05. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Heute mit Kommentaren zur Situation im Jemen, der Wahl in Lettland und der Todesstrafe in den USA. Zunächst aber Stimmen zum Besuch von Bundeskanzler Merz in der Ukraine.

Bundeskanzler Friedrich Merz und Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, stehen am zerstörten Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kiew.
Bundeskanzler Merz hat in Kiew den Ort eines Drohnenangriffs besucht. (Kay Nietfeld / dpa )
„Der Kanzler verspricht Kiew Unterstützung, während es ihm selbst an Rückhalt mangelt“, vermerkt die russische Zeitung KOMMERSANT: "Vermutlich soll die Reise des Kanzlers in die ukrainische Hauptstadt zu einem großen Teil von dessen Problemen im Heimatland ablenken. Bemerkenswert ist, dass der Kanzler von Wirtschaftsministerin Reiche sowie zehn Spitzenvertretern von Rüstungs- und Energiekonzernen begleitet wurde. Dieses Format wurde nicht zufällig gewählt: Während Deutschland bislang nur einer der wichtigsten Geldgeber und Waffenlieferanten für die Ukraine war – wobei die Waffen überwiegend aus eigenen Beständen stammten –, geht es nun um eine umfassende Verteidigungspartnerschaft. Deren Konturen zeichneten sich bereits vor einem Jahr ab. Nun beginnt die Phase der Umsetzung, die es Deutschland ermöglichen wird, sich vom reinen Geber zum Nutznießer zu wandeln“, notiert der KOMMERSANT aus Moskau.
Während des Kanzler-Besuchs gab es russische Angriffe auf Kiew. Russland greift aber auch zunehmend die ukrainischen Schwarzmeerhäfen an. Die britische FINANCAL TIMES spricht von:  "Einer rücksichtslosen gezielten Luftoffensive, die das Schwarze Meer für die Schifffahrt gesperrt und damit die Hauptroute für ukrainische Exporte auf den Weltmarkt blockiert hat. Damit wurde nicht nur eine wirtschaftliche Lebensader zum Rest der Welt abgeschnitten. Dies ist auch Teil eines umfassenderen Feldzugs, der darauf abzielt, die Wirtschaft der Ukraine zu strangulieren und das Land zu zermürben. Da die Getreideexporte sowohl Russlands als auch der Ukraine nahezu zum Erliegen gekommen sind, könnte die Welt bald mit steigenden Lebensmittelpreisen konfrontiert sein. Abgelenkt durch den Krieg im Iran, hätten die Staats- und Regierungschefs der Welt nur zögerlich auf die absehbare Versorgungskrise reagiert, sagen ukrainische Regierungsvertreter", moniert die FINANCIAL TIMES aus London.
Russland wird auch verdächtigt, hinter mysteriösen Ereignissen in Haushalten finnischer Politiker zu stecken. Finnlands Premierminister Orpo spricht von 'ausländischen Akteuren', so die schwedische Zeitung EXPRESSEN: „Mehrere Parlamentarier haben merkwürde Entdeckungen bei sich zu Hause gemacht, wie offenstehende Türen oder eingeschaltete Lampen. Das Ziel kann sein, dass die Betroffenen an ihrem Verstand zweifeln oder auch Angst bekommen: Jemand war da und kann jederzeit zurückkommen. Oder wurden vielleicht versteckte Kameras oder Mikrofone platziert?Gewählte Volksvertreter in ihrem eigenen Zuhause zu erschrecken ist ein effektives und billiges Mittel, um die Demokratie anzugreifen: Menschen verzichten auf politische Aufgaben oder werfen vorzeitig das Handtuch. Und fremde Mächte wissen das ganz genau", warnt EXPRESSEN aus Stockholm.
Im Jemen hat das Staatsoberhaupt, al-Alimi, eine militärische Großoffensive gegen die Huthi-Miliz angekündigt. Man werde das von der Miliz kontrollierte Gebiet zurückerobern. Die panarabische Zeitung SHARQ AL-AWSAT mit Sitz in London übt scharfe Kritik an den Huthi: "Die Huthi haben den Jemen verwüstet, die Bevölkerung zermürbt und ihre Nachbarn ebenso wie internationale Schifffahrtswege herausgefordert. Innenpolitisch haben die Huthi kein tragfähiges politisches oder gesellschaftliches Modell geschaffen. Armut und Angst nahmen zu, staatliche Dienstleistungen verfielen, Andersdenkende wurden zu Feinden erklärt. Auch nach außen missachteten sie internationale Regeln und glaubten, mit Raketen und Drohnen das regionale Machtgefüge verändern zu können. Al-Alimi bezeichnet den bevorstehenden Kampf daher nicht als Rache, sondern als Kampf um die Wiederherstellung des Staates. Der Nahe Osten kann es sich nicht leisten, dauerhaft eine von Milizen und Kriegen geprägte Region zu bleiben", erklärt SHARQ AL-AWSAT aus London.
Die panarabische Zeitung AL QUDS AL-ARABI verweist darauf, dass die Huthi die öffentliche Meinung kontrollieren: "Ihr Medienapparat vermittelt ein einheitliches Bild des Konflikts und stellt die Huthi als Verteidiger des Landes gegen äußere Feinde dar. Zugleich erweitern sie ihre militärischen Fähigkeiten um neue Technologien. Berichte über den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Entwicklung und Simulation von Raketensystemen zeigen, welches technologische Potenzial inzwischen in den regionalen Konflikten entsteht. Das Ziel der Huthi ist nicht bloß, militärisch zu überleben, sondern ein eigenes Machtmodell dauerhaft zu verankern. Deshalb reicht es nicht, ihre Waffen zu zerstören - ebenso gilt es, Ihre politische Erzählung und ihre gesellschaftliche Verankerung zum Einsturz zu bringen", meint AL QUDS AL-ARABI mit Sitz in London.
Bei der Parlamentswahl in Lettland hat sich das Wahlbündnis des amtierenden Ministerpräsidenten Kulbergs nach vorläufigen Ergebnissen mehr als 40 der insgesamt 100 Sitze gesichert - ein Rekord. Die lettische Zeitung DIENA aus Riga schreibt dazu: "Die Wähler haben statt der bisherigen widersprüchlichen und zerstrittenen Koalition für eine neue konzentriertere Konstellation gestimmt. Das ist ein Vertrauensbeweis, bedeutet aber auch Verantwortung: Wenn etwas nicht erledigt wird, kann in vier Jahren niemand die Schuld auf andere abwälzen. Die Gesellschaft ist schon länger unzufrieden mit der chronischen Unfähigkeit der politischen Elite, Entscheidungen zu treffen und greifbare Ergebnisse zu erzielen. Kulbergs hat sich dagegen als entscheidungsfreudig und zielorientiert erwiesen."
Aus dem Nachbarland Estland bemerkt die Zeitung POSTIMEES: "Von Kulbergs lässt sich sagen, dass er kein Ideologe, sondern ein Pragmatiker ist. Anders als viele lettische Berufspolitiker agiert er wie ein Unternehmer, der sich vor allem dafür interessiert, dass Geld richtig und transparent investiert wird. Tatsächlich haben Estland und Lettland allerlei ähnliche Probleme. Beide Länder möchten ihre Verteidigungsausgaben erhöhen, obwohl ihr Staatshaushalt bereits im Minus steckt. Aber in Lettland durchläuft außerdem die Fluggesellschaft AirBaltic ein Insolvenzverfahren, und die Grenze zu Belarus wird von illegalen Migranten gequert. Beide Themen betreffen auch uns. Drücken wir Kulbergs die Daumen, dass er Lettland so regiert, dass sich Estlands Politiker daran ein Vorbild nehmen können", hofft POSTIMEES aus Tallinn.
THE GLOBE AND MAIL aus Kanada beschäftigt sich in einem Gastkommentar noch einmal mit der fehlgeschlagenen Hinrichtung der verurteilten Mörderin Christa Pike im US-Bundesstaat Tennessee: "Wir dürfen Hinrichtungen nicht als etwas anderes wahrnehmen, als sie sind: als zutiefst gewaltsame Tötungen durch den Staat. Politiker werden auf die fehlgeschlagene Hinrichtung reagieren, indem sie alternative Methoden propagieren und eine rasche Bestrafung versprechen. Doch die Ereignisse der vergangenen Woche bestätigen: Es gibt keine Art der Hinrichtung, die nicht grausam und willkürlich wäre. Wir sind Menschen. Wir empfinden Wut, Trauer, Angst und bisweilen den Wunsch nach Rache. Die Amerikaner sollten von ihrem Staat verlangen, dass er besser ist als unsere niedersten Impulse – und nicht deren Spiegelbild", fordert THE GLOBE AND MAIL aus Ontario.
Die irische Zeitung IRISH INDEPENDENT ist nach mehreren fehlgeschlagenen Hinrichtungen in den USA überzeugt: "Selbst wenn die Schuld eines Straftäters zweifelsfrei feststeht, sollte die katastrophale Bilanz der USA bei Hinrichtungen zu Bedenken Anlass geben. Und selbst wenn man garantieren könnte, dass die Todesstrafe nur gegen Schuldige und zudem effizient vollstreckt wird, müsste man diese Praxis aus moralischen Gründen ablehnen. Tatsächlich stehen die USA unter den Industrienationen fast allein mit der Praxis da, ihre eigenen Bürger hinzurichten. Man darf hoffen, dass sich die Amerikaner irgendwann fragen werden, wie sich eine derart barbarische Maßnahme bis weit ins 21. Jahrhundert hinein halten konnte", Das war die IRISH INDEPENDENT aus Dublin zum Ende der Internationalen Presseschau.