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Bulgarischer Literatur-Zar

Das Werk des bulgarischen Autors Emilijan Stanev, der von 1907 bis 1979 lebte, wurde in 20 Sprachen übersetzt. Mit dem EU-Beitritt Bulgariens rücken auch die literarisch-künstlerischen Vertreter des Landes näher. Die Unesco hat Stanev, der im zaristischen Bulgarien geboren wurde und im sozialistischen aufwuchs, in den Kreis der Persönlichkeiten 2007 aufgenommen.

Von Thomas Frahm |
    Festakt im Geburtshaus des großen bulgarischen Erzählers und Romanciers Emilijan Stanev in der malerischen Altstadt von Veliko Tarnowo, Nordostbulgarien. 1979 war der Autor gestorben, seit 1987 befindet sich sein Nachlass in diesen Räumen und kann besichtigt werden.

    Vladimir Zarev, der Stanev noch persönlich kennen gelernt und seinen ersten Roman in dem Jahr veröffentlicht hat, in dem Stanevs letzter erschien, hält die Festrede im Rahmen des zweitägigen Festprogramms.

    Er schildert Stanev in seiner Rede als kleinen, drahtigen Mann, der pausenlos in einem Zustand fieberhafter Spannung gelebt habe, einem Charakter, der sich nichts und niemandem beugte als den Prinzipien des eigenen Kunstwollens.

    Was bedeutete ihm, dem Nachfolger, zu Beginn seiner Laufbahn das Werk eines Autors, der gegen das verordnete Einheitsgrau des sozialistischen Realismus literarische Vielfalt und stilistische Plastizität setzte?

    "Die einzige Macht, der Emilijan Stanev sich unterwarf, war das Wort. Weder die Macht noch die Verlockungen eines angenehmen Lebens konnten ihn darin erschüttern. Was mich tief beeindruckte, war seine frappierende Unabhängigkeit, die Freiheit, mit der er in jedem Buch anders war, inhaltlich, stilistisch. Es gibt von ihm keinen Satz aus jener für uns alle schwierigen Zeit, für den er sich heute schämen müsste. Die meisten von uns waren damals gezwungen, Kompromisse zu machen. Ich denke, Emilijan Stanev hat keinerlei Kompromisse gemacht."

    Sieht man die Bibliographie des Autors vor sich, die zahlreichen Veröffentlichungen und Neuveröffentlichungen, die Verfilmungen und Literaturpreise, die er zu Zeiten des Kommunismus bekommen hat, dann könnte man - sehr anders als Zarev - meinen, einen charakterlosen Mitläufer und Opportunisten vor sich zu haben, der für den literarischen Erfolg zu allem bereit war. Doch eine genauere Beschäftigung mit Stanevs Biographie fördert sprechende Details ans Tageslicht.

    Am 1. April 1972, auf dem Gipfel seines Erfolges und im zweiten Jahr als Abgeordneter der bulgarischen Volksversammlung, schrieb er in sein Tagebuch:

    Warum existiert das Parlament? Um der Welt zu beweisen, dass wir ein parlamentarisches Land sind, ein demokratisches. Alle erheben die Hand auf Kommando. Keiner wagt es, eine Anfrage einzureichen, seine Meinung zu sagen, sein Nichteinverständnis zu zeigen. Vollkommene Gleichschaltung. Aber, nicht wahr, die Abgeordneten kommen 140 Lewa.
    So etwas ins Tagebuch zu schreiben, mag wohlfeil erscheinen, ist es doch mindestens zu Lebzeiten nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Doch Stanev machte diesen Eintrag, kurz nachdem er selbst als einziger gegen ein Gesetz gestimmt hatte, das die künstlerische Produktion endgültig der staatlichen Planung unterwerfen sollte. Was so viel heißt, dass Bücher, die nicht vom Schriftstellerverband beschlossen, und dann als Auftrag an einzelne Autoren vergeben worden sind, auch nicht erscheinen konnten.

    Bei der Neubewertung eines solchen Autors stellt sich keineswegs nur die abgedroschene Frage, wie viel ein literarisches Werk, das zu großen Teilen unter den Bedingungen der Zensur geschrieben worden ist, nach der politischen Wende noch wert ist, sondern die sehr viel praktischere, biologische Frage, ob seine Bücher der nachwachsenden, der heutigen Lesergeneration noch etwas sagen. Beantwortbar ist diese Frage erst, wenn die Herausgabe seines Gesamtwerkes, die derzeit erfolgt, abgeschlossen ist und Kritik und Leser reagiert haben.

    Eine Frage, die jetzt schon beantwortet werden kann, betrifft natürlich Bulgariens Rückkehr nach Europa. Ist Emilijan Stanev ein nationales literarisches Phänomen, oder ein Autor, der es verdiente, in ganz Europa gelesen zu werden. Vladimir Zarev:

    "Unter Emilijan Stanevs Büchern gibt es nach meiner Einschätzung mindestens zwei, die von europäischer, ja weltliterarischer Bedeutung sind: "Die Legende von Sibin, dem Fürsten von Preslav" und "Antichrist". In diesen Romanen geht es um die großen Themen Freiheit und Wahrheit, die Konflikte zwischen Glaube und Vernunft, und den unlösbaren Konflikt zwischen der Ohnmacht des Guten und dem Bösen. Ich denke, das sind Fragen und Probleme, die den Europäer von heute stark beschäftigen. Emilijan Stanev hat - um es auf den Punkt zu bringen - Bücher über den Sinn unserer Zivilisation überhaupt geschrieben."