20. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Weiterhin bestimmen die Proteste in Frankreich die Kommentare. Daneben befassen sich einige ausländische Zeitungen mit der Lage in Albanien sowie mit den Auswirkungen des Kurses von US-Präsident Trump im Ukraine-Krieg.

Junge Demonstranten posieren mit der albanischen Nationalflagge und formen mit ihren Händen den Doppeladler – während studentisch geprägter regierungsfeindlicher Proteste in Tirana, Albanien.
Ein Thema: Die regierungsfeindlichen Proteste in Albanien. (picture alliance/NurPhoto/Vlasov Sulaj)
In Frankreich wird weiter über die Ursachen der Ausschreitungen und ihre politischen Folgen diskutiert. Dazu bemerkt die spanische Zeitung LA VANGUARDIA aus Madrid: "Wir erleben das Ende des Macronismus. Der Präsident beendet seine zweite Amtszeit und hat weiterhin keinen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Bürger. Seine Fähigkeit, Antworten auf die soziale Unzufriedenheit zu geben und den Aufstieg der extremen Rechten aufzuhalten, ist praktisch gleich null. Er hinterlässt eine gespaltene Gesellschaft."
Die französische Zeitung LE FIGARO aus Paris sieht das Land in einer tiefen Krise: "Der Einsturz des ausgebrannten Rathausturms von Limoges fasst den Zustand Frankreichs zusammen. Mit ihm schien ein Stück Republik zu fallen. Die Tage des 17. und 18. Oktober hätten die Konvergenz des Hasses von Anhängern der schwarzen Fahne und kriminellen Randalierern gezeigt. Unser Gesellschaftsvertrag ist zerrissen. Man wird ihn nicht an einem Tag reparieren."
Die britische Zeitung THE INDEPENDENT verweist auf eine weitere Gefahr: "Ebenso bedrohlich wie diese Unruhen und möglicherweise von weitaus größerer Tragweite ist eine weitere Herausforderung für die Stabilität des französischen Staates – eine sich anbahnende Staatsschuldenkrise, die an jene erinnert, die sich vor 15 Jahren in der Eurozone ausgebreitet hat. Von allen großen Industrienationen hat Frankreich am stärksten gelitten: Das Land verzeichnete den größten Anstieg der Anleiherenditen und einen drastischen Wertverlust der französischen Staatsanleihen. Derzeit gehen die Märkte davon aus, dass die von Unternehmen begebenen Anleihen ihren Wert eher halten und zurückgezahlt werden als die vom französischen Staat angebotenen Wertpapiere. Der Grund dafür ist, dass die französische Staatsverschuldung zu hoch, die Wirtschaft zu träge und das Parlament sowie der Präsident gemeinsam nicht in der Lage sind, die Staatsausgaben auf ein tragbares Niveau zu senken", hält THE INDEPENDENT aus London fest.
Die panarabische Zeitung AL-QUDS AL-ARABI bewertet den Protest als Ausdruck einer tieferen gesellschaftlichen Spaltung: "Angesichts der zahlreichen sozialen Probleme, unter denen Frankreich leidet, haben die meisten Bürger über Jahre hinweg Geduld bewiesen. Doch in jüngster Zeit fällt es ihnen zunehmend schwer, diese Geduld aufrechtzuerhalten. Für viele Menschen ist die Lage inzwischen schlicht unerträglich geworden. Sie wollen nichts weiter, als ein Leben in Würde führen zu können. Der aufgestaute Zorn, der sich wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl entlud, sendet eine unmissverständliche Botschaft: Der Unmut richtet sich nicht allein gegen den amtierenden Präsidenten und seine Regierung, sondern gegen das politische System als Ganzes", betont AL-QUDS AL-ARABI mit Sitz in London.
Die polnische GAZETA WYBORCZA blickt wenig optimistisch in die Zukunft: "Es bleibt die Hoffnung, dass Regierung und Opposition endlich die richtigen Lehren aus den Ereignissen ziehen und die Lage in den Griff bekommen. Doch seien wir realistisch: Die Chancen dafür stehen nicht gut. Sollte dies nicht gelingen, könnten die Franzosen – im übertragenen oder gar im wörtlichen Sinne – auf die Barrikaden gehen, um sich für einen der radikalen Entwürfe zur Neuordnung des gesellschaftlichen Lebens zu entscheiden. Doch für welchen? Das lässt sich kaum sagen, denn es hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab", notiert die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
Die italienische Zeitung IL FOGLIO QUOTIDIANO beobachtet: "In Paris brennt es, in Mailand fliegen Steine, in Brüssel kommen Wasserwerfer zum Einsatz, in Lissabon protestieren Zehntausende Menschen, in Madrid tobt der Mietaufstand, in Tirana kommt es zu heftigen Zusammenstößen. Nach den vorliegenden Informationen gibt es keinen einheitlichen 'europäischen Aufstand', keine koordinierte Bewegung und keine unsichtbare Hand, die gleichzeitig die Straßen in Aufruhr versetzt hätte. Die Ursachen sind unterschiedlich, doch es gibt einen gemeinsamen Nenner: eine Generation, die das Leben, das Studieren, das Wohnen und den Aufbau einer Zukunft als immer teurer empfindet", analysiert IL FOGLIO QUOTIDIANO aus Rom.
Mit der Lage in Albanien befasst sich die lettische Zeitung DIENA: "Die Proteste in Albanien gegen den seit mittlerweile 13 Jahren regierenden Premierminister Edi Rama werden immer gewalttätiger. Sie ziehen trotzdem keine sonderliche internationale Aufmerksamkeit auf sich - wohl auch, weil der Fokus auf den sozialen Unruhen in anderen europäischen Ländern mit Frankreich an der Spitze liegt. Gleichzeitig gehören - keineswegs immer nur friedliche - Massenproteste in Albanien zum politischen Alltag. Üblicherweise wird die endlose Instabilität in Albanien mit der Korruption und der schlechten Regierungsführung erklärt, oder es wird auf eine Einmischung von außen durch Kräfte verwiesen, denen der prowestliche Kurs Albaniens nicht passt. Das mag alles zutreffen, ist aber nicht die zentrale Ursache. Das große Problem sind vielmehr die historisch gewachsenen kulturellen Gegensätze zwischen den Bevölkerungsgruppen der Gegen im Norden und der Tosken im Süden, die sich auch auf die Politik auswirken", glaubt DIENA aus Riga.
Die albanische Zeitung GAZETA TEMA konstatiert: "Auch nach mehreren Tagen mit gewaltsamen Protesten hat sich die albanische Gesellschaft nicht spalten und in die Spirale der Gewalt hineinziehen lassen. Angeführt werden die Demonstrationen von einer Gruppe maskierter, professionell agierender Gewalttäter, die wissen, wie man Molotowcocktails wirft und Kampftechniken anwendet. Das deutet darauf hin, dass es sich um keine spontanen Zusammenstöße handelt, sondern um eine geplante Inszenierung. Festgenommene Demonstranten stammen oft aus dem Kosovo und erzählen von bezahlten Anreisen und Hotelübernachtungen. Es ist die Pflicht unserer Sicherheitsbehörden, die Ausbilder und Sponsoren dieses Netzwerks gewaltbereiter Statisten ausfindig zu machen. Die Proteste in Tirana sind kein Massenaufstand der Bevölkerung und haben das Land auch nicht in einer Orgie der Gewalt versinken lassen", resümiert die GAZETA TEMA aus Tirana.
Nun geht es um die Auswirkungen des Kurses von US-Präsident Trump im Ukraine-Krieg. Die tschechische Zeitung LIDOVÉ NOVINY warnt: "Die Vereinigten Staaten von Amerika sind kein verlässlicher Partner der Ukraine. Und ähnlich könnte es auch Europa ergehen. Die USA sind in der Lage, den Kontinent jederzeit von ihren Schlüsseltechnologien abzuschneiden. Das haben die Ereignisse der letzten Tage gezeigt. Erst haben die Amerikaner aufgehört, Informationen über den Abschuss russischer Raketen mit Kiew zu teilen – und später haben sie die Funktion des Satellitennetzwerks von Starlink eingeschränkt. Washington wünscht sich, dass Europa weiter von den USA abhängig bleibt. Denn nur dann kann jeder amerikanische Präsident den Kontinent jederzeit ähnlich wie die Ukraine 'bestrafen'", so die Einschätzung von LIDOVÉ NOVINY aus Prag.
Die taiwanesische Zeitung LIANHE RIBAO zieht Lehren aus den jüngsten Entwicklungen: "Spätestens jetzt, da Trump das Ruder herumgerissen und die gegen Russland verhängten Sanktionen ausgesetzt hat, sollten bei Taiwan die Alarmglocken schrillen. Die Ukraine muss schmerzlich erkennen, dass sie sich auf die Unterstützung durch die USA nicht verlassen kann. Auch die Menschen in Taiwan sollten endlich aufwachen und erkennen, dass sie sich in einer äußerst brenzligen Lage befinden, solange Donald Trump im Amt ist. Die Konsequenz daraus ist, dass unsere heimische Halbleiterindustrie auf keinen Fall nach Amerika verlagert werden darf, wie es Trump verlangt. Dann würde sich Taiwan nämlich seiner letzten verbleibenden Trumpfkarte berauben und zur leichten Beute von Xi Jinping werden", befürchtet LIANHE RIBAO aus Taipeh. Und mit diesem Kommentar endet die internationale Presseschau.