Einwanderung
Ähnlich wie in Europa: Südkorea streitet über Migration und Fachkräftemangel

In Südkorea führen Konflikte um Migration, Fachkräftemangel und Integration inzwischen zu ähnlichen Diskussionen, wie sie Europa seit Jahren beschäftigen. Ausgelöst hat sie aktuell der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung mit kontroversen Äußerungen über ausländische Beschäftigte in dieser Woche.

    Präsident Lee Jae Myung spricht während einer Zeremonie anlässlich des Tags der Jugend im Präsidialamt im Zentrum von Seoul, Südkorea.
    Südkoreas Präsident Lee Jae Myung hat mit kontroversen Äußerungen über Arbeitsmigranten Empörung ausgelöst. (Archivbild) (picture alliance / YONHAPNEWS AGENCY / Yonhap)
    Migranten würden keinen allzu großen Beitrag zur heimischen Wirtschaft leisten, weil sie ihre Löhne in ihre Heimatländer überwiesen, sagte er während einer Kabinettssitzung. Stattdessen forderte Lee, die heimische Wirtschaft müsse weniger abhängig von billigen ausländischen Arbeitskräften werden. Der Präsident riet dazu, Subventionen zu nutzen, um Koreaner für Branchen mit extremem Personalmangel wie die Landwirtschaft oder Fischerei zu gewinnen. Vertreter von Oppositionsparteien und Arbeitsmigranten reagierten empört und forderten eine Entschuldigung Lees.
    Südkorea hat eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit und verzeichnet einen erheblichen Bevölkerungsrückgang. Zuletzt wurden zunehmend ausländische Arbeitskräfte eingestellt. Ihre Zahl stieg auf 1,1, Millionen Menschen.

    "Südkorea muss über Einwanderung nachdenken"

    Die Abgeordnete Choi Soo Jin von der oppositionellen People Power Party (PPP) kritisierte den Präsidenten, mit dem Rückgang der Bevölkerung schrumpfe auch die Erwerbsbevölkerung. Ohne Arbeitsmigranten hätten insbesondere kleine und mittlere Unternehmen große Schwierigkeiten, sagte Choi der Nachrichtenagentur AJP. Die Zahlen sprächen für sich. Sie könne einfach nicht nachvollziehen, auf welche Belege Lee seine Äußerungen stütze. Der Abgeordnete Kim Nam Joon von der regierenden Demokratischen Partei (DP) indes betonte, Lee habe Themen auf die Tagesordnung gesetzt, über die das Land nachdenken müsse.
    Das Präsidialamt bemühte sich derweil um Schadensbegrenzung. Lees Sprecherin, Kang Yu Jung, betonte, die Äußerungen des Präsidenten zur Beschäftigung in der Landwirtschaft seien in erster Linie darauf ausgerichtet gewesen, die unzureichende Vergütung anzusprechen und auf die Notwendigkeit hinzuweisen, besser bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Lee selbst verteidigte sich. Der Kampf gegen Diskriminierung müsse zwar fortgesetzt werden. Er dürfe jedoch nicht zu einer übermäßigen Vorzugsbehandlung oder einer umgekehrten Diskriminierung anderer Haushalte führen.

    "In den 60ern waren es Südkoreaner in Deutschland, die Geld in die Heimat schickten"

    Der Journalist, Buchautor und Gründungspräsident der AJA Medien, Lee Sang Ki, wies im Zuge der Debatte darauf hin, dass es in den 60er- und 70er-Jahren südkoreanische Bergleute und Krankenschwestern in Westdeutschland gewesen seien, die Geld nach Hause geschickt hätten - oder koreanische Bauarbeiter im Nahen Osten. Damit hätten sie zur lokalen Wirtschaft beigetragen und Vertrauen zwischen den Ländern geschaffen. Der Journalist verwies zudem auf eine Regierungsumfrage, wonach ausländische Einwohner rund 37 Prozent ihres Einkommens in Südkorea für Lebenshaltungskosten ausgäben und nur 26 Prozent in ihre Heimatländer überweisen würden.
    Diese Nachricht wurde am 30.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.