19. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Neben dem Krieg Russlands gegen die Ukraine geht es einmal mehr um die Proteste in Frankreich, die am Wochenende teilweise eskaliert sind.

Brand bei Protesten in Paris
Zentrales Kommentarthema der Zeitungen aus dem Ausland sind die teils gewaltsamen Proteste und Plünderungen ‌am Wochenende in Frankreich (IMAGO / ABACAPRESS)
DE TELEGRAAF aus den Niederlanden schreibt dazu: "Wer die Bilder der Verwüstung sieht, denkt an ein Kriegsgebiet. So sprechen auch viele Franzosen darüber: Guerilla und Bürgerkrieg. Den Behörden zufolge wurden die Ausschreitungen von radikalen Gruppen angeheizt, die die Schülerproteste zielgerichtet gekapert haben. Allerdings sehen das nicht alle so. Der linke Präsidentschaftskandidat Mélenchon gibt der Regierung und der Polizei die Schuld. Sie seien die Anstifter der Gewalt gewesen. Das ist eine gefährliche Verdrehung der Tatsachen. In einer ohnehin schon unruhigen und unsicheren Welt ist Frankreichs Instabilität besorgniserregend, besonders angesichts der im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen. Dass die inakzeptable Gewalt bei Demonstrationen nicht einhellig verurteilt wird, verstärkt diese Sorgen noch", unterstreicht DE TELEGRAAF aus Amsterdam.
"Dass Gewalttäter Konsequenzen spüren müssen, ist unbestritten", meint der britische INDEPENDENT: "Richtig ist aber auch, dass die Regierung die Möglichkeit gehabt hätte, mit Vertretern der Protestierenden zu sprechen. Jener klassischen französischen Mischung aus Studenten und Arbeitern, die nun durch die wiedererstarkten Gelbwesten Auftrieb erhält. Die Behörden hätten sich Beschwerden anhören, Verständnis zeigen und Veränderungen anbieten können. Stattdessen hat die Regierung von Präsident Macron die Polizei angewiesen, mit aller Härte vorzugehen. Viele erlitten durch Polizeiwaffen schwere Verletzungen, weil die Behörden mit kontraproduktiver Brutalität reagiert haben. Es ist kein Wunder, dass Gewerkschafter und andere sich der Protestbewegung angeschlossen haben. Zu dem Ärger über hohe Lebenshaltungskosten und die Kraftstoffpreise gesellt sich ein allgemeines Gefühl von nationalem Pessimismus und Unsicherheit", analysiert THE INDEPENDENT aus London.
Ein Gastkommentator in der chinesischen Zeitung JIEFANG RIBAO ist überzeugt: "Die Krawalle enthüllen tiefer liegende Probleme. Hohe Staatsschulden belasten Frankreich, die Regierung sieht sich gezwungen, die Sozialausgaben zu kürzen. Hinzu kommen steigende Inflation und wachsende Arbeitslosigkeit. Die Regierung hat keine Mehrheit im Parlament und ist nahezu handlungsunfähig - Reformvorhaben bleiben deshalb auf der Strecke. Die politische Mitte wird weiter geschwächt und lässt den extremen Flügeln immer mehr Raum. Vorgezogene Neuwahlen stehen wieder im Raum. Vielleicht geraten diese ausufernden Massenproteste ähnlich wie die Gelbwesten-Bewegung 2022 bald wieder in Vergessenheit. Vielleicht gären sie aber auch weiter. Die extreme Rechte versucht, die Proteste ebenso wie die extreme Linke für sich auszuschlachten. Außerdem ist Frankreich mit seinem politischen und sozialen Dilemma kein Einzelfall in Europa", hebt JIEFANG RIBAO aus Shanghai hervor.
Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA beschreibt, wie ihrer Ansicht nach der rechtsnationale Rassemblement National die Proteste für sich nutzt: "Zwar machte auch die Anführerin der extremen Rechten, Le Pen, die radikale Linke für das Chaos verantwortlich. Doch ihre schärfsten Angriffe richtete sie gegen die amtierende Regierung. Da Le Pen sich sicher sein kann, in die Stichwahl um das Präsidentenamt einzuziehen, droht ihr nur dann eine Niederlage, wenn sie auf einen gemäßigten Politiker trifft. Diese Gefahr wird immer kleiner, je stärker sie die derzeitige Regierung attackiert. Einen ähnlichen Weg schlug 2005 Nicolas Sarkozy ein, der damals Innenminister war. Als es in den Vororten französischer Städte zu wochenlangen Unruhen kam, bezeichnete er die Demonstranten als 'racaille', zu Deutsch: Gesindel. Genau dieses Wort verwendete an diesem Sonntag auch Le Pen. Sarkozy gelang es schließlich zwei Jahre später, auf der Welle seiner harten, einwanderungsfeindlichen und auf 'Recht und Ordnung' ausgerichteten Rhetorik den Élysée-Palast zu erobern. Heute will Marine Le Pen in Sarkozys Fußstapfen treten", hält RZECZPOSPOLITA aus Warschau fest.
Zu einem weiteren Thema. Die schwedische Zeitung DAGENS INDUSTRI kritisiert den Russland-Kurs von US-Präsident Trump im Angriffskrieg gegen die Ukraine: "Trump hat in den letzten Tagen die Welt weiter massiv destabilisiert. Erst die Berichte über eine Einigung mit Putin, wonach Sanktionen gelockert und Millionen Tonnen russisches Diesel in die USA geliefert werden sollten. Dann berichteten Medien, die USA hätten die Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen an die Ukraine zurückgefahren, und der Zugang der Ukraine zu Starlink sei gedrosselt worden. Zuletzt erklärte Trump auch noch, die Ukraine bräuchte einen neuen Präsidenten. Empörung allein hilft hier nicht weiter. Europa muss mehr militärische und politische Hilfe für die Ukraine leisten, und zwar so, dass es einen wirklichen Unterschied macht", heißt es in DAGENS INDUSTRI aus Stockholm.
Die slowakische Zeitung SME stellt klar: "Mit seinen jüngsten Schritten im Ukraine-Krieg hat Trump einen moralischen Tiefpunkt erreicht. Sein Argument, dass die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien die Energiepreise auch in den USA erhöhen würden, ist eine verlogene Pervertierung des 'America first'-Prinzips. Noch dazu gibt es einen breiten Konsens unter Experten, dass die Blockade der Straße von Hormus eine wesentlich stärkere Auswirkung auf die Weltmarktpreise hat. Dass Trump angebliche Interessen von US-Wählern über das menschliche Leid in der Ukraine stellt, ändert natürlich nichts an der realen Gefahr, dass die Republikaner bei den Midterm-Wahlen wegen der Energiepreissteigerungen ihre Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus verlieren. Dabei sollten jedoch sowohl Trumps Anhänger als auch seine Gegner damit rechnen, dass sich Trumps Haltung zur russisch-ukrainischen Frage höchstwahrscheinlich direkt nach den Midterms wieder ändern wird", konstatiert SME aus Bratislava.
Die norwegische Zeitung VERDENS GANG findet: "Es ist peinlich für Trump, dass es ihm nicht gelungen ist, Russland zu einem Ende des Kriegs zu bewegen. Vielleicht glaubt er jetzt, dass der einzige Weg darin besteht, die Ukraine zum Aufgeben zu zwingen. Wie die meisten Politiker in den USA und in Europa wissen, würde das kein Problem lösen, und es wäre nicht nur unmoralisch, sondern auch kurzsichtig, weil es Russland gefährlicher machen würde - auch für die USA. Selenskyj hat es auf jede erdenkliche Art versucht, und man versteht seine echte Verzweiflung und sein Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Außerdem trifft es nicht ihn persönlich, sondern das ukrainische Volk, das er repräsentiert und das wegen der Freundschaft zwischen Trump und Putin leiden muss. Die Hoffnung besteht darin, dass irgendjemand Trump stoppt, bevor die Konsequenzen zu schwer wiegen. Dass er von sich aus zur Vernunft kommt, ist dagegen eine naive Idee", vermerkt VERDENS GANG aus Oslo.
Die brasilianische Zeitung O ESTADO DE SÃO PAULO aus São Paulo stellt klar: "Indem Trump Kiew unter Druck setzt, schwächt er die Verhandlungsmacht der USA. Die Ukraine hat Jahre gebraucht, bis sie dem russischen Aggressor hohe wirtschaftliche Verluste zufügen konnte, ohne dafür auf die Zustimmung ihrer Partner angewiesen zu sein. Inzwischen greifen ihre Drohnen russische Raffinerien und andere Einrichtungen an, die Russland für seine Kriegswirtschaft und seine Exporte braucht. Gerade weil die Angriffe inzwischen Wirkung zeigen, will Washington sie beenden. Dabei erhalten die USA von Moskau keine Gegenleistung, stattdessen verringern sie ihren Handlungsspielraum. Putin kann auf Zeit spielen. Es ist für Washington nicht weiter schwierig, Druck auf Kyjiw auszuüben - die Herausforderung wäre vielmehr, Veränderungen in Moskau zu bewirken und Putin zu zeigen, dass sich Abwarten eben nicht auszahlt", betont O ESTADO DE SÃO PAULO aus São Paulo, und damit endet die Internationale Presseschau.