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StartseiteCorsoErst geächtet, dann subventioniert17.10.2018

Heavy Metal in der DDR Erst geächtet, dann subventioniert

Als sich Heavy Metal in der DDR ausbreitete, galt diese Musik zunächst als Waffe des Feindes im Westen. Doch es entwickelte sich eine eigene Szene, an der das SED-Regime nicht vorbeischauen konnte. "Im Grunde genommen", so Wolf Georg Zaddach im Dlf, "hat der Staat Heavy Metal subventioniert."

Thekla Jahn im Gespräch mit Wolf-Georg Zaddach

Man sieht die Band Darkland bei ihrem Auftritt im Berliner Langhansclub. Die Musiker haben lange Haare und spielen vor einem euphorischen Publikum  (Jörg Ebert)
Heavy Metal aus der DDR: Die Band Darkland bei ihrem Auftritt im Berliner Langhansclub im Jahr 1989 (Jörg Ebert)
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Nach offizieller Lesart in der DDR gehörte Heavy Metal zu den negativen dekadenten jugendkulturellen Entwicklungen des Westens. Als dieses Musikgenre die innerdeutsche Mauer durchdrang, wurden Heavy Metal Fans von der Stasi ebenso wie Punks, Skinheads und Gruffties als Extremgruppen eingestuft.

"Der offizielle Terminus dafür war PID - politisch ideologische Diversion. Also man hat tatsächlich diese Jugendkulturen als einen Versuch der ideologischen Unterwanderung der eigenen Jugend verstanden, also als eine Destabilisierung des Staates durch die Musik der Jugend."

Heavy Metal in der DDR unterschied sich deutlich von anderen Musikrichtungen wie dem Punk.

Politische Implikationen waren zweitrangig

"Bei Heavy Metal geht es um die Musik, das steht im Zentrum. Und es geht darum diese Musik zu genießen und auch in der Gemeinschaft zu genießen und alles andere wie politische Implikationen sind dabei erstmal zweitrangig. Das hat man dann tatsächlich auch Seitens des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit, beobachtet."

Auf dem Bild ist der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach zu sehen (Bente Brüning)Der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach (Bente Brüning)Die Haltung des Staates gegenüber Heavy Metal änderte sich. Musiker und Bands konnten sich offiziellen Zulassungsvorspielen stellen. Wurden sie als professionelle Heavy Metal Musiker eingestuft, konnten sie in reger Konzerttätigkeit ein durch den Staat reglementiertes, verhältnismäßig gutes Einkommen erspielen.

"Also im Grunde genommen hat der Staat Heavy Metal subventioniert," meint Wolf-Georg Zaddach.

Allmählich wurde diese Musik auch im Radio gespielt.

"Da gab es die Wunschsendungen vor allem beim Jugendsender DT 64, aber auch bei anderen Programmen. Dort sind regelmäßig Briefe eingegangen von jugendlichen 13- bis 15-, aber zum Teil auch über 20-Jährigen, die sich Heavy Metal gewünscht haben. Und darauf hat man reagiert."

Schwarzmärkte und Tauschnetzwerke

Der Wunsch nach Heavy Metal im Radio hatte viel damit zu tun, dass diese Musik in der DDR-Öffentlichkeit zunächst wenig präsent war. 

"In der Mangelwirtschaft war der Zugang zu Tonträgern, also Platten, sehr schwierig. Es gab ja das offizielle Label "Amiga" - für populäre Musik zuständig - und da gab es so Verteilungsschlüssel, wieviel Musik für welche Genres aufgenommen wird. Und da ist Heavy Metal nur ganz verzögert und vor allem nur der DDR Metal aufgenommen worden. Also westliche Platten, die man ja eigentlich hören wollte, die gab es nicht. Die gab es nur über Schwarzmärkte und Tauschnetzwerke."

Heavy Metal Bands aus der DDR spielten vor allem Coverversionen von Bands aus dem westlichen Ausland und orientierten sich auch weitgehend an ihren Sounds und Stilistiken.

"Erstmal war das Ziel der DDR Bands genau so zu klingen, wie die westlichen Bands. Man wollte sozusagen dem Klangideal des Heavy Metal oder des jeweiligen Subgenres entsprechen. Das war auf jeden Fall das grundlegende Ziel. Das hat dazu geführt, dass man  die neuesten Spieltechniken – in den 1980er Jahren gibt es eine enorme Explosion an neuen Spieltechniken, die wurden eigentlich relativ zeitnah angeeignet."

Die Umsetzung des Heavy-Metal-Sounds gestaltete sich für die DDR Musiker allerdings schwierig.

"Der Zugang zu geeigneten Instrumenten und geeigneter Technik war natürlich weitaus eingeschränkter. Also die Produkte aus dem Sozialismus – sagen wir mal ein Gitarrenverstärker - die waren schlichtweg dafür nicht gebaut, um diese starke Verzerrung der Gitarren herzustellen."

Daher blühte auch hier der Schwarzmarkt und Tauschhandel mit westlichem Equipment.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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