für die einfacheren Leute war es dann eben der Rotfuchs und was es sonst noch alles gab", erklärt Rolf Hammel-Kiesow.

Europäisches Hansemuseum Lübeck: Raum: Kontor Bergen (Werner Huthmacher Berlin )Europäisches Hansemuseum Lübeck: Raum Kontor Bergen (Werner Huthmacher Berlin )

Köln - ehemals größte deutsche Stadt - war Hansemitglied

Der Stand daneben hat Waffen im Angebot:

"Vom Kettenhemd bis zum neuesten Schrei der damaligen Rüstungsmode, den aus einem Stück Stahl geschmiedeten Brustpanzer, aber das war auch was, das konnte sich nur der Adel leisten. Da war auch ein normaler Ritter weit davon entfernt, sich sowas anschaffen zu können. Dann gibt es noch einen speziellen Stand für Köln. Köln war ja die größte deutsche Stadt damals, auch die größte Stadt, die auch Mitglied in der Hanse war."

Kölner Tuchmacher spezialisierten sich auf die Tuchveredelung. Auch für ihre Seide war die Stadt berühmt, "wo auch die Frauen eine ganz bedeutende Rolle in der Produktion gerade der Seidentücher und Seidenstoffe hatten. Das hier war ein Exportschlager von Köln. Das sind kleine Säckchen zur Aufnahme von Reliquien, die aus reiner Seide gemacht wurden oder Seide mit ein bisschen Leinen nur und hier unten der so genannte Kobler, das war blaues Leinen, das weltweit von den Kölnern damals verhandelt wurde."

Daneben bieten Händler Südfrüchte und Gewürze an wie Mandeln, Feigen, Safran oder Zimt aus dem nahen und fernen Osten, Geschirr oder Glasspiegel aus Italien.   

"Je kleiner der Markt, umso mehr Schranken"

Voraussetzung für den internationalen Handel waren freie Märkte. Stuart Jenks erforscht die Hierarchie der Märkte. Er unterscheidet zwischen kleinen, lokalen Märkten, regionalen Märkten und internationalen Märkten wie beispielsweise Frankfurt oder Brügge.

Märkte unterschieden sich auch in Bezug auf ihre Abgaben:

"Je kleiner der Markt, umso mehr Schranken. Der Wochenmarkt irgendwo auf dem flachen Lande ist gut abgeschottet gegen die Nachbarn vom nächsten Dorf."

"Die Bäcker in der Stadt schützen ihr Gewerbe, ihr Einkommen gegen die Bäcker jenseits der Stadtmauer. Also um Himmels Willen soll kein Bäcker aus Möhrendorf oder Bubenreuth irgendwelche Brötchen in Erlangen verkaufen, da sind die Erlanger Bäcker fuchsteufelswild. Also, je kleiner der Markt, umso abgeschotteter ist er, je größer der Markt, umso schrankenloser ist die Sache.

Geht so weit, dass die Messen von Lyon als sie gegründet werden als Konkurrenzunternehmen zu den Messen von Genf, da musste der König von Frankreich was bieten, also was sagt er? Die Devisenkontrollen sind aufgehoben für alle Marktbesucher. Und zweitens: Es gibt keine Zölle. Sechs Wochen lang in Lyon, könnt ihr machen, was ihr wollt, könnt untereinander handeln, ihr könnt Kapitalien hin- und hertransferieren, sobald die Messe vorbei ist, ist Schluss mit lustig."

Kontore in Brügge, London, Bergen, Antwerpen

Die Voraussetzung für den internationalen Handel auf Märkten schufen die Hansen mit den Kontoren, den Hauptniederlassungen, relativ autonome Gebilde in der gastgebenden Stadt, in die der jeweilige Stadt- oder Landesherr sich nicht einmischte. Es gab Kontore in Brügge, London, Bergen und später in Antwerpen. Hinzu kamen 44 kleine Niederlassungen. Die Mitglieder der Hanse vereinbarten Handelsprivilegien. Deshalb war es attraktiv, Mitglied der Hanse zu sein.

Das wiederum konnten Kaufleute werden, indem sie bei einem Kontor die Mitgliedschaft erbaten. Rolf Hammel-Kiesow:

"Das ist gut überliefert: Londoner Stalhof, ein etwa 7000 Quadratmeter großes Areal am Nordufer der Themse, auf dem die Hansekaufleute ihre Niederlassungen hatten. Da müssen sich die Kaufleute vorstellen vor der Versammlung aller Kaufleute, die dort zu diesem Zeitpunkt sind. Dann werden sie vom Ältermann und vom Sekretär befragt nach ihren Waren, nach ihren Vermögensverhältnissen, ob das auch alles ihr eigenes ist. Es kristallisiert sich dann natürlich sowas wie ein Leumund raus und am Schluss wird dann eben beschlossen, er darf dabei sein oder er darf nicht dabei sein."

Reiche Kaufleute brachten als Ratsmitglieder die Städte ein

Da in den neu erblühenden Städten im Mittelalter reiche Kaufleute herausragende Positionen im Rat der Stadt hatten, kam so die Mitgliedschaft der Städte ins Spiel.

Städte versuchten, sich aus der Vorherrschaft des Adels zu lösen und direkt dem König zu unterstellen. Das gelang sehr erfolgreich Lübeck, der Keimzelle der Hanse und 1143 ersten deutschrechtlichen Stadt an der Ostseeküste überhaupt. Im Lauf der Jahrhunderte kamen weitere unabhängige Städte hinzu, denn Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Hanse ist die Vertretung wichtiger Kaufleute im Rat der Stadt.

