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StartseiteTag für Tag"Irgendwie durchschlagen"12.09.2012

"Irgendwie durchschlagen"

In Brasilien leben immer mehr Menschen in zerrütteten Familienverhältnissen

Brasilien ist das größte katholische Land der Welt. Doch das heißt noch lange nicht, dass die Gläubigen den katholischen Moralvorstellungen folgen. In den zahlreichen Favelas sind Eheschließungen unüblich, Partnerwechsel dagegen häufig.

Von Klaus Hart

Blick auf die Favela da Rocinha in Rio de Janeiro: 85 Prozent aller Brasilianer lebt in der städtischen Peripherie. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Blick auf die Favela da Rocinha in Rio de Janeiro: 85 Prozent aller Brasilianer lebt in der städtischen Peripherie. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
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"Auch in der Erzdiözese von Sao Paulo ist die klassische Familie nicht mehr in der Mehrheit – wir haben inzwischen alle Formen familiärer Zusammenschlüsse. In den Slums trifft man auf Frauen mit vielen Kindern – doch unglücklicherweise ist jedes von einem anderen Mann."

Sagt Ester dos Santos, Leiterin der katholischen Familienseelsorge in der Megacity Sao Paulo mit weit über 2600 Elends- und Armenvierteln.

"Die traditionellen Werte der Familie sind Stück für Stück zerstört worden – wir sehen die Folgen im Alltag. Mir tut diese junge Generation heute leid. Brasiliens Jugend wird vom Rauschgift beherrscht – ich selber hatte einen drogensüchtigen Sohn."

Vor rund 50 Jahren zählte Brasilien nur etwa 71 Millionen Einwohner – die meisten von ihnen lebten fernab der Städte im Hinterland. Heute sind es über 192 Millionen Brasilianer. Ungezählte Kleinbauern- und Landarbeiterfamilien wurden von Großgrundbesitzern vertrieben, es kam zu einer regelrechten Landflucht, die auch Entwurzelung, Identitätsverlust und soziale Zersplitterung bewirkte. Rund 85 Prozent der Brasilianer leben derzeit in großen Städten, meist an der Peripherie. Dort herrschen Chaos und Gewalt, das Organisierte Verbrechen hält alle Fäden in der Hand.

Die katholische Kirche ist hier, in den Slums, in ihren Einflussmöglichkeiten beschränkt, ohne das Okay der schwerbewaffneten Slum-Herrscher geht nichts. Die Geistlichen arbeiten oft unter Lebensgefahr, regelmäßig werden Padres ermordet. Ester dos Santos von der "Pastoral da Familia" gehört zu einer katholischen Gemeinde, die an Slums grenzt.

"In unserer Kirche gibt es fast keine Eheschließungen mehr. Die Frauen leben meist mit den Kindern alleine – häufig wurde der Mann ermordet. Ich habe schon viele Morde gesehen. Bei unserer Seelsorge sind wir so flexibel wie möglich – anders als sehr rigide evangelikale Religionsgemeinschaften. Ich selbst war ja früher eine Evangelikale. Kommen zwei nichtkatholische Homosexuelle, die ein Mädchen adoptiert haben, in unsere Kirche, um es taufen zu lassen, weisen wir sie nicht ab. Selbst Spiritisten kommen mit ihren Babys. Die Realität stellt uns vor viele schwierige Situationen, sodass wir Gott um Orientierung bitten. Wie Christus es gelehrt hat, nehmen wir die Sünder auf, aber verurteilen die Sünde. Das stellen wir stets klar."

In Sao Paulos Favela Cachoeirinha sind die Gründe offensichtlich, die die Familien zerrütten. Tausende hausen in provisorischen Katen aus Papp- und Holzresten ohne jegliche Privatsphäre, in direkter Nähe zu einer stinkenden Kloake, mit Schlangen und Ratten. Es gibt Tuberkulose und Lepra, viele Bewohner haben schweren Hautausschlag, vor allem im Gesicht. Hier lebt Cleide de Souza seit über 14 Jahren mit ihrem behinderten Mann und den vier Kindern. Sie schmeißt den armseligen Haushalt. Pro Kopf stehen der Familie monatlich nur umgerechnet 30 Euro zur Verfügung, aus staatlicher Hilfe und Gelegenheitsarbeit.

"Bei den vielen Tropenregen läuft Abwasser von hinten in die Kate rein, vorne wieder raus, in den Kloakegraben – mein kleinster Sohn hat chronische Bronchitis, für den ist das besonders schlecht."

Rosilene Dias ist 33 Jahre alt, gerade schwanger und hat ihre Elendshütte mit nur einem Raum ganz in der Nähe:

"Mit dem im Bauch habe ich sieben Kinder – ein bisschen Geld kriege ich von deren Vätern. Vom Staat lässt sich hier niemand blicken, von dem kriege ich keinen Centavo. Manchmal helfen mir die Nachbarn – aber die haben ja selber nicht viel. Also muss ich mich irgendwie durchschlagen."

Ganze 12 Euro pro Monat stehen ihr zur Verfügung, dabei ist Brasiliens Preisniveau dem deutschen ähnlich. Viele Slumbewohner sind körperlich oder geistig behindert. Immer wieder werden psychisch kranke Mädchen und Frauen vergewaltigt – die ihrerseits Kinder zur Welt bringen. Auch gibt es Elendsprostitution. Orlando Pestana zählt zu den Menschenrechtsaktivisten der katholischen Basisgemeinde von Cachoeirinha. Sie verteilt Lebensmittelspenden und legt sich mit der Präfektur Sao Paulos an.

"Das ist gegen die Menschenwürde, so viele Leute, so viele Kinder in diesem Schlamm, diesem Moder hausen zu lassen, die sich dann alle möglichen Krankheiten holen. Man sieht – oft hängt vor dem Eingang zum fensterlosen Hüttenraum nur ein Lappen: Die Drogenmafia ist hier sehr stark, die beobachtet jeden. Die Polizei kommt und geht wieder – aber die Banditenkommandos bleiben und terrorisieren die Bewohner. Menschen von außerhalb, die das hier nicht kennen, lassen sich schwerlich für diese Situation sensibilisieren."

Auch Eliane Takeko, ebenfalls katholische Aktivistin, fordert zuallererst menschenwürdige Unterkünfte. In den engen Hütten lebten die Menschen buchstäblich übereinander. Und das in Brasiliens reichster Stadt. Ein Familienleben, das seinen Namen verdient, werde da schwierig bis unmöglich.

"Die Frauen suchen sich gewöhnlich einen Mann – der macht ihnen ein Kind und haut wieder ab. Ganz wenige sind hier verheiratet oder, fest liiert."

Bernard Daly ist Slumpfarrer in Cachoeirinha. Daly stammt aus Irland. Er sieht es als ein Hauptproblem, dass das Bildungsniveau der Slumbewohner extrem niedrig ist.

"Ohne Bildung wird Brasilien nie besser – Leute ohne Bildung, diese vielen Analphabeten hier kennen ja nicht mal ihre Rechte. Die anderen Staaten der BRICS-Ländergruppe, China, Russland, Indien und Südafrika sind bereits viel weiter, viel besser."

Seit Jahresbeginn brannten in Sao Paulo 32 solcher Elendssiedlungen nieder. Überall in der Stadt kampieren deshalb noch mehr obdachlose Familien auf Gehsteigen und Plätzen.

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