31. Oktober 2026
Die internationale Presseschau

Heute unter anderem mit Kommentaren zu den Jugendprotesten in Europa und der Schließung der russischen Zeitung Nowaja Gaseta. Zuerst geht es aber um hohe Treibstoffpreise und Inflation.

Ein Tankstutzen an einer Tankstelle in der Tanköffnung eines Fahrzeugs
Die Treibstoffpreise sind stark gestiegen und treiben die Inflation an (Archiv) (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Die irische Zeitung IRISH INDEPENDENT betont: "Inflation ist verheerend. Wir kennen diesen Fluch nur zu gut. Seit 2021 sind die Verbraucherpreise in Irland insgesamt um 24 Prozent geklettert. Die Hauptursachen für diese Inflation lagen zwar größtenteils außerhalb des Landes, doch es wurde versäumt, grundlegende Probleme anzugehen, deren Lösung hätte helfen können. Der Ausbau der Offshore-Windenergie verläuft quälend langsam. Irland weist nach wie vor die höchsten Strompreise in der EU auf – ohne dass es zu einer echten Reform des Systems gekommen wäre. Und sofern es nicht zu einer grundlegenden Kursänderung hin zu Verhandlungslösungen in den Konflikten in der Ukraine und im Iran kommt, könnten wir bereits im nächsten Jahr mit Treibstoffknappheit konfrontiert werden. Sollte dies eintreten, hat die Inflation noch gar nicht richtig begonnen", prognostiziert IRISH INDEPENDENT aus Dublin.
"Die Ölkrise ist noch bedrohlicher, als sie scheint", titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz: "Acht Monate nach Beginn des Iran-Kriegs ist immer noch von einem Angebotsschock an den Erdölmärkten die Rede. Der Kreislauf der Ölversorgung existiert noch. Aber es kostet enorme Summen, ihn aufrechtzuerhalten. Leider wollen viele Industrieländer nicht anerkennen, dass der Ölmarkt auf der Intensivstation liegt. Ihr Verbrauch von Ölprodukten wie Benzin und Diesel ist weiterhin erstaunlich hoch. Dies auch deshalb, weil die Freigabe von Reserven und Subventionen für Autofahrer den Preisanstieg tiefer halten, als er sein müsste, um die Nachfrage erheblich zu drosseln. Das ist gefährlich: Die Lager vermitteln eine falsche Sicherheit, während die Pegel sinken. Das Heilmittel kann in diesem Fall nur Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten sein", glaubt die NZZ aus Zürich.
Die österreichische Zeitung DER STANDARD beobachtet: "Die dank der vom Irankrieg in die Höhe getriebenen Energiepreise lassen beim österreichischen Energiekonzern OMV die Gewinne sprudeln – wie bei anderen fossilen Riesen auch. Dazu kommen rekordhohe Margen bei Produktion und Verkauf von Benzin und Diesel. Europas Konzerne bescherte all das zuletzt fette Erlöse. Nun fordern so manche eine 'echte Übergewinnsteuer'. Es mag für manche zynisch klingen: Ohne Preissignal würden wir alle vergessen, dass Öl knapp und teuer ist. Das sollten wir aber nicht aus den Augen verlieren", konstatiert DER STANDARD aus Wien.
Die französische Zeitung LIBÉRATION erklärt: "Angesichts der explodierenden Kraftstoffpreise ist die Nutzung des Autos zu einem Luxus geworden, den sich viele nicht mehr leisten können – oder nur noch sehr eingeschränkt. Die Kosten für die eigene Mobilität verschlingen fast ein Viertel des Budgets von Haushalten, die unter der Armutsgrenze leben. Und dabei sind die übrigen Lebenshaltungskosten noch gar nicht eingerechnet; manche Menschen müssen sogar Mahlzeiten ausfallen lassen, weil das Geld bis zum Monatsende einfach nicht reicht. Genau das könnte den Nährboden für einen weiteren Akt der sozialen Proteste bilden", mahnt LIBÉRATION aus Paris.
Die Proteste in Frankreich und anderen europäischen Staaten - wie heute in Deutschland - sind Thema in der Zeitung THE STRAITS TIMES aus Singapur: "Die Proteste bringen ein Gefühl generationeller Sinnlosigkeit zum Ausdruck. Die Beteiligten haben den Eindruck, dass der Aufbau dauerhafter kollektiver Macht aussichtslos ist und direkte Aktionen daher mehr Erfolg versprechen. Diese Hoffnungslosigkeit wird durch einen Arbeitsmarkt verschärft, auf dem akademische Abschlüsse zunehmend an Bedeutung verlieren. Die Proteste haben Europa in Unruhe versetzt. Angesichts der ihnen zugrunde liegenden Umstände ist zu erwarten, dass sie sich wiederholen werden", meint THE STRAITS TIMES aus Singapur.
Auch die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN geht auf die Proteste ein: "Die Unruhen der letzten Zeit haben keine eindeutige Ursache und kein klares Ziel. Das Bild bleibt undeutlich. Nicht wenige aus dem gesamten politischen Spektrum verbreiten die große Erzählung vom Untergang Europas und ziehen Parallelen zu Weimar. Es besteht kein Anlass für Schönmalerei, aber es gibt auch Lichtblicke. Europa hält zusammen und zeigt eine gewisse Handlungsstärke. Europäische Wähler strömen nicht allesamt zu den Rändern. Liberale demokratische Parteien haben in den letzten Jahren wichtige Wahlen gewonnen, in Großbritannien, Ungarn oder in Serbien. Die europäische Ordnung ist etwas durcheeinander geraten - aber das muss Europa nicht gleich um Jahrhunderte zurückwerfen", betont AFTENPOSTEN aus Oslo.
Wir blicken auf den Besuch von Bundeskanzler Merz in Japan. Den kommentiert die chinesische Zeitung HUANQIU SHIBAO: "Der deutsche Bundeskanzler war sichtlich bemüht um Annäherung mit dem Gastgeberland und bezeichnete beide geografisch 9.000 Kilometer voneinander entfernten Länder gar als 'Nachbarn'. Was Merz wirklich meinte, sind die gemeinsamen Interessen und Wertvorstellungen in Berlin und Tokio. Im Hinterkopf hat er wohl eine politische Blockbildung. Dies kann man an den angestrebten Kooperationen in Sicherheits- und Handelsfragen erkennen. Die beiden einstigen Kriegsverlierer beabsichtigen nun offenkundig, in Rüstungsindustrie und Militärbereichen zusammenzuarbeiten", bemerkt HUANQIU SHIBAO aus Peking.
Hacker haben die Kryptobörse Binance angegriffen und Milliarden Dollar gestohlen. Verdächtigt wird eine Hackerorganisation aus Nordkorea. Vermutlich haben die Täter Künstliche Intelligenz für die Angriffe verwendet. Die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN schlägt Alarm: "Als größte Bedrohung für die Kryptowährung galt eigentlich der Quantencomputer. Und es wurde vermutet, dass erst in ein paar Jahren etwas passieren könnte. Aber man ist jetzt schon mitten in der Krise, denn die Bedrohung durch die Hackerangriffe per KI ist bereits da. Die gesamte Branche weltweit muss so schnell wie möglich entschlossene Maßnahmen ergreifen. Dabei geht es nicht nur um die Branche der Kryptowährung: Die Alarmglocken schrillen auch für alle Finanzdienstleister mit Online-Geschäften", warnt NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
In Russland muss die unabhängige Zeitung "Nowaja Gaseta" schließen. Nach Angaben des Chefredakteurs haben die russischen Behörden und Geheimdienste die Redaktion dazu gezwungen. Die dänische Zeitung POLITIKEN schreibt dazu: „Wir wollen der Journalisten von der Nowaja Gaseta gedenken. Igor Domnikow wurde der Kopf mit einem Hammer zerschmettert. Juri Schtschekotschichin starb an einer seltsamen Erkrankung. Anna Politkowskaja wurde im Fahrstuhl vor ihrer Wohnung erschossen. Nach Machtantritt des russischen Präsidenten Putin starben insgesamt sechs Mitarbeiter dieser Zeitung. Warum? Weil sein Regime Angst vor dem hatte, was diese Redaktion tat: Sie trennte Fakten von Lügen. In Putins Russland ist Journalist kein Beruf mehr, sondern ein Überlebenskampf. 'Hört auf, euch einzureden, man sei nicht in den 1930ern unter Stalin', warnte die Zeitung zuletzt. Nein, wir dürfen uns nichts vormachen", verlangt POLITIKEN aus Kopenhagen.
Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA stellt bedauernd fest: "Mit der Nowaja Gaseta stirbt einer der letzten wenigen Vertreter der Pressefreiheit, die es in Russland noch gibt. Dabei liegt Russland laut 'Reporter ohne Grenzen' nur noch auf Platz 172 einer Liste von 180 Ländern und weltweit haben es Journalisten immer schwerer, ihrer Aufgabe nachzukommen. Argentinien unter Javier Milei ist ein klarer Fall für einen solchen Rückschritt, ganz zu schweigen von US-Präsident Trump, der keine Gelegenheit versäumt, ihm nicht genehme Journalisten zu beleidigen oder herabzuwürdigen. Aber es ist wohl noch immer besser, gehasst und beleidigt statt erschossen zu werden wie in Russland", unterstreicht LA VANGUARDIA aus Barcelona. Und damit endet die internationale Presseschau.