"Eine Stadt wuchs hinein in die Hanse, das heißt, die Kaufleute, die im Ausland Handel trieben, die bildeten eine Gemeinschaft, und die Hanse nannte sich am Anfang 1358 auch noch 'de Stede van de dudeschen Hense', das heißt, die Hanse, das war die Gemeinschaft der Kaufleute und da gehörten dann die Städte auch dazu."

Zeitweise zählte die Hanse 70 bis 80 Städte als feste Mitglieder, die die Hansetage besuchten auf denen über die Außenhandelspolitik beraten wurde. Dazu kamen 130 kleinere Städte, deren Fernkaufleute hanseatische Privilegien nutzten.

Global Player des Mittelalters

Kann man also von Globalisierung sprechen?

"Ich würde es nicht Globalisierung nennen, vielleicht besser Europäisierung. Da wurden Grenzen überschritten, auch schon in wirtschaftlicher Hinsicht. Und so haben natürlich die hansischen Kaufleute durch die Verdichtung der Geschäftstätigkeit und das Aneinanderbinden der Märkte, vor allen Dingen des Nordöstlichen Europas an Mittel- und Westeuropa einen wesentlichen Beitrag zum grenzüberschreitenden und immer dichter werdenden Handel beigetragen. Und das war ein Bausteinchen von den vielen Bausteinchen, die es gab, um die Welt dann soweit zu führen, dass wir heute von einer weltumfassenden Globalisierung sprechen können."

Mitglieder der Hanse sind kluge Fernhändler und verfügen über das Wissen ihrer Zeit: Sie können schreiben und rechnen; sie sprechen Fremdsprachen und besitzen Kapital; sie bewegen sich selbstverständlich auf internationalem Parkett; und sie sind weitblickende, durchsetzungsstarke Politiker, notfalls auch mit Waffengewalt.

Krieg gegen König Waldemar IV.

Erstmalig führten Bürger gegen einen König Krieg. Die Monopolstellung der Hanse im Nord- und Ostseeraum missfällt dem dänischen König Waldemar IV. In zwei Kriegen kann sich der Städtebund gegen das Königreich durchsetzen.

Der Sieg im Jahr 1370 verschafft der Hanse auch politisches Gewicht. Im Frieden von Stralsund erhält sie ein Mitspracherecht bei der Wahl des dänischen Königs. Der Vertrag zwischen einem Königreich und bürgerlichen Kaufleuten gilt als ein Höhepunkt in der Geschichte der Hanse. Die Hanse war zu einer europäischen Großmacht geworden.

Doch dann, im 16. Jahrhundert, verliert die Hanse ihre Bedeutung.

Auf dem letzten Hansetag 1669 waren gerade mal sechs Städte dabei, drei ließen sich vertreten. Die Gründe dafür verrät der letzte Raum im Europäischen Hansemuseum.

Überlebensgroß stehen auf einem Podest fünf Helden der Hanse in ihren Pelzen und Brokatgewändern.

"Das sind fünf herausragende Politiker der Hansestädte und der Hanse vom Anfang des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, hier in Übergröße dargestellt, damit man ihre Bedeutung, deren sie sich auch sehr bewusst waren, noch so richtig deutlich spürt.

Also es geht um Jürgen Wullenwever, Bürgermeister von Lübeck, Sudermann, der erste Syndicus, also Rechtsberater der Hanse, Gloxin, der die Hanse auf dem Westfälischen Frieden vertreten hat, ein Bremer Bürgermeister, Krefting, das war der führende Außenpolitiker am Anfang des 16. Jahrhunderts der Hanse, ein Hamburger Bürgermeister, Schulte. Und die stehen hier noch im Vollbesitz ihrer Kräfte und ihre Städte haben sie auch noch einigermaßen hinter sich, aber sie starren ganz gebannt und ungläubig auf das, was an dieser Wand vor ihnen abläuft.

Und hier vor ihnen läuft ab, was sich im 16. Jahrhundert hauptsächlich und im 17. Jahrhundert in Europa alles so Schlag auf Schlag geändert hat und die ursprünglich Machtstellung der Städte so unterminiert hat, dass sie in diesem neuen Konzert der Mächte überhaupt nicht mehr mithalten konnten und dass es auf diese Veränderungen ankam, die eben diese Veränderungen der Hanse dann bewirkten. Und um das zu unterstreichen, läuft dann eben nicht gerade im Hintergrund, aber doch ziemlich laut von David Bowie "Changes".

Amerikas Entdeckung leitet die Wende ein

Nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien verlagert sich im 16. Jahrhundert der Welthandel, und die Hanse verliert in den nächsten Jahrhunderten ihre globale Bedeutung. Zudem mussten mit der Festigung der Territorialstaaten im Ostseeraum einige nicht reichsfreie Hansestädte ihre Mitgliedschaft aufgeben.

Offiziell aufgelöst hat sich die Hanse nie – genauso wie es keine offizielle Gründungsurkunde gibt.

Sie war ein so mächtiger Global Player, dass sie sich mit Königen anlegte, Millionen an Werten verhandelte und dem Bürgertum zu ungeahnter Blüte verhalf.

Ihre internationalen Beziehungen umfassten fast das gesamte heutige Europa. Sie hat ihren Beitrag geleistet zum wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenwachsen Europas, aber "die Hanse war kein Vorläufer der EU, weil die Hanse keine europäische Organisation war, sie war eine niederdeutsche Organisation, aber sie war europaweit tätig. Die Hanse war ein Schritt auf dem Weg nach Europa zu einem gemeinsamen europäischen Bewusstsein, aber sie war bei Gott kein Vorläufer der EU."

Literatur:

Europäisches Hansemuseum, Katalog, Lübeck 2016    

Hammel-Kiesow, Rolf; u.a.: "Die Hanse"
Theiss Verlag, Darmstadt 2015, 14,95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk