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StartseiteCampus & KarriereRettung aus dem Ausland19.03.2019

Schrumpfende HochschulenRettung aus dem Ausland

Immer mehr Hochschulen in Deutschland werden künftig von sinkenden Studierendenzahlen betroffen sein, sagte Bildungsexperte Simon Morris-Lange im Dlf. Viele suchten deswegen bereits gezielt nach Studierenden aus dem Ausland. Die Internationalisierung biete eine gute Chance, Standorte zu erhalten.

Simon Morris-Lange im Gespräch mit Manfred Götzke

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Studierende in einem spärlich besetzten Hörsaal der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB | Verwendung weltweit (Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild)
Spärlich besetzter Hörsaal (Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild)
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Manfred Götzke: Mittlerweise sind Hunderte türkischer Doktoranden, Studenten, Postdocs im deutschen Exil, weil sie sich nicht mehr in ihre Heimat zurück wagen. Für viele deutsche Hochschulen sind diese topqualifizierten Leute natürlich ein Gewinn, vor allem für die etwas kleineren Unis in der Provinz. Denn die finden trotz allgemein steigender Studizahlen immer weniger Studierende, sind von Schrumpfung bedroht. Simon Morris-Lange vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für  Integration und Migration hat untersucht, was diese Hochschulen gegen die eigene Verzwergung unternehmen können. Herr Morris-Lange, 41 Hochschulen schrumpfen oder sind von Schrumpfung bedroht, haben Sie herausgefunden. Über welche Regionen reden wir denn da?

Simon Morris-Lange: Die sind ganz unterschiedlich verteilt. Also, der Großteil ist noch im Osten der Republik - da, wo der demografische Wandel einfach auch früher eingesetzt hat, niedrige Geburtenzahlen und Abwanderung. Aber punktuell finden die sich bereits auch im Westen der Republik. Und wenn man sich Bevölkerungsprognosen für junge Menschen im Studieralter anschaut, dann kann man davon ausgehen, dass westliche Hochschulen davon auch zukünftig stärker betroffen sein werden.

"Im schlimmsten Fall brechen Fachbereiche weg"

Götzke: Haben diese Hochschulen momentan nicht einfach auch einen Standortvorteil - insgesamt nicht ganz so voll und etwas günstigere Lebenshaltungskosten?

Morris-Lange: Das war mitunter auch unser Eindruck bei den Gesprächen. Zum Beispiel die Wohnraumknappheit, von der oft in populäreren Studierendenstädten berichtet wird - das war oft, nicht immer, weniger der Fall. Und auch an den kleineren Standorten - einfach aufgrund der Relation administratives Personal, Fakultät und Studierende - war die Betreuungsrelation vergleichbar besser, ja, das könnte man so sagen.

Götzke: Wann wird das Ganze für diese Hochschulstandorte zu einem Problem? Erstmal können die sich ja, wie Sie jetzt auch sagen, über bessere Betreuungsrelation für die Studierenden freuen.

Morris-Lange: Ich denke, zu einem Problem wird es, wenn ganze Fachbereiche, wenn die Zahlen so niedrig werden, dass die dann im schlimmsten Fall wegbrechen, weil die Studierendenzahlen einfach nicht mehr da sind, und dann die Vielfalt der Studiermöglichkeiten sich deutlich verringert in den betroffenen Regionen.

Jeder zehnte Studierende aus dem Ausland

Götzke: Wie gleichen diese Hochschulen diese Problematik momentan schon aus?

Morris-Lange: Sicherlich machen die auch einiges hier vor Ort, man sieht es ja auch, zum Beispiel in Berlin in der S-Bahn, wenn dann Hochschulen, die peripherer gelegen sind, Werbung machen für einheimische Studierende. Aber viele der Hochschulen machen sich auch im Ausland auf die Suche nach Studierenden. Deutschland ist einfach ein beliebtes Studienzielland für internationale Studierende, etwa jeder zehnte Studierende an deutschen Hochschulen kommt aus dem Ausland, und die Hochschulen verfolgen verschiedene Strategien, ihre noch geringe Sichtbarkeit im Ausland auszugleichen und die internationalen Studieninteressierten, die hier gerne herkommen würden, da abzuholen, wo sie auf dem Weg nach Deutschland Halt machen.

Götzke: Sind diese Standorte, die von Schrumpfung bedroht sind, internationaler als andere?

Morris-Lange: Kaum momentan. Der Durchschnitt ist da zwölf Prozent, man kann nicht sagen, dass die jetzt wie verrückt internationalisieren und dass da die Seminardiskussion auf Mandarin umschwingt, so ist es nicht. Die sind noch relativ im Durchschnitt, die hatten einfach weniger eine Zeit lang, bemühen sich da aber auch jetzt zusehends.

Götzke: Aber Sie sagen ja in Ihrer Studie, dass das die Strategie für diese Hochschulen sein sollte, sein kann - Internationalisierung.

Morris-Lange: Das kann eine Komponente sein, das muss man auch ganz klar sagen. Diese schrumpfenden Hochschulen, wenn wir die alle zusammenrechnen, dann geht da die Zahl der einheimischen Studierenden in den letzten Jahren um elf Prozent zurück. An denen, die sich da auf den Weg gemacht haben, im Ausland zu rekrutieren, hat sich die Zahl der Internationalen um 42 Prozent gesteigert, also ein deutlicher Unterschied. Aber selbst diese Steigerung kann dieses Minus an den Einheimischen gar nicht ausgleichen, das kann helfen, das abzufedern. Und wenn man sich die demographische Entwicklung anschaut, und wir haben bereits eine sehr hohe Studierneigung bei den einheimischen Abiturienten, da ist dann irgendwann auch eine Sättigung erreicht. Das heißt, für diese Hochschulen ist das ein wichtiger Kanal, wie wir ihn sehen.

Unterstützungsangebote auch aus der Wirtschaft

Götzke: Für die Regionen, in denen diese Hochschulen sitzen, ist das wirtschaftlich ja vor allem dann von Vorteil, wenn die Absolventen dann vor Ort bleiben, Firmen gründen, Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze finden, Fachkräftemangel bekämpfen. Ist das der Fall?

Morris-Lange: Was wir erfragt haben, ist die Bleibeabsicht. Also, möchtest du, A, überhaupt in Deutschland bleiben und wenn, dann wo? Und da zeigt sich, 70 Prozent der internationalen Studierenden würden gerne hier nach dem Studium bleiben und arbeiten, zumindest für eine gewisse Zeit. Und den allermeisten ist relativ egal, wo sie arbeiten. Es besteht für diese Region, für diese Standorte zumindest die Chance, die vor Ort zu halten.

Götzke: Sie sprechen in dem Zusammenhang von einem Übergangsmanagement. Was meinen Sie damit?

Morris-Lange: Was wir meinen ist, stellt man sich vor, ein Student aus Nicaragua, der in Stadt X studiert, der findet bereits vor Ort Unterstützungsangebote, Bewerbungstrainings, Unternehmen, wo die Personalabteilung aktiv ist und auch an die Hochschule kommt. Also, er findet hier und da schon Akteure, die ihm dabei helfen. Das Ganze wird oft eher dem Zufall überlassen, die Maßnahmen, die es gibt, die greifen oft nicht ineinander. Deswegen sprechen wir von dem Übergangsmanagement. Es gibt ja in vielen Regionen Fachkräftesicherungsinitiativen, und für die sind diese internationalen Studierenden, die vor Ort sind, oft ein blinder Fleck. Das wurde mal untersucht vor ein, zwei Jahren, da gab es über 100 solcher Initiativen, und unter zehn davon hatten das überhaupt auf dem Schirm, dass es diese mittlerweile 280.000 internationalen Studierenden in Deutschland gibt.

Götzke: Was können andere Hochschulstandorte, andere Hochschulen von den schrumpfenden Unis und Hochschulen lernen?

Morris-Lange: Was wir spannend fanden, dass die teilweise gar nicht im Ausland rekrutieren, sondern wo sie auf dem Weg hierher Halt machen. Das ist zum Teil in Sprachschulen in Deutschland, weil die Deutschkenntnisse, die man haben muss, um ein Studium aufzunehmen – wenn es denn auf Deutsch ist –, sind doch recht anspruchsvoll. Und da muss man im Grunde schon, in der Regel, vorher einreisen und Deutsch lernen. Das heißt, viele rekrutieren quasi Internationale in Deutschland. Ansonsten: Bestimmte Kooperationen mit Partnerhochschulen, wo im Ausland durch einen Professor in einem bestimmten Studiengang, der dann mit einem Professor in Deutschland kooperiert, bereits für bestimmte Fächer eine Studienvorbereitung stattfindet, und die Studierenden dann, wenn sie herkommen, gleich in das zweite Semester einmünden können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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