
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz blickt auf die Einigung von Linken, Grünen und SPD auf Sondierungsgespräche für eine Regierungsbildung in Berlin: "Die deutsche Brandmauer ist in einer gewaltigen Staubwolke zusammengekracht. Das ist sie nicht etwa wegen eines Tabubruchs der CDU im Umgang mit der AfD, den Politiker und Journalisten nahezu täglich herbeireden. Sondern weil SPD und Grüne beschlossen, Sondierungen mit der Linkspartei über ein Regierungsbündnis aufzunehmen, also mit einer Partei, die das Etikett des Systemsprengers mit Stolz vor sich herträgt. Die Brandmauer ist damit als machtpolitisches Instrument entlarvt. Die CDU sollte sich gut merken, was dieser Tage in Berlin geschieht. Eine Haltung ist nur etwas wert, wenn sie für alle gilt. Gibt es eine Brandmauer, dann für alle Extremisten. Gibt es keine, muss es möglich sein, mit allen radikalen Kräften unter bestimmten Bedingungen zusammenzuarbeiten", meint die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.
Die dänische Zeitung POLITIKEN thematisiert die Vorgänge in Sachsen-Anhalt: "Die als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD ist in Sachsen-Anhalt der politischen Macht einen Schritt näher gekommen. Ihr Kandidat Tobias Rausch wurde in Magdeburg zum Landtagspräsident gewählt und bekam dabei der Partei zufolge auch Stimmen von der bürgerlichen CDU. Für Deutschland stellt das eine Zäsur dar, und für Sachsen-Anhalt bricht damit eine ungewisse Zukunft an. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat in Deutschland ein Vertreter einer rechtsradikalen Partei ein solches Amt inne. Die sogenannte Brandmauer hat weitere Löcher bekommen. Woher kamen die Stimmen für Rausch jenseits der Mandate von AfD und BSW? Alle anderen Parteien hatten versichert, nicht für Rausch zu stimmen, aber irgendjemand muss es getan haben. Darüber hinaus wurde mit Hans-Thomas Tillschneider einer der radikalsten AfD-Politiker zum Vizepräsidenten gewählt. Das nächste Ziel der Partei ist jetzt die Wahl von Ulrich Siegmund zum Ministerpräsident. Dann wäre Sachsen-Anhalt auch noch das erste Bundesland mit ultrarechter Regierung", merkt POLITIKEN aus Kopenhagen an.
"Das klingt fast wie ein zweitklassiger Thriller", heißt es in der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN: "In Deutschland sind ein ehemaliger Chef des Nachrichtendienstes und sein Büroleiter unter anderem wegen Spionageverdachts festgenommen worden. Solch ein Fall ist in der jüngeren Geschichte in den führenden Industriestaaten beispiellos. Es ist zu befürchten, dass Deutschland das Vertrauen seiner Partnerstaaten verliert. Die könnten davon absehen, wie bisher ihre Informationen mit Deutschland zu teilen. Berüchtigt ist der Bundesnachrichtendienst bereits für seine Verflechtungen mit der DDR oder mit der ehemaligen Sowjetunion in Zeiten des Kalten Kriegs. Zudem könnte man vor dem Hintergrund eines Wechsels eines ehemaligen Bundeskanzlers zu einem russischen Staatskonzern oder angesichts von Beratertätigkeiten eines ehemaligen Verteidigungsministers für chinesische Unternehmen den aktuellen Fall als Spitze des Eisberges betrachten", gibt NIHON KEIZAI SHIMBUN zu bedenken.
Die innenpolitische Lage in Spanien beschäftigt die lettische Zeitung DIENA: "Das Land steuert auf Neuwahlen zu, nachdem eine Protestwelle gegen steigende Mieten das Land erfasst hat. Der Auslöser war der Fall der 87-jährigen Maricarmen aus Madrid, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte und nach einer Zwangsräumung mittlerweile im Krankenhaus gestorben ist. Die sozialistische Regierung von Pedro Sánchez wollte ein neues Gesetzespaket für mehr Mieterschutz auf den Weg bringen, fand dafür aber keine Mehrheit, weil ihr die katalanischen Nationalisten die Gefolgschaft entzogen. Die spanische Linke hat zuletzt in Umfragen immer mehr an Popularität eingebüßt, während die konservative Volkspartei PP und die ultrarechte Vox inzwischen gemeinsam eine Mehrheit erzielen könnten. Der Hauptgrund für den Absturz der Sozialisten sind die endlosen Korruptionsskandale, aber auch die Krise in Ceuta und das Thema Migration. Die Ausrufung vorgezogener Neuwahlen könnte der Versuch Sánchez' sein, den Abwärtstrend zu stoppen", vermutet DIENA aus Riga.
Die spanische Zeitung EL MUNDO notiert: "Die Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen hat verständlicherweise für Empörung gesorgt. Aber die Regierung darf die persönlichen Umstände einer alten behinderten Frau und ihren Tod in einem Madrider Krankenhaus jetzt nicht für sich ausschlachten, indem sie aus ihr eine Symbolfigur macht. Auch die Krise auf dem Wohnungsmarkt bietet dafür keine Rechtfertigung. Die Stimmung ist vor den für den 29. November angesetzten Neuwahlen ohnehin aufgeheizt. Maricarmen steht für die Tragödie, die Millionen Menschen in den letzten Jahren durch explodierende Miet- und Kaufpreise durchlebt haben. Doch gerade das Versagen der Regierung in diesem Bereich macht die Instrumentalisierung des Falls so skandalös. Spaniens Linke sollte Verantwortung zeigen und die Kontroverse nicht weiter anheizen, um eine zusätzliche Radikalisierung zu verhindern. Statt zu versuchen, aus dem Tod von Maricarmen Abascal politisches Kapital zu schlagen, sollte sie lieber die Wohnungsnot mit nachhaltigen Lösungen bekämpfen", empfiehlt EL MUNDO aus Madrid.
Die slowakische Zeitung PRAVDA ist folgender Meinung: "Die maschinenartige Unmenschlichkeit des Systems zeigt sich sehr gut in den Reaktionen nicht nur von Technokraten, sondern auch von ganz gewöhnlichen Kleinbürgern auf den Widerstand von Maricarmen gegen ihre Zwangsräumung. Ein Teil der Öffentlichkeit sowie die nationalistische und liberale Rechte nannten sie verächtlich eine 'unnütze alte Schachtel' und machten sie zur Zielscheibe allerhand anderer Schmähungen. Doch Maricarmens Tod während der Proteste gegen die Wohnungsnot hat sie zur Symbolfigur des Widerstands gemacht. Das wird auch die nächsten spanischen Wahlen beeinflussen", ist sich PRAVDA aus Bratislava sicher.
Themenwechsel. "Anne Carson und ihr Spiel mit der Antike. Dieser Nobelpreis ist aus mehreren Gründen wichtig", titelt die polnische Zeitung POLITYKA und führt aus: "Der diesjährige Literaturnobelpreis für die kanadische Essayistin, Dichterin und Übersetzerin Anne Carson ist aus mehreren Gründen von Bedeutung. Erstens wurde sie für ihren Dialog mit der antiken Tradition ausgezeichnet. Sie ist ausgebildete Klassische Philologin und Übersetzerin von Sappho, Aischylos, Euripides und Sophokles. Ihre Auszeichnung steht für eine weitere wichtige Hinwendung zur Antike, die wir heute schlichtweg brauchen. Carsons Arbeiten sind oft Paraphrasen klassischer Texte. Zweitens ist die Überschreitung von Gattungsgrenzen von Bedeutung: Carson verbindet Essay, Lyrik und Prosa, bisweilen auch die Oper. Sie lässt sich nicht in Konventionen zwängen, was die für die Gegenwart charakteristische Auflösung von Grenzen verdeutlicht", analysiert POLITYKA aus Warschau.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO erläutert: "Anne Carson lässt antike Autorinnen und Autoren in die Gegenwart hineinwirken. In ihren Werken gehen antike Mythen neue Verbindungen mit modernen Lebenserfahrungen und zeitgenössischen Kunstformen ein. Dafür wird sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Vergabe deutet darauf hin, dass für die Nobelpreis-Jury die Reinheit der klassischen Literaturgattungen kein Schlüsselbegriff mehr ist. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Frage: Wie lassen sich individuelle Lebensgeschichten mit den universellen Erfahrungen menschlichen Lebens in Verbindung bringen? Die Literaturschaffenden sollen mit ihren Werken nicht nur ihre Zeit dokumentieren, sondern auch neue Wege des literarischen Ausdrucks beschreiten. Mit Anne Carson ist ein Beispiel gegeben."
