
"Die Israelis haben Besseres verdient als Netanjahu", titelt die israelische Tageszeitung HAARETZ. "Der Schaden, den der Premierminister und seine Regierung angerichtet haben, ist unermesslich. Da ist die Justizreform, die das Land in Stücke gerissen hat, außerdem der jüdische Terrorismus im Westjordanland sowie der Krieg im Gazastreifen, der sich zu einer grenzenlosen Rachekampagne entwickelte. Doch über allem steht das Massaker vom 7. Oktober und das schwerwiegendste Sicherheitsversagen in der Geschichte des Landes. Netanjahu ignorierte alle Warnungen vor einem Überfall der Hamas und nahm anschließend nicht einen Funken Verantwortung auf sich. Israel kann sich keine weiteren vier Jahre unter Netanjahu leisten. Es braucht einen Wandel. Die israelische Gesellschaft hat die Macht, eine Quelle für Erneuerung zu sein." Das war HAARETZ aus Tel Aviv.
Die palästinensische Zeitung AL QUDS blickt pessimistisch auf die heutigen Wahlen: "Viele Palästinenser fragen sich, ob sich ein Fenster für einen Politikwechsel öffnen könnte – oder die derzeitige Situation lediglich unter anderen Vorzeichen und mit anderen Akteuren fortgeschrieben wird. Ein Regierungswechsel brächte nur dann eine echte Wende, wenn er sich auch vor Ort im Gazastreifen und Westjordanland niederschlüge - durch ein Ende der Angriffe, den Stopp des Siedlungsausbaus sowie die Anerkennung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung. Sicherlich ist die Zukunft nicht für jegliche Veränderung verschlossen. Doch bedarf es einer realistischen Einschätzung: Überzogene Erwartungen sollten Palästinenser nicht mit Blick auf den Ausgang der Wahl hegen", analysiert AL QUDS aus Jerusalem.
Die dänische Zeitung POLITIKEN wirft einen Blick auf Netanjahus Herausforderer Gadi Eisenkot von der Zentrumspartei Yashar: "Der frühere Armeechef setzte im Wahlkampf auf die Furcht, dass Netanjahu das ganze Land vor seinen politischen Karren spannt. Die Allianz von Eisenkot ist sich dahingehend einig, dass Netanjahu eine Gefahr für Israels Demokratie und die Unabhängigkeit der Justiz darstellt. Was sie dagegen spaltet, ist die Frage des Westjordanlands. Zu Eisenkots Partnern gehört eine Partei der Siedlerbewegung, aber auch eine Friedenspartei, die sich gegen die Gewalt gegen Palästinenser einsetzt. Was im Wahlkampf durch Abwesenheit glänzte, ist das Thema 'Frieden'. Es lassen sich keine Stimmen gewinnen, indem man eine Aussöhnung mit den Palästinensern vorschlägt", notiert POLITIKEN aus Kopenhagen.
Die italienische Zeitung LA STAMPA aus Turin hält neben innenpolitischen Fragen auch die Außenpolitik für wahlentscheidend: "Es geht darum, zu entscheiden, wer ein Amerika an Israels Seite für alle Zeiten garantieren kann, das in der Lage ist, dem Iran einen entscheidenden Schlag zu versetzen, und das vor allem sein Engagement nicht vollständig aufgibt. Es bleibt die Frage: Sollen sich die Wähler auf den alten König Bibi verlassen, gezeichnet und von Skandalen zerfressen, oder auf General Gadi Eisenkot, einen Militär mit großer Erfahrung, aber einen politisch unerfahrenen Mann?"
Der STANDARD aus Wien erwartet ein Kopf-an-Kopf-Rennen: "Wenige Tausend Menschen könnten den Wandel einleiten, indem sie dieses Mal nicht daheimbleiben, sondern ihre Stimme abgeben. Eine Niederlage Netanjahus, der den Großteil der vergangenen 17 Jahre als Premierminister amtierte, wäre noch lange kein Sieg seiner Gegner. Sie müssen es erst schaffen, eine Regierung zustande zu bringen. Die Oppositionsparteien würden zwar eine Parlamentsmehrheit schaffen, sind aber wählerisch, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Mehrere Parteien haben ausgeschlossen, mit arabischen Parteien zu kooperieren. Ohne Araber, die immerhin zwanzig Prozent der Bevölkerung stellen, sind die mehrheitlich jüdischen Parteien aber chancenlos. Es wäre zwar theoretisch möglich, dass die Oppositionsparteien sich einen oder mehrere Player der heutigen Regierung in ihre Koalition holt. Praktisch ist das eher unwahrscheinlich. Letztendlich sind Neuwahlen nicht auszuschließen", wagt der österreichische STANDARD einen Ausblick.
Und damit weiter zum nächsten Thema: der Wiederwahl von Präsident Lula in Brasilien. Die brasilianische Zeitung O GLOBO geht auf die jüngste Reaktion des gescheiterten Herausforderers Bolsonaro ein: "Auf Druck seiner Verbündeten hin hat Flávio Bolsonaro seinen Antrag auf eine Annullierung der Wahl zurückgezogen, fordert aber nun eine Amtsenthebung Lulas. Es ist bedauerlich, dass auch US-Präsident Trump die Lüge von einer 'manipulierten Wahl' übernommen hat, obwohl das Ergebnis von fast allen Staaten der Welt anerkannt und von internationalen Wahlbeobachtern bestätigt wird. Für Verwirrung sorgte vor allem die Verlängerung der Stimmabgabe wegen starker Regenfälle oder fehlender Busse. Es gibt aber keine Beweise, dass dies das Ergebnis beeinflusst hat. Bolsonaro muss aufhören, Putschgedanken zu hegen und stattdessen die Wahlergebnisse akzeptieren lernen, auch wenn sie ihm nicht passen. Siege gehören ebenso zur Demokratie wie Niederlagen", heißt es in O GLOBO aus Rio de Janeiro.
"Die Freundschaft zu Trump reicht nicht mehr aus, um Wahlen zu gewinnen", schreibt die polnische GAZETA WYBORCZA und führt aus: "Der Druck der USA auf Brasilien im Vorfeld der Wahlen war enorm, denn für die globale Trump-Bewegung stand bei den brasilianischen Wahlen enorm viel auf dem Spiel. Wäre Flavio Bolsonaro an die Macht gekommen, wäre dessen Vater – ein Freund Trumps – sicherlich aus dem Hausarrest entlassen worden. Und wahrscheinlich hätten die Amerikaner unbegrenzten Zugang zu brasilianischen Rohstoffvorkommen erhalten. Schätzungen zufolge befindet sich ein Fünftel aller weltweiten Vorkommen an Seltenen Erden in Brasilien. Donald Trump brüstet sich gerne mit seinem politischen Einfluss. Doch es häufen sich die Anzeichen dafür, dass Trumps Unterstützung Politikern inzwischen eher schadet als nützt. In Ungarn erlitt sein Favorit Viktor Orbán im April eine krachende Niederlage. Ein ähnliches Szenario spielte sich nun in Serbien ab, wo Premierminister Aleksandar Vučić nun die Macht verlor", beleuchtet die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
"Kein Grund zum Jubeln", konstatiert die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG mit Blick auf den Ausgang der Wahl in Brasilien: "Lula ist ein überzeugter Sozialist, sein Sündenregister ist lang. Zwar haben unter seiner Ägide viele Arme den Aufstieg in die Mittelklasse geschafft. Doch der Preis dafür ist ein aufgeblähter Staat, der Schulden anhäuft und die unternehmerische Eigeninitiative bremst. In der Außenpolitik hat sich Lula manche Fehltritte geleistet. Er pflegt trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine einen engen Austausch mit dem russischen Machthaber Putin. Seine Gegner werfen Lula vor allem vor, dass er korrupt sei und ein verfilztes Politsystem geschaffen habe. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, wie verschiedene Bestechungsskandale der vergangenen zwanzig Jahre deutlich machen. Für viele Brasilianer war es eine Wahl des kleineren Übels gegenüber dem ebenfalls korrupten Bolsonaro", urteilt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.
Die spanische Zeitung EL PERIODICO schaut auf die kommenden Aufgaben für Präsident Lula: "Seine größte Herausforderung wird darin bestehen, ein tief gespaltenes Land zu regieren. Im Kongress dominieren konservative Kräfte, während die Wirtschaft durch hohe Verschuldung und enge finanzpolitische Spielräume belastet ist. Das wirft Zweifel an der Tragfähigkeit seines politischen Projekts auf. Zudem fehlt eine klar geregelte politische Nachfolge für den 81-jährigen Lula. Die brasilianische Linke muss ihre Politik und ihr Führungspersonal erneuern statt erneut auf die Ausnahmestellung ihres charismatischen Anführers zu vertrauen."
