
In Berlin haben sich Linke, Grüne und SPD bei ihren Gesprächen auf die Vergesellschaftung großer privater Immobilienkonzerne verständigt. Dazu bemerkt die WELT AM SONNTAG: "Für die Linkspartei hat sich das Enteignungsthema im Wahlkampf ausgezahlt. Und SPD und Grüne sind offenbar bereit, als Juniorpartner das umstrittene Vorhaben mitzutragen, privaten Immobilienkonzernen in der Hauptstadt nur noch jeweils 10.000 Wohnungen zu belassen. Der restliche Bestand soll – bei einer Entschädigung weit unter Marktwert – an eine neue landeseigene Wohnungsbaugesellschaft übertragen werden. Ein beispielloser Vorgang nicht nur in der bundesdeutschen Geschichte, sondern in der westlichen Welt. Der private Neubau dürfte in der Stadt zum Erliegen kommen, die Wohnungsnot noch zunehmen", befürchtet die WELT AM SONNTAG.
In Brasilien findet heute die Stichwahl um das Präsidentenamt zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und seinem Herausforderer Flávio Bolsonaro statt. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG analysiert den Wahlkampf: "Beide Lager haben ihre eigenen Wahrheiten. Was die einen als Beleg für Korruption und Machtmissbrauch betrachten, halten die anderen für politische Verfolgung. Was beim Gegner zu Empörung führt, wird beim eigenen Kandidaten entschuldigt. Nicht Tatsachen entscheiden über Wahrheit und Lüge, sondern die Zugehörigkeit. Aus politischