An der Schultafel klebt ein Zettel. "Glücklicher Ort" steht darauf. Ali aus Essen-Katernberg hat ihn dort befestigt, fotografiert und ans Grillo-Theater gemailt. Er nimmt teil an der Aktion "Glückliche Orte". Das Schauspielhaus hat alle Bürger der Stadt und jeden Besucher Essens aufgerufen, mit rosafarbenen Pappzetteln Stätten zu markieren, die ihnen aus den verschiedensten Gründen wichtig sind, an denen sie so etwas wie Glück spüren. Eine einfache Idee, gewiss, aber sie stiftet Identität, und es entsteht ein Mosaik der Alltagskultur im Ruhrgebiet. Viele Theater richten ihren Blick auf ihr soziales Umfeld und veranstalten Projekte mit Jugendlichen aus ihren Städten. Aber kaum eine Bühne tut dies so intensiv wie das Essener Grillo-Theater. Intendant Anselm Weber:
"Wenn Sie sich die Fragen des demographischen Wandels angucken, wenn Sie sich die Fragen der Migration angucken, sind das alles Fragen und Themenbereiche, in denen das Ruhrgebiet führend ist. Thema Städtebau und so weiter. Und in zehn Jahren wird der Rest der Republik auf diese Region gucken und fragen, wie habt ihr das gemacht?"
Das Schauspielhaus veranstaltet Diskussionen und Kongresse, bringt Jugendliche und den Altenclub gemeinsam auf die Bühne und hat mit der Inszenierung "Homestories" eine Marke entwickelt. Der Autor und Regisseur Nuran David Calis hat Träume, Geschichten und Wirklichkeit mehrerer Jugendlicher aus Essen-Katernberg auf die Bühne gebracht. Die Aufführung wurde ein so großer Erfolg, dass im Jahr der Kulturhauptstadt 2010 eine vergrößerte Neuauflage geplant ist, diesmal mit jungen Leuten aus dem ganzen Ruhrgebiet, an mehreren Stätten, wieder mit Nuran David Calis. Das Grillo-Theater hat mit diesen Projekten einen Namen gemacht. Die Dramaturgen stammen aus der freien Szene, schwirren unablässig im Ruhrgebiet umher, treffen Leute, entwickeln Ideen. In ihren Büros, hinter Manuskripten vergraben, findet man sie selten. Nur Chefdramaturg Thomas Laue hat einen klassischen Stadttheaterhintergrund. Allerdings funktioniert auch das Grillo-Theater nur mit einer Mischkalkulation. Die Projekte und auch die vielen Uraufführungen in den kleinen Spielstätten wie zuletzt Dirk Lauckes hervorragendes Sozialdrama "Wir sind immer oben" bringen Anerkennung und vernetzen das Theater in Stadt und Region. Aber die Kasse füllt immer noch das große Haus. Dort ist der 30-jährige David Bösch das Zugpferd, ein Regisseur mit unglaublicher Bilderfantasie, ein warmherziger, sinnlicher Geschichtenerzähler. Seit Jahren wird Bösch auch von den Metropolen umworben, inszeniert an den großen Häusern in Zürich und Hamburg, bald in Berlin und Wien. Doch Essen sieht er als Heimat und wird, wenn Anselm Weber mit seinem Team nach Bochum wechselt, so etwas wie der Oberspielleiter werden und im ersten Jahr drei Stücke inszenieren. Neben Bösch hat Weber vor allem junge Regisseure verpflichtet, die verständlich und straff inszenieren aber - zumindest in dieser Spielzeit – auch ziemlich brave Arbeiten abliefern. Cilli Drexel erzählt Fontanes "Effi Briest" mit ein paar Maskenspieleinlagen, aber sonst ganz konventionell nach, und auch Roger Vontobel zeigt in seiner "Orestie" zwar nackte, blutbesudelte Körper. Aber eine zwingende Interpretation entwickelt er nicht. Fast scheint es, als passten sich die jungen Regisseure dem Stil des Intendanten an. Denn auch Anselm Weber, das zeigte die Premiere von Schillers "Don Carlos" vor wenigen Wochen, verlässt sich oft auf eine Spielidee und reizt dann die Szenen zu wenig aus. Er zeigt Spaniens Hof als Überwachungsstaat. Auf einer Leinwand flackern Bilder aus verschiedenen Gemächern des Palastes. Der Herr dieser Bilder, der Big Brother, ist der Großinquisitor.
"Sein Leben liegt angefangen und beschlossen in der Sancta Casa heiligen Registern. – Und er lief frei herum? – Das Seil, an dem er flatterte, war lang, doch unzerreißbar. – Er war sogar aus meines Reiches Grenzen. – Wo er sein mochte, war ich auch."
Diese Interpretation ist schlüssig, wurde ja auch schon häufiger erprobt, birgt aber bei Anselm Weber wenig Überraschungen. Er ist ein geradliniger Mensch, als Künstler wie als Theaterleiter. Ein souveräner Handwerker, der das Haus füllt und mit seiner Dramaturgie Spielpläne entwickelt, die inhaltlich zusammen hängen ohne dabei belehrend zu wirken. Das Grillo-Theater hat Weber so nach oben gebracht. Dass er als Intendant des Bochumer Schauspielhauses ab Sommer 2010 noch mehr bringen muss, weiß er.
"Wir werden versuchen, uns zu internationalisieren. Das heißt, wir werden perspektivisch, mittelfristig versuchen, die Zusammenarbeit mit europäischen Theatern zu suchen. Ob uns das in der Kürze der Zeit gelingt, weiß ich noch nicht. Aber das muss das Ziel sein."
Ausgereizt haben die Essener ihre Möglichkeiten noch lange nicht. Zumal sie in den letzten Jahren mit extremer Finanzknappheit zu kämpfen haben und die Dramaturgen zeitweise nicht einmal mehr Farbkopien machen konnten. Dass sich Bochum ausgerechnet die Theaterleitung der Nachbarstadt ausgesucht hat, wirkt zuerst wie eine langweilige und kleinmütige Entscheidung. Doch für Anselm Weber und seine Mitarbeiter, die er zum großen Teil mitnehmen wird, ist es ein Impuls im richtigen Moment. Bevor der Aufbruch in Essen zur Routine wird, haben sie eine neue Herausforderung vor der Stirn. Und hoffen, dass bald auch in Bochum an vielen glücklichen Orten rosafarbene Zettel hängen.
"Wenn Sie sich die Fragen des demographischen Wandels angucken, wenn Sie sich die Fragen der Migration angucken, sind das alles Fragen und Themenbereiche, in denen das Ruhrgebiet führend ist. Thema Städtebau und so weiter. Und in zehn Jahren wird der Rest der Republik auf diese Region gucken und fragen, wie habt ihr das gemacht?"
Das Schauspielhaus veranstaltet Diskussionen und Kongresse, bringt Jugendliche und den Altenclub gemeinsam auf die Bühne und hat mit der Inszenierung "Homestories" eine Marke entwickelt. Der Autor und Regisseur Nuran David Calis hat Träume, Geschichten und Wirklichkeit mehrerer Jugendlicher aus Essen-Katernberg auf die Bühne gebracht. Die Aufführung wurde ein so großer Erfolg, dass im Jahr der Kulturhauptstadt 2010 eine vergrößerte Neuauflage geplant ist, diesmal mit jungen Leuten aus dem ganzen Ruhrgebiet, an mehreren Stätten, wieder mit Nuran David Calis. Das Grillo-Theater hat mit diesen Projekten einen Namen gemacht. Die Dramaturgen stammen aus der freien Szene, schwirren unablässig im Ruhrgebiet umher, treffen Leute, entwickeln Ideen. In ihren Büros, hinter Manuskripten vergraben, findet man sie selten. Nur Chefdramaturg Thomas Laue hat einen klassischen Stadttheaterhintergrund. Allerdings funktioniert auch das Grillo-Theater nur mit einer Mischkalkulation. Die Projekte und auch die vielen Uraufführungen in den kleinen Spielstätten wie zuletzt Dirk Lauckes hervorragendes Sozialdrama "Wir sind immer oben" bringen Anerkennung und vernetzen das Theater in Stadt und Region. Aber die Kasse füllt immer noch das große Haus. Dort ist der 30-jährige David Bösch das Zugpferd, ein Regisseur mit unglaublicher Bilderfantasie, ein warmherziger, sinnlicher Geschichtenerzähler. Seit Jahren wird Bösch auch von den Metropolen umworben, inszeniert an den großen Häusern in Zürich und Hamburg, bald in Berlin und Wien. Doch Essen sieht er als Heimat und wird, wenn Anselm Weber mit seinem Team nach Bochum wechselt, so etwas wie der Oberspielleiter werden und im ersten Jahr drei Stücke inszenieren. Neben Bösch hat Weber vor allem junge Regisseure verpflichtet, die verständlich und straff inszenieren aber - zumindest in dieser Spielzeit – auch ziemlich brave Arbeiten abliefern. Cilli Drexel erzählt Fontanes "Effi Briest" mit ein paar Maskenspieleinlagen, aber sonst ganz konventionell nach, und auch Roger Vontobel zeigt in seiner "Orestie" zwar nackte, blutbesudelte Körper. Aber eine zwingende Interpretation entwickelt er nicht. Fast scheint es, als passten sich die jungen Regisseure dem Stil des Intendanten an. Denn auch Anselm Weber, das zeigte die Premiere von Schillers "Don Carlos" vor wenigen Wochen, verlässt sich oft auf eine Spielidee und reizt dann die Szenen zu wenig aus. Er zeigt Spaniens Hof als Überwachungsstaat. Auf einer Leinwand flackern Bilder aus verschiedenen Gemächern des Palastes. Der Herr dieser Bilder, der Big Brother, ist der Großinquisitor.
"Sein Leben liegt angefangen und beschlossen in der Sancta Casa heiligen Registern. – Und er lief frei herum? – Das Seil, an dem er flatterte, war lang, doch unzerreißbar. – Er war sogar aus meines Reiches Grenzen. – Wo er sein mochte, war ich auch."
Diese Interpretation ist schlüssig, wurde ja auch schon häufiger erprobt, birgt aber bei Anselm Weber wenig Überraschungen. Er ist ein geradliniger Mensch, als Künstler wie als Theaterleiter. Ein souveräner Handwerker, der das Haus füllt und mit seiner Dramaturgie Spielpläne entwickelt, die inhaltlich zusammen hängen ohne dabei belehrend zu wirken. Das Grillo-Theater hat Weber so nach oben gebracht. Dass er als Intendant des Bochumer Schauspielhauses ab Sommer 2010 noch mehr bringen muss, weiß er.
"Wir werden versuchen, uns zu internationalisieren. Das heißt, wir werden perspektivisch, mittelfristig versuchen, die Zusammenarbeit mit europäischen Theatern zu suchen. Ob uns das in der Kürze der Zeit gelingt, weiß ich noch nicht. Aber das muss das Ziel sein."
Ausgereizt haben die Essener ihre Möglichkeiten noch lange nicht. Zumal sie in den letzten Jahren mit extremer Finanzknappheit zu kämpfen haben und die Dramaturgen zeitweise nicht einmal mehr Farbkopien machen konnten. Dass sich Bochum ausgerechnet die Theaterleitung der Nachbarstadt ausgesucht hat, wirkt zuerst wie eine langweilige und kleinmütige Entscheidung. Doch für Anselm Weber und seine Mitarbeiter, die er zum großen Teil mitnehmen wird, ist es ein Impuls im richtigen Moment. Bevor der Aufbruch in Essen zur Routine wird, haben sie eine neue Herausforderung vor der Stirn. Und hoffen, dass bald auch in Bochum an vielen glücklichen Orten rosafarbene Zettel hängen.