Warum Akademiker den Bundestag dominieren

In Regierungen und Parlamenten der westlichen Demokratien sind überproportional viele Menschen mit Uni-Abschlüssen vertreten. Und das ist ein Problem für die Demokratie.

    Plenarsaal des Deutschen Bundestags bei einer Sitzung im Oktober 2026.
    Ein akademischer Abschluss ist fast schon Standard für Bundestagsabgeordnete. (imago / dts Nachrichtenagentur )
    Zwei Sozialdemokraten, zwei Wege in die Politik: Franz Müntefering machte nach der Volksschule im Sauerland eine Lehre. Bis 1975 arbeitete er als kaufmännischer Angestellter. Nebenbei engagierte sich Müntefering parteipolitisch, zunächst auf lokaler Ebene. Schließlich wurde er Bundestagsabgeordneter, dann Landesminister, später SPD-Parteichef, Bundesarbeitsminister und Vizekanzler.
    Anders liest sich die Vita des derzeitigen Vizekanzlers Lars Klingbeil. Nach dem Abitur an einem Gymnasium folgte der Zivildienst, dann ein Politik- und Geschichtsstudium mit Abschluss Magister. Neben dem Studium arbeitete er im Wahlkreisbüro von Kanzler Gerhard Schröder. 2005 wurde Klingbeil erstmals Bundestagsabgeordneter, später SPD-Generalsekretär, Co-Parteichef, Bundesfinanzminister.
    Zwei Vizekanzler – doch die Laufbahnen von Müntefering und Klingbeil verdeutlichen, wie sich die Gesellschaft und mit ihr politische Karrieren verändert haben. 

    Der Bundestag – ein Parlament voller Studierter 

    Lea Elsässer ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität in Frankfurt am Main. Sie forscht zu sozialer Ungleichheit und hat sich die Biografien deutscher Politiker genau angeguckt. Sie beobachtet "immer mehr Abgeordnete, die vor ihrem Eintritt im Bundestag kaum mal außerhalb von politiknahen Berufen gearbeitet haben".
    Über 80 Prozent der Abgeordneten im Bundestag sind Akademiker, während es in der Bevölkerung etwas über 20 Prozent sind. Auch der Anteil an Leuten mit Doktortitel ist mehr als zehnmal so hoch wie in der Bevölkerung.
    Die größten Berufsgruppen im Bundestag sind Menschen aus der Wirtschaft, aus dem Rechtswesen und der öffentlichen Verwaltung und nur rund fünf Prozent haben vorher mal länger in einem klassischen Arbeiterberuf gearbeitet.
    Laut einer Auswertung der University of Europe for Applied Sciences zum 2025 gewählten Bundestag haben CDU/CSU und Grüne mit jeweils 91 Prozent den höchsten Akademikeranteil unter ihren Abgeordneten. Die SPD lag bei 88 Prozent, Die Linke kam auf 75 Prozent. Am niedrigsten war demnach der Anteil bei der AfD: 61 Prozent.
    Lea Elsässer sieht im hohen Akademikeranteil ein Problem, denn damit werde das Gleichheitsversprechen der Demokratie verletzt. Dies habe nicht nur Folgen für die Legitimität des politischen Systems – insbesondere in den Augen der Schlechtergestellten –, "sondern auch für die von der Politik getroffenen Entscheidungen“, so die Politikwissenschaftlerin bereits 2024. 

    Keine rein deutsche Entwicklung 

    In anderen westlichen Demokratien ist der Trend ähnlich. Die Regierungen sind dabei sogar nochmal sozial elitärer als die Parlamente. Ein Forschungsprojekt an der Universität in Oslo untersucht, wie gut sie die Bevölkerung in allen Regierungen der Welt in den letzten 200 Jahren abgebildet haben. Und in westlichen Demokratien kann man gut sehen, dass der Akademikeranteil in den letzten Jahrzehnten auf fast 100 Prozent gestiegen ist. 
    Politikwissenschaftler Jonas Willibald Schmid arbeitet bei dem Projekt in Oslo mit. Er sieht eine interessante Entwicklung in Deutschland: "Nämlich, dass in den vergangenen Jahren rund ein Drittel der Kabinettsmitglieder noch aus Arbeiterfamilien kamen, was im Vergleich zu anderen Ländern doch verhältnismäßig viel ist."
    Allerdings: Von diesen Arbeiterkindern haben praktisch alle studiert. Der Weg in die Regierung führe also nur noch über die Universität, glaubt Schmid. Ganz im Gegensatz zu Regierungen aus den 1970er-Jahren: In Willy Brandts Kabinett saßen noch ein gelernter Maurer und ein früherer Bergmann. "Aber aktuell ist dieser Weg praktisch völlig verschwunden", sagt Jonas Willibald Schmid.

    Parteien stellen öfter Akademiker statt Arbeiter auf 

    Am Ende entscheiden die Wahlberechtigten, wer ins Parlament kommt. Aber die Parteien spielen eine Schlüsselrolle. Politikprofessorin Elsässer nennt sie die wichtigsten Gatekeeper: "Nur wenn man von der Partei aufgestellt wird, kann man ja überhaupt gewählt werden."
    Und laut Elsässer zeige die aktuelle Forschung aus verschiedenen europäischen Ländern, dass Menschen, die eher aus Arbeiterberufen kommen, eine niedrigere Wahrscheinlichkeit haben, "wirklich gute, aussichtsreiche Listenplätze oder auch Wahlkreise aufgestellt zu werden".
    Sozial privilegierte, akademische Kandidaten werden demnach in Parteien bei Kandidaturen bevorzugt und Arbeiterinnen und Arbeiter benachteiligt. 
    Aber woran liegt das? Menschen aus Arbeiterberufen können weniger Zeit, weniger Geld, generell weniger Ressourcen für ihre Kandidatur aufwenden, sagt Noam Lupu, Politik-Professor an der Vanderbilt University in den USA.
    Hinzu kommt, dass Entscheider in Parteien das Jobprofil von Abgeordneten offenbar eher mit einer akademischen Ausbildung oder bestimmten Jobs wie Juristen assoziieren: Interviews geben, Reden halten, netzwerken. Arbeiterinnen und Arbeiter wird das ganz offensichtlich weniger zugetraut. 

    Radiobeitrag: Dörte Hinrichs, Josephine Schulz / Onlinetext: Martin Teigeler