08. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

In den Kommentaren geht es heute um die Handelsbeziehungen zwischen der EU und China und den wieder aufgeflammten Bürgerkrieg in Äthiopien. Doch zunächst blicken wir auf die Schülerproteste in Frankreich.

Zwei Schüler halten eine französische Flagge, sie tragen Atemmasken und hinter ihnen auf der Straße brennt eine Barrikade aus umgestürzten Tischen, Stühlen und Mülltonnen.
Schüler demonstrieren in Paris für bessere Bedingungen an Schulen. (picture alliance / MAXPPP / Gerard Cambon / Le Pictorium)
In der britischen Zeitung THE INDEPENDENT heißt es dazu: "Wenn auf den überwältigenden schulischen Druck und die institutionelle Vernachlässigung statt Lösungen harte polizeiliche Maßnahmen folgen, verwandelt sich die Frustration der Schüler in Wut – eine kollektive Wut darüber, dass sie sich ignoriert, an ihre Grenzen getrieben und außer Kontrolle fühlen. Die Massenproteste sind Ausdruck einer jungen Generation, die erkennt, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht, und die sich dafür entscheidet, für ein besseres Heute zu kämpfen, anstatt zuzulassen, dass das Morgen gefährdet wird", hebt THE INDEPENDENT hervor.
DER STANDARD aus Wien analysiert: "Frankreich erlebt gerade zwei akute Krisen, die miteinander auf paradoxe Weise verbunden sind. Tagtäglich gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um gegen den maroden Zustand der Schulen zu protestieren. Gleichzeitig steigen auf den Finanzmärkten die Zinsaufschläge für französische Staatsanleihen, weil Anleger wegen der extrem hohen Verschuldung von knapp 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht mehr sicher sind, dass Frankreich zahlungsfähig bleibt. Denn auch das Haushaltsdefizit ist mit mehr als fünf Prozent des BIP eines der höchsten in der EU. Steigende Schulden, aber zu wenig Mittel für essenzielle staatliche Leistungen wie Bildung – für ein hoch entwickeltes Land wie Frankreich ist das eine zutiefst beunruhigende Situation", findet die österreichische Zeitung DER STANDARD.
Ähnlich sieht es die kolumbianische Zeitung EL TIEMPO: "Der Handlungsspielraum der französischen Regierung ist gering, denn die Staatsverschuldung ist hoch, und die Finanzmärkte bestrafen französische Staatsanleihen mit Risikoaufschlägen. Die Zinsen würden erst wieder sinken, wenn die Staatsfinanzen in Ordnung gebracht würden, aber danach sieht es gerade nicht aus. Die Proteste zeigen, wie sehr die Erwartungen der Bürger von den Möglichkeiten des Staats abweichen. Zahlreiche Versuche sind bereits gescheitert, an diesem Ungleichgewicht etwas zu korrigieren", konstatiert EL TIEMPO aus Bogotá.
ASAHI SHIMBUN aus Tokio rechnet mit einer weiteren Ausdehnung der Proteste: "Sie werden von Lehrergewerkschaften, aber auch von anderen Branchen - sogar von den Landwirten - und generationsübergreifend stark unterstützt. Deshalb sollte man aufmerksam beobachten, was am 17. Oktober geschehen wird: Denn dieses Datum gilt als Tag der Rückkehr der Gelbwesten-Proteste. Die Regierung behauptet, dass die Linken die Schülerproteste politisch ausnutzen und anstiften: Diese Ansicht ist allerdings eine Verachtung gegenüber den Jugendlichen, denn auch sie dürfen ihre Entscheidung treffen und politisch aktiv werden. Und ihre Proteste könnten sich zu einer noch größeren gesellschaftlichen Bewegung entwickeln", erwartet die japanische ASAHI SHIMBUN.
Für die polnische GAZETA WYBORCZA werden die Proteste über Frankreich hinaus reichen: "Französische Jugendliche sind heute auf den Straßen, weil sie in einem Land leben, in dem Rentner einen höheren Lebensstandard haben als sie selbst. Und diejenigen, die heute in den Arbeitsmarkt eintreten, können höchstens von jener materiellen Stabilität träumen, die in früheren Jahrzehnten gang und gäbe war. Dieses Phänomen wird nicht an Frankreichs Grenzen Halt machen. Die Proteste haben bereits auf Belgien übergegriffen, und auch unter Jugendlichen in Italien, Spanien und anderen Ländern ist das Bewusstsein für die staatliche Marginalisierung der jüngeren Generation weit verbreitet. Die Regierungen müssen sich wieder darauf besinnen, dass Demokratie per Definition ein zukunftsorientiertes System ist", mahnt die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
Die Zeitung AFTONBLADET aus Stockholm sieht Parallelen zum Bildungssystem im eigenen Land: "Auch in Schweden sind die Klassen zu groß und geht Verwaltungsarbeit auf Kosten der Zeit für Unterricht. Die Qualitätsunterschiede zwischen wohlhabenden Gegenden und Problemregionen sind erschreckend. Die Zahl der Schüler ohne Abschluss steigt. Die Unzufriedenheit ist durch ein ungerechtes und mangelhaftes Bildungssystem entstanden, und man hätte schon viel früher etwas unternehmen müssen. Schwedische Schüler sollten am besten gar nicht erst demonstrieren und ihre Schulen blockieren müssen, bevor wir den Ernst der Lage erkennen. Die Probleme sind ebenso bekannt wie die Lösungen. Mehr Lehrer und kleinere Klassen. Mehr Hilfe für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Investitionen in Problemvierteln. Ein Notensystem, das Schülern hilft, statt sie auszugrenzen. Die französischen Jugendlichen haben recht: Eine Schule, die ihre Schüler im Stich lässt, ist Anlass genug für Wut", unterstreicht die schwedische Zeitung AFTONBLADET.
Zum nächsten Thema. Vor dem Hintergrund eines großen Handelsdefizits zwischen der EU und China ist EU-Handelskommissar Šefčovič zu Beratungen nach China gereist. Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN fragt: "Wird China der EU entgegenkommen? Die innereuropäische Spaltung scheint mittlerweile überwunden. Deutschland und Frankreich haben in einem Schreiben an Kommissionschefin von der Leyen unterstrichen, wenn man etwas erreichen wolle, müsse das gesamte Instrumentarium zum Einsatz kommen. Das verschafft Šefčovič ein starkes Mandat. Die EU kann China mit dem Zugang zum europäischen Markt locken. Kommt man zu keiner Lösung, kann man zu Importbeschränkungen greifen. Aber kann sich die EU einen Handelskrieg mit China leisten? Selbst wenn sie nach mehr Unabhängigkeit strebt, braucht sie seltene Erden und bestimmte Technologieprodukte aus China", erinnert AFTENPOSTEN aus Oslo.
Die in Peking erscheinende HUANQIU SHIBAO geht auf das schon erwähnte gemeinsame Positionspapier von Frankreich und Deutschland ein: "Mit diesem gemeinsamen Vorstoß steuern Paris und Berlin Europa zunehmend auf einen protektionistischen Irrweg. Die Kehrtwende läuft im Kern darauf hinaus, die eigenen strukturellen Probleme als 'Bedrohung von außen' darzustellen. Hohe Energiepreise, erhebliche Regulierungskosten und ein schleppendes Innovationstempo sind die eigentlichen internen Ursachen für die schwindende Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. Die Versäumnisse bei den notwendigen Reformen im eigenen Land anderen anzulasten und durch Handelsbarrieren die längst verlorenen Kostenvorteile ausgleichen zu wollen, ist weniger ein Zeichen des Erwachens als vielmehr eine Flucht vor der Realität. Protektionismus kann die Wettbewerbsfähigkeit nicht steigern. Eine wirtschaftliche Entkopplung und die Unterbrechung bestehender Lieferketten würden lediglich allen Beteiligten schaden. Wer mit den falschen Mitteln den falschen Weg einschlägt, wird am Ende unweigerlich selbst die negativen Folgen zu spüren bekommen", warnt HUANQIU SHIBAO aus Peking.
Themenwechsel. Seit Ende September kämpfen im Nordwesten Äthiopiens die Truppen der Regierung wieder gegen jene der regierungsfeindlichen Tigray People’s Liberation Front. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG meint: "Der neue Krieg ist so gefährlich, weil er das Potenzial hat, die Region um das Rote Meer gänzlich zu destabilisieren – eine Gegend, deren geopolitische Bedeutung seit Beginn des Iran-Kriegs noch größer geworden ist. Durch das Rote Meer läuft in regulären Zeiten ein Drittel des globalen Containerverkehrs. Noch mehr Instabilität in der Region infolge des Kriegs in Tigray wäre ein Desaster für die Weltwirtschaft und die internationale Stabilität. Gemessen daran, was auf dem Spiel steht, sind die Reaktionen auf die Vorgänge in Tigray zahm. Die USA haben zur Zurückhaltung aufgerufen, auch die EU fordert Deeskalation. Das wird nicht genügen. Amerikaner, Europäer und Afrikaner sollten dringend auf einen Stopp der Kämpfe hinwirken. Denn jenseits der Tragödie für die Menschen in der Region ist dieser Krieg von globaler Bedeutung", ist die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz überzeugt.