Montag, 27. Juni 2022

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"Frauen sind keine Legehennen"

Die Vorsitzende der Jungen Union in Bayern, Katrin Albsteiger spricht sich sowohl für den Krippenausbau als auch für das Betreuungsgeld aus. Ihre Partei wolle "Wahlfreiheit bieten". Die Aussage, dass Kinder, die während der ersten drei Jahre zu Hause erzogen werden, weniger Bildungschancen bekommen, hält sie für falsch.

Katrin Albsteiger im Gespräch mit Jürgen Liminski | 05.04.2012

Liminski: Herdprämie – Nadine Lindner sammelte diese Wortmeldungen. – Man könnte das Wort auch übersetzen mit "Prämie fürs Kochen und überhaupt die Hausarbeit". Genau darum geht es auch: die Arbeit im Haus und in der Familie soll anerkannt werden. Sie hat eine tiefergehende Wirkung, sie schafft Bindung. Und die Bindungsforschung ist nichts für kurzatmige Pauschalierungen und kurzfristige Studien. Alle langfristigen Studien kommen zu dem Schluss, das Kind braucht jemand, der alles für es tut. "Who ist crazy for it", so sagt es der britische Wissenschaftler Jay Belsky. Und noch etwas ist unbestritten, der Vorrang der emotionalen Stabilität einer gesunden Bindung auch für die späteren Bildungschancen des Kindes. Deshalb gilt der Grundsatz: Bindung geht vor Bildung. Von all dem ist bei der Betreuungsdebatte kaum die Rede, dafür umso mehr von den Erfordernissen des Arbeitsmarkts, und das ist auch verständlich, denn muss dem Staat nicht eher daran gelegen sein, die gut ausgebildeten Mütter möglichst rasch wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern? Und was passiert eigentlich in der CSU, wenn das Betreuungsgeld scheitert? – Zu diesen und anderen Fragen begrüße ich jetzt die Vorsitzende der Jungen Union Bayern, Katrin Albsteiger. guten Morgen, Frau Albsteiger.

Katrin Albsteiger: Guten Morgen, Herr Liminski.

Liminski: Frau Albsteiger, hat Arbeitgeberpräsident Hundt nicht Recht, wenn er seine Sorge darüber äußert, dass junge Mütter nicht früher in den Arbeitsprozess zurückkehren, wegen des Betreuungsgeldes?

Albsteiger: Also aus meiner Sicht habe ich natürlich Verständnis dafür, dass die Wirtschaft an guten Arbeitskräften interessiert ist, und die Wirtschaft braucht ja auch Arbeitskräfte. Aber ich habe das schon mehrmals deutlich gesagt: Frauen sind keine Legehennen, die kurz mal ihr Kind auf die Welt bringen und dann möglichst nach acht Wochen wieder zurück ins Unternehmen gehen. Wir müssen uns ja damit auseinandersetzen, mit wem wir es hier überhaupt zu tun haben: Einerseits natürlich mit Kindern, die erst mal krabbeln können, meistens noch gar nicht laufen können, und andererseits auch mit Eltern, die sich bewusst für ein Kind entschieden haben – und nicht nur deswegen, weil sie die demografische Entwicklung positiv beeinflussen wollen, sondern sie wollen es auch genießen, ein Kind zu erziehen. Das ist ja auch eine schöne Sache. Und wenn ich dann die Wirtschaft höre, dann muss ich sagen, die muss vielleicht auch ein bisschen bessere Angebote machen, wenn sie Frauen wieder in das Arbeitsleben zurückholen wollen, und zwar ganz generell, und mir ist es ein bisschen schleierhaft, warum plötzlich gerade diejenigen Frauen für die Wirtschaft so interessant sein sollen, die erst vor wenigen Wochen ein Kind bekommen haben.

Liminski: Sie verteidigen das Projekt, es steht auch im Koalitionsvertrag. Haben in Krisenzeiten die wirtschaftlichen Erfordernisse nicht Vorfahrt vor einem Vertrag, der in anderen Teilen auch hinfällig geworden ist?

Albsteiger: Das mag im Einzelfall vielleicht schon sein, aber zunächst mal muss ich sagen, dass es mir momentan nicht so erscheint, als ob wir in so einer tiefen wirtschaftlichen Krise in Deutschland stecken, dass die einseitige Bevorzugung von einem bestimmten Betreuungsansatz gerechtfertigt wäre. Nur weil heute ein paar Leute sagen, das Betreuungsgeld sollte wegdiskutiert werden, damit lösen wir doch, falls es denn eine Krise gibt, diese Krise nicht durch das Betreuungsgeld oder die Nichteinführung des Betreuungsgeldes. Persönlich habe ich da keine Angst, dass sich das Betreuungsgeld negativ auf die Erwerbsquote auswirkt. Schon allein die Erfahrungen in den Ländern wie beispielsweise in Skandinavien zeigen, dass das Betreuungsgeld und der Ausbau der Kinderkrippen Hand in Hand gehen können und dass da sehr gute Erfahrungen damit gemacht werden.

Liminski: Wir diskutieren das Betreuungsgeld ähnlich wie die Krippenoffensive vor einigen Jahren unter dem Blickwinkel des Arbeitsmarktes, der fehlenden Fachkräfte, des Gegensatzes zwischen familiärer und staatlicher Betreuung. Vermissen Sie in dieser Diskussion den Aspekt der Qualitätsdebatte, also wenn staatliche Betreuung dann auch gute Betreuung?

Albsteiger: Teilweise. Um was es mir persönlich geht ist, dass es hier um Menschen geht. Hier geht es um Kinder und in der Debatte fehlt mir so ein bisschen dieser Fokus auf den Menschen als solchen. Und natürlich muss es auch eine Qualitätsdebatte geben. Selbstverständlich müssen wir uns darüber unterhalten, wie qualitativ die Bildung im Elternhaus ist, wie qualitativ die Bildung in der staatlichen Betreuungseinrichtung ist. Aber ich möchte nicht wegdiskutieren, dass Kinderkrippen nicht auch wunderbare Bildungsangebote bieten können. Und es wäre sicherlich auch wünschenswert, dass es vielleicht noch bessere Erziehung gibt beziehungsweise vielleicht noch weniger Kinder in einer Gruppe zusammen mit einer Erzieherin sind, aber das ist sicherlich auch von der Gruppengröße beziehungsweise von der genauen Gruppenzusammensetzung abhängig und ich möchte da persönlich auch keine Debatte aufmachen, ob das eine oder andere der Königsweg ist. Wir wollen Wahlfreiheit bieten und ich verwehre mich allerdings gegen die Aussage, dass Eltern, die ihre Kinder während der ersten drei Jahre bei sich zu Hause erziehen, ihren Kindern Bildungschancen verwehren würden.

Liminski: Sie haben erst vor kurzem geheiratet, Frau Albsteiger. Wollen Sie, wenn ich fragen darf, selber auch Kinder haben?

Albsteiger: Ja, Sie dürfen fragen, und ja, ich möchte auch Kinder haben.

Liminski: Aber Sie wollen auch berufstätig bleiben?

Albsteiger: Gerne, das könnte ich mir vorstellen. Aber ich lebe in einer modernen Beziehung und ich bin sicher, dass wir uns, wenn es dann so weit ist, entscheiden werden, wer von uns beiden die Kinder erzieht, oder ob wir unser Kind nach einer gewissen Zeit auch in eine Betreuungseinrichtung geben.

Liminski: Der Widerstand gegen das Betreuungsgeld ist nun da. Wenn nun dieses Projekt scheitert, 2012, was wird, was wollte die CSU dann tun? Oder anders gefragt: Wird dann das Betreuungsgeld 2013 ein Wahlkampfthema in Bayern?

Albsteiger: Also ich persönlich hoffe natürlich, dass das Betreuungsgeld kommt, dass wir die Debatte möglichst rasch abschließen können und dass sich Ihre Frage dann erübrigt hat. Und wir kämpfen heute für das Betreuungsgeld, ich setze mich heute dafür ein, und deswegen denke ich auch noch nicht an den Wahlkampf von 2013. Und ich bin ja nun Vorsitzende der Jungen Union Bayern, und die Junge Union hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie bis zum Ende für ihre Überzeugungen kämpft. Aber wenn dann Entscheidungen getroffen sind, dann können wir die auch so akzeptieren.

Liminski: Glauben Sie, dass dieses Thema ein Spaltpilz in der Union sein könnte?

Albsteiger: Ich denke, wir haben schon größere Probleme gemeistert und dementsprechend glaube ich, dass das in der Art und Weise nicht zur Spaltung der Union führen wird – nein.

Liminski: Es steckt viel Sprengstoff oder besser gesagt viel Musik im Betreuungsgeld. Das war hier im Deutschlandfunk die Landesvorsitzende der Jungen Union in Bayern, Katrin Albsteiger. Besten Dank für das Gespräch, Frau Albsteiger.

Albsteiger: Danke auch Ihnen.


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