06. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Die Zeitungen kommentieren die angekündigten Neuwahlen in Spanien und die anhaltenden Proteste in Frankreich. Zunächst geht es aber um die Präsidentschaftswahl in Brasilien, bei der die Entscheidung erst in der Stichwahl fällt.

Handtücher mit den Porträts der Kandidaten für die Präsidentschaftswahl in Brasilien Luiz Ignácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro. Sie hängen auf einer Leine.
In Brasilien kommt es zu einer Stichwahl zwischen dem rechtsgerichteten Flávio Bolsonaro und dem linken Amtsinhaber Lula da Silva. (AFP / SERGIO LIMA)
Die mexikanische Zeitung LA RAZON hält fest: "Brasilien stimmt in drei Wochen darüber ab, wer in den nächsten vier Jahren an der Spitze des Landes stehen wird: Amtsinhaber Lula da Silva oder sein Herausforderer Flávio Bolsonaro. Beide verfehlten in der ersten Runde die notwendige absolute Mehrheit, aber der Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro lag knapp vor Lula. Damit könnte das Pendel wieder in die Gegenrichtung schlagen. Schon länger ist Brasiliens Politik nicht nur durch Korruption, sondern auch durch Populismus und wachsende Polarisierung geprägt. Das Land tritt dadurch auf der Stelle oder bewegt sich sogar rückwärts. Schließlich funktioniert Demokratie am besten, wenn die Gegner einander als legitime Rivalen anerkennen und eine mögliche Niederlage akzeptieren. In Brasilien ist seit Jahren genau das Gegenteil der Fall", unterstreicht LA RAZON aus Mexiko-Stadt.
Die brasilianische Zeitung ESTADO DE SÃO PAULO blickt auf einen möglich Sieg von Flávio Bolsonaro und bemerkt: "Was 2018 noch als Bewegung um den späteren Präsidenten Jair Bolsonaro begann, ist heute zur dominierenden Kraft im rechten Lager geworden. Der von Jair gegründeten Liberalen Partei PL ist es mittlerweile gelungen, die Rechte zu vereinen, und damit hat der Bolsonarismus eine neue Dimension gewonnen. Er hat schon einmal gezeigt, dass er an die Macht gelangen kann. Aber was wird er damit anfangen, wenn es ihm erneut gelingt? Mit Kulturkampf lassen sich lediglich Anhänger mobilisieren, nicht aber die Probleme des Landes lösen."
Für die chinesische Tageszeitung XINMIN WANBAO [Aussprache: Hsinmin Wanbau] ist bisher noch nichts entschieden: "Der erste Wahlgang hat gezeigt, dass beide Präsidentschaftskandidaten über eine solide Stammwählerschaft verfügen, weswegen der Ausgang der Stichwahl noch völlig ungewiss ist. Am Ende könnten die Wähler, die beim zweiten Urnengang weder für Bolsonaro Jr. noch für Lula da Silva stimmen wollen, den entscheidenden Faktor ausmachen. Nun wird es darauf ankommen, welchem der beiden verbliebenen Kandidaten es am besten gelingen wird, diese Bürger doch noch auf ihre Seite zu ziehen. Am Ende könnte die aggressive Handelspolitik von US-Präsident Trump und seine grobe Einmischung in die inneren Angelegenheiten Brasiliens, die von großen Teilen der brasilianischen Bevölkerung missbilligt wird, dem Amtsinhaber Lula in die Hände spielen", glaubt XINMIN WANBAO aus Schanghai.
In Spanien hat der linke Ministerpräsident Sánchez angesichts der Proteste gegen die Wohnungskrise für den 29. November Neuwahlen angekündigt. Dazu heißt es in LA VANGUARDIA aus Barcelona: "Schnallen Sie sich an und machen Sie sich bereit für einen langen, zweimonatigen Wahlkampf, in dem das Ausmaß der Konfrontation zwischen den beiden Lagern, die um den Regierungssitz kämpfen, alles bisher Dagewesene übertreffen wird. Pedro Sánchez hat in der Wohnungspolitik einen guten Vorwand gefunden, die Wahlen vorzuziehen und zum Kampf gegen die konservative PP zu blasen. Die einzigen bedeutenden Siege der Linken gegen die rechte Front, die heute die Welt dominiert, wurden mit der Wohnungspolitik als Kernthema errungen: Zohran Mamdani in New York und Die Linke in Berlin. Es wird ein Alles-oder-Nichts-Spiel", ist LA VANGUARDIA überzeugt.
Die kolumbianische Zeitung EL TIEMPO hebt hervor: "Das Thema Wohnen hat sich zu einer der größten sozialen Herausforderungen unserer Zeit entwickelt und dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf Spanien. Viele Städte auf der ganzen Welt sehen sich mit einer Kombination unterschiedlicher Faktoren konfrontiert. Das Problem ist real, und es ist sichtbar, aber nicht jede Lösung funktioniert. Wohnraumknappheit lässt sich ebenso wenig durch Kontrollen wie durch den Markt allein beheben, und dieses Thema hat eine Bedeutung weit über Spanien und die dortigen Neuwahlen hinaus. Wir haben es mit einer neuen komplexen Herausforderung für moderne Gesellschaften zu tun, und zur Lösung brauchen wir eine ausgewogene Debatte", findet EL TIEMPO aus Bogotá.
THE IRISH TIMES verweist auf mögliche Folgen der Neuwahlen für die EU: "Die von den Sozialisten geführte Koalition unter Sánchez ist die einflussreichste linke Regierung unter den 27 EU-Mitgliedstaaten. In Fragen der Migration, der Verteidigungsausgaben und Palästinas hat sie sich dem vorherrschenden Konsens der Mitte-Rechts-Parteien widersetzt. Sollte diese Regierung - wie es möglich erscheint - durch einen rechten Block ersetzt werden, zu dem auch die rechtsextreme Partei Vox gehört, würde sich das Gleichgewicht in Brüssel weiter verschieben. Und die am stärksten sichtbare Kraft des sozialdemokratischen Widerstands gegen die in der EU vorherrschende politische Richtung würde wegfallen. Das würde einen plötzlichen Kurswechsel in den Bereichen Verteidigung und Einwanderung sowie hinsichtlich des Nahen Ostens bedeuten, wo Spanien bislang neben Irland zu den schärfsten Kritikern Israels in der EU wegen dessen Vorgehen im Gazastreifen gehört", stellt THE IRISH TIMES aus Dublin fest.
Und nun zu Frankreich. Die polnische Zeitung POLITYKA geht auf die anhaltenden Unruhen ein und schreibt: "Die Proteste an französischen Gymnasien gehen bereits in die dritte Woche. Es gibt Kundgebungen und Demonstrationen, aber auch Ausschreitungen, Brandstiftungen und Zusammenstöße mit der Polizei. 'Frankreich ist gleichbedeutend mit Protesten', mag mancher sagen. Doch diesmal handelt es sich um historische und außergewöhnliche Ereignisse. Denn das Ausmaß der Proteste ist beispiellos."
LE FIGARO aus Paris macht sich vor den Wahlen im kommenden Jahr Sorgen um die Zukunft des Landes: "Soweit man sich erinnern kann, ist noch nie eine so explosive Stimmung einer Präsidentschaftswahl in der Fünften Republik vorausgegangen. Heute gehen Schüler und Studenten auf die Straße, um – wie sie sagen – mehr Mittel zu fordern. Doch nicht nur diese jungen Menschen sind wütend. Beamte, Landwirte, Transportunternehmer und viele andere könnten bald ebenfalls ihrer Unzufriedenheit Luft machen. Die Forderungen sind vielfältig und teilweise diffus, doch der Protest ist allgegenwärtig, real und tiefgreifend. Es geht nicht um eine bestimmte Reform, sondern um ein ganzes Land, das zerfällt, das brodelt und kurz davor steht, zu zerbrechen. Nichts läuft mehr rund, doch die Regierung steht mit leeren Händen da. Sie hat nichts mehr zu bieten. Und das aus gutem Grund. Frankreich steckt bis zum Hals in Schulden. Seit Jahrzehnten breitet sich dieses Übel aus, nimmt immer größere Ausmaße an und führt zur Verarmung unseres Landes. Ein Wahlkampf fördert grundsätzlich die Debatte. Dieser beginnt jedoch schon mit heftigen Auseinandersetzungen. Verschuldung, Gewalt, Misstrauen: Das sind die Übel, die Frankreich ruinieren", moniert LE FIGARO.
"Frankreich entwickelt sich immer mehr zum Krisenherd in Europa", konstatiert die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG: "Die Lage auf der Strasse vergrössert die Unruhe an den Finanzmärkten, und die ist durch die wirtschaftliche Situation des Landes ohnehin hoch. Frankreich ächzt unter einer grossen und steigenden Schuldenlast, die durch die hohen Zinsen am Kapitalmarkt zusätzlich angeschoben wird. Die Verschuldung tendiert gegen 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Damit weist das Land nach Griechenland und Italien die dritthöchste Schuldenquote in der Euro-Zone auf. Sie ist fast doppelt so hoch wie jene Deutschlands. Die Entwicklung zeigt, dass die französische Krise erhebliches Eskalationspotenzial hat. Premierminister Sébastien Lecornu und seine Regierung haben im Parlament keine Mehrheit für Reformen, und die Oppositionsparteien haben angesichts der Präsidentschaftswahlen im April 2027 keinen Anreiz, unpopulären Sparmassnahmen zuzustimmen", befürchtet die NZZ.