29. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Heute unter anderem mit Kommentaren zum beginnenden EU-Kanada-Gipfel und zur Parlamentswahl in Israel, die zu einer Pattsituation zwischen den Lagern des Ministerpräsidenten Netanjahu und seines Herausforderers Eisenkot geführt hat.

Ein Radfahrer fährt in Tel Aviv unter einer Fußgängerbrücke hindurch, an der elektronische Wahlplakate zu sehen sind, auf denen der ehemalige Stabschef der israelischen Streitkräfte, Gadi Eisenkot (links), und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu abgebildet sind.
Wie geht es weiter in Israel? (picture alliance/dpa | Erik Marmor)
Dazu meint die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG: "An Netanjahu führt für Eisenkot nur ein Weg vorbei: ein Pakt mit den arabischen Parteien, in der Form einer Koalition oder in der Form einer Minderheitsregierung, die bei Abstimmungen in der Knesset auf arabische Unterstützung zählen kann. Damit würde Eisenkot allerdings ein Wahlversprechen brechen. Ein solcher Wandel ginge vermutlich auch einigen seiner jüdischen Koalitionspartner zu weit. Auch Netanjahu fehlt eine Regierungsmehrheit. Sein naheliegendster Ausweg bestünde in einer großen Koalition mit Eisenkots Partei oder anderen Teilen der Opposition. Doch auch rechte Oppositionspolitiker wie Avigdor Lieberman oder Naftali Bennett sind mit dem großen Ziel angetreten, Netanjahus Regentschaft zu beenden. Sie dürften kaum bereit sein, unter ihm als Minister zu dienen. Geschieht kein Wunder, wird es wohl zu Neuwahlen kommen. Für ein Land, das sich praktisch in einem andauernden Kriegszustand befindet, sind das keine guten Aussichten", meint die NZZ aus der Schweiz.
Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT verweist auf Folgendes: "Die arabischen Parteien scheinen auf 19 Sitze zu kommen, was fast einer Verdopplung ihrer derzeitigen Mandate entspricht. Das Oppositionsbündnis Eisenkots ist auf sie angewiesen, wenn es seinen Traum verwirklichen will: Netanjahu aus dem Amt verdrängen. Vor Verhandlungen müssten die jüdischen Oppositionsparteien aber ein Tabu brechen. Seit dem Terroranschlag der Hamas betrachten viele Israelis alle Palästinenser als Bedrohung, auch diejenigen mit israelischem Pass. Diese Gefühle wurden durch den Wahlkampf des Likud und anderer rechter Parteien angefacht. Angesichts dessen versprachen die meisten Oppositionspolitiker ihren Wählern, nicht mit arabischen Parteien zusammenzuarbeiten." So weit DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.
Die TIMES aus London vermutet: "Eisenkot wird Möglichkeiten einer Unterstützung durch arabisch-israelische Parteien prüfen - was für rechte Parteien in seinem Block eine rote Linie ist. Die Zukunft ist ungewiss und könnte Neuwahlen mit sich bringen. Eines ist jedoch klar: Netanjahu, der Entfesselungskünstler Houdini der israelischen Politik, hat weniger Spielraum. Aber er ist noch lange nicht handlungsunfähig", glaubt die britische TIMES.
Zur politischen Zukunft von Netanjahu meint LA REPUBBLICA aus Italien: "Um strafrechtliche Immunität zu genießen, reicht Netanjahu nicht irgendein Amt, er braucht das des Ministerpräsidenten. Und in der Vergangenheit hat er jedes Mal, wenn er versprochen hat, die Macht zu teilen, dies dann doch nicht getan: Eisenkot weiß das. Und er hat nicht die Absicht, die Fehler seiner Vorgänger zu wiederholen."
"Eisenkot glaubte, darauf verzichten zu können, eine alternative Vision für die Zukunft des Landes vorzulegen", analysiert LE FIGARO aus Frankreich. "Er hat sich darauf konzentriert, dieselben Kriege effektiver zu führen, die Hamas und die Hisbollah auszurotten und gleichzeitig in den Augen der internationalen Gemeinschaft wieder salonfähig zu werden. In diesem Spiel der Stärksten ist es schwer, den scheidenden Ministerpräsidenten zu schlagen – die Wahlergebnisse belegen dies", unterstricht LE FIGARO aus Paris.
"Hinter dem enttäuschenden Ergebnis für beide Blöcke spiegelt sich der veränderte Zeitgeist in Israel drei Jahre nach dem Hamas-Terror wider", stellt die dänische Zeitung POLITIKEN aus Kopenhagen fest. "Es gibt eine klare Mehrheit für mehr Siedlungen in den besetzten Gebieten und gegen eine Zwei-Staaten-Lösung. Aber selbst wenn die Parteien mit diesen Positionen über die Blockgrenzen hinweg und ohne die ultrarechten und radikalen Kräfte zusammenfinden würden, hätte das zur Folge, dass Israel Freunde im Westen verliert und weitere Sanktionen riskiert."
Und in der polnischen RZECZPOSPOLITA lesen wir: "Netanjahu vergleicht sich mit biblischen Königen, denn er regiert länger als jeder andere Ministerpräsident in der modernen Geschichte Israels. Und da er sich in einer Reihe mit den ganz Großen sieht, erlaubt sich Netanjahu auch mehr, als es einer politischen Führungskraft in einer Demokratie eigentlich zusteht. Dennoch haben die Israelis bewiesen, dass sie ein demokratisches Land sind. Dass dort Wahlen stattfinden und die Opposition trotz Einmischung seitens der USA die Chance hat, den Kampf um einen Wandel im Land aufzunehmen", bilanziert RZECZPOSPOLITA, die in Warschau erscheint.
In Montreal beginnt heute der EU-Kanada-Gipfel. AFTENPOSTEN aus Oslo fragt, ob Norwegen eifersüchtig auf Kanada sein sollte: "Die Ambitionen sind groß. Statt einer ‚Assoziierten Mitgliedschaft‘, wie sie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einst erwähnte, ist das Ziel immerhin eine Partnerschaft, die einer Mitgliedschaft immer ähnlicher wird. Auf dem Tisch liegen Themen wie Klima, Energie, KI, Innovation, Sicherheit und eine kanadische Beteiligung an EU-Forschungsprogrammen, aber auch eine engere politische Abstimmung und Zusammenarbeit. Die Romanze der EU mit Kanada blüht und gedeiht, während der Ton gegenüber Norwegen rauer geworden ist. Wir gehören immerhin dem EU-Binnenmarkt an, während eine Beteiligung Kanadas nicht vorgesehen ist." Das war AFTENPOSTEN aus Norwegen.
"Diese neue Allianz zwischen der EU und Kanada ist auch eine Folge der Spannungen mit den USA unter Trump", bemerkt die argentinische Zeitung EL DIA aus Buenos Aires. "Kanada steckt in einem Handelskrieg mit Washington und ist hektisch auf der Suche nach neuen Verbündeten, und auch die Beziehungen der EU zu den USA sind turbulent. Kanada gilt als besonders ‚europäisches Land‘ und somit als logischer Partner. Die Rede ist gar von ‚unermesslichen Chancen‘. In jedem Fall können sich die Kanadier an EU-Programmen beteiligen, und es ist geplant, kanadische Regierungsvertreter zu EU-Gipfeln einzuladen."
Die Gastkommentatorin in der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN blickt auf Bundeskanzler Merz, der in Japan Ministerpräsidentin Takaichi getroffen hat. Thema war die Vereinbarung zwischen Deutschland und Frankreich, wonach staatliche Förderungen für Autos auf in der EU hergestellte Fahrzeuge beschränkt sein sollen. Die Regierung in Tokio befürchtet einen enormen Absatzrückgang für die Auto-Branche im eigenen Land. "Das derzeit größte Problem für Deutschlands Wirtschaft ist, dass sich die deutsche Autoindustrie in der größten Krise der Nachkriegszeit befindet, weil sich ihre Wagen auf dem chinesischen Markt nicht mehr so gut verkaufen wie früher. Japan sollte dies begreifen. Erforderlich wäre nun ein Vorschlag aus Tokio für eine gemeinsame Strategie mit Berlin, so dass die Industrien beider Staaten angesichts der massiven Überproduktion in China überleben können", betont die Gastkommentatorin in NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Hören Sie nun noch eine Stimme zum Wahlergebnis in Serbien. Der Gastkommentator im britischen GUARDIAN erinnert an Folgendes: "Einige EU-Spitzenpolitiker haben dem autoritären Vučić-Regime den Hof gemacht – sie müssen jetzt dieser wiedergeborenen Demokratie eine Zukunft innerhalb der Union bieten. Serbiens Fähigkeit, seine Demokratie zu festigen, hängt von einer Zukunft in Europa ab. Und Europa hat nun die Chance, das Vertrauen derer zurückzugewinnen, die für genau jene demokratischen Werte gekämpft haben. Einen Autokraten zu besiegen ist ein Ereignis, aber der Abbau autoritärer Institutionen ist ein Prozess. Serbien muss die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen, seine Medien befreien und sicherstellen, dass seine Polizei und seine Sicherheitsdienste den Bürgern dienen und nicht einer politischen Partei."