24. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Zwei Themen stehen im Fokus der Zeitungen: Es geht um die Ukraine und die Politik der US-Regierung und um die Proteste und Unruhen in Frankreich.

Frankreich, Marseille: Fußgänger gehen einen mit Trümmern übersäten Straßenabschnitt entlang, einen Tag nach landesweiten Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten.
Ein Archivbild von den gewaltsamen Protesten und Plünderungen ‌vor einer Woche in Marseille (Thibaud Moritz / AFP / dpa)
LE FIGARO aus Paris erinnert: "Vor einer Woche war Frankreich Randalierern und Plünderern ausgeliefert. Sie bewarfen Polizisten mit Steinen, plünderten Geschäfte und verprügelten Ladenbesitzer. Gestern kehrte der Terrorismus zurück. In einem Pariser Vorort schoss ein Mann um sich: ein Toter, mehrere Verletzte. Die Rede ist von einem rassistischen Verbrechen. Und heute? Ein weiterer Demonstrationstag. Die Regierung steht unter Hochdruck. Aber kann der Staat die Bevölkerung in diesen stürmischen Zeiten überhaupt noch schützen? Wohin steuert das Land?", fragt der französische FIGARO.
Die Pariser Zeitung LIBERATION übt scharfe Kritik an dem Vorgehen der französischen Regierung: "In seinem repressiven Elan hat Präsident Macron nicht gezögert, die Präfekten aufzufordern, möglichst viele Demonstrationen präventiv zu verbieten – Maßnahmen, die zu den Ausgangssperren, den zügigen Schnellverfahren und der Unterbringung von Minderjährigen unter unwürdigen Bedingungen hinzukommen. Die Menschenrechtsliga kritisiert diese Entscheidungen als Abdriften des Rechtsstaats. Dieses Vorgehen begünstigt zweifellos die Kandidatur von Marine Le Pen", betont die französische Zeitung LIBERATION.
Nach Einschätzung der schwedischen Zeitung EXPRESSEN muss - Zitat - "der Herbstaufstand vor allem vor dem Hintergrund der tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise Frankreichs gesehen werden. Kurz und knapp: Das Land ist heruntergewirtschaftet. Seit den 1970er Jahren hat es keinen ausgeglichenen Haushalt mehr gegeben, und die Staatsverschuldung nähert sich 120 Prozent. Wenn höhere öffentliche Ausgaben die Lösung aller Probleme wären, hätte Frankreich keine. Die Franzosen lieben es, über den 'Neoliberalismus' zu schimpfen. Das Problem in Frankreich ist nicht der Mangel an Ressourcen - es ist die falsche Priorisierung", hebt EXPRESSEN aus Stockholm hervor.
Ähnlicher Meinung ist die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN: "Die französische Regierung muss weitere Ausschreitungen stoppen. Allerdings ist die Lage des Staatshaushalts in Frankreich so kritisch wie noch nie. Die Regierung sollte sich auf die Gesellschaftsschichten konzentrieren, die wirklich Hilfe brauchen. Ob Frankreich die Ausschreitungen eindämmen kann – das betrifft auch die Stabilität in Europa", betont NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG hält fest: "Die gewalttätigen Exzesse in Frankreich sind eine Warnung an ganz Europa, insbesondere für Deutschland, das zurzeit mit seiner eigenen Demokratie überfordert ist. Unruhen ziehen neue Unruhen an. Ausgehend von friedlichen Schülerprotesten, hat sich die Kampfzone in Frankreich plötzlich ausgeweitet. Insbesondere die krude Allianz von linksextremen Aktivisten und Islamisten wird Europa weiter beschäftigen. Zusammen stellen sie die Identität europäischer Gesellschaften fundamental infrage. Demgegenüber stehen rechtsnationale Parteien mit zum Teil autoritären Anwandlungen und einer seltsamen Bewunderung für Putin. Während die Extreme aufeinanderprallen, muss sich die Mitte erst einmal reorganisieren und selbst hinterfragen. Fürs Erste wird es nicht gemütlicher in Europa", unterstreicht die Schweizer NZZ.
Nun zum nächsten Thema. Der britische INDEPENDENT beleuchtet die Ukraine-Politik von US-Präsident Trump: "Die schleichende Abkehr der USA von der Ukraine ist eine der beschämendsten und unerklärlichsten Episoden in der US-Außenpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs; und sie ist die prägende geopolitische Realität auf dem europäischen Kontinent. Nur Europa kann die Ukraine retten, und dazu wird ein gewaltiger, kostspieliger technologischer Aufwand erforderlich sein. Es ist an der Zeit, dass die 'Koalition der Willigen' – sofern dieser Begriff noch irgendeine Bedeutung hat – das tut, was die Amerikaner nicht tun können oder wollen." mahnt der Londoner INDEPENDENT.
In der norwegischen Zeitung DAGBLADET heißt es: "Die Meldung, dass sich Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping in China treffen wollen, um über das Schicksal der Ukraine zu entscheiden, ist in Brüssel und Kyjiw natürlich mit Entsetzen und Ungläubigkeit aufgenommen worden. So etwas stinkt nach Jalta, der legendären Konferenz am Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Großmächte die Welt unter sich aufteilten. Außerdem hat Trump keine kluge Strategie, außer sich selber zu bereichern. Aber ohne den ukrainischen Präsidenten Selenskyj am Tisch und ohne die Europäer im Nebenzimmer wird es keinen Frieden geben", prognostiziert die Zeitung DAGBLADET aus Oslo.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO hat keine großen Erwartungen an das Treffen: "Was territoriale Fragen, Verhandlungsoption und Machbarkeit betrifft, klaffen die Vorstellungen beider Konfliktparteien weiterhin weit auseinander. Solange sich keine unerwartete Zuspitzung ereignet, wird das im November angestrebte Dreier Treffen zwischen Russland, den USA und der Ukraine zustande kommen. Man darf jedoch keine allzu große Erwartungen haben. Im bevorstehenden Winter sind zermürbende Kämpfen zu erwarten. Nach den US-Zwischenwahlen neigt sich die Waage in Washington wahrscheinlich wieder in Richtung Kiew. Somit wird der Konflikt weiter in unbestimmte Länge ziehen", vermutet JIEFANG RIBAO aus Shanghai.
Die Zeit eines 'Konzerts der Großmächte' sei längst vorbei, meint die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA. "Es gibt heute weit mehr als drei einflussreiche Akteure auf der Weltbühne. Im Jahr 1941 besetzten Großbritannien und die Sowjetunion den Iran – mühelos, ohne nennenswerte Opfer oder Verluste – und konnten bis Kriegsende dort schalten und walten, wie es ihnen gefiel. Heute hingegen ist es Teheran, das der Welt erhebliche Probleme bereitet. Es ist kaum vorstellbar, dass drei Herren mit Filzstiften einfach neue Grenzen auf dem Globus ziehen könnten. Die Welt lässt sich heute nicht mehr einfach unter drei Akteure aufteilen. Die Idee von 'Jalta 2' ist ein Relikt der Vergangenheit", betont die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
"Seitdem der US-Präsident wie wild auf ihn losgeht, sind Selenskyjs Beliebtheitswerte in der Heimat rasant angestiegen. Würde dort morgen gewählt, wäre der alte ukrainische Präsident wohl auch der neue", schreibt der österreichische STANDARD und führt weiter aus: "Seit sich Selenskyj mit Trump anlegt, ist die Ukraine auch in den USA wieder Thema. Mit seinen harschen Worten verstärkt er gezielt jene Stimmen in Washington, die mit Trump nicht einverstanden sind. Ob er damit Erfolg hat, wird die Geschichte zeigen", findet der Wiener STANDARD.
Zum Diesel-Deal zwischen Russland und den USA schreibt die Zeitung LA NACION aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires: "Russland kann mit jedem zusätzlich verdienten Dollar weitere Waffen kaufen, und das Abkommen ist ein Signal an Moskau, die Angriffe auf die Ukraine fortzusetzen. Die USA haben damit einen vollständigen Kurswechsel gegenüber Putin vollzogen, Trump hat sich als unzuverlässiger Partner erwiesen - und das hat in der Ukraine und in Europa gleichermaßen für Bestürzung gesorgt."
Der Kommentator der WASHINGTON POST sieht Parallelen zwischen der US-Politik gegenüber Indien und der Ukraine: "SpaceX-Chef Musk hat nicht verstanden, dass in Indien – wie in weiten Teilen der Welt – das Vertrauen in die Vereinigten Staaten zusammenbricht. Die Inder haben genau beobachtet, wie US-Präsident Trump die Ukraine im Stich gelassen hat. Dort wurde die militärische Version von Starlink auf verdächtige Weise eingeschränkt. Infolge dessen konnte die Ukraine kaum auf die Angriffe Russlands reagieren. Will Indien tatsächlich bei einem weiteren Konflikt mit Pakistan, dass seine Streitkräfte vollständig von einem US-Satellitensystem abhängig sind, das von Trump und Musk kontrolliert wird?", überlegt die WASHINGTON POST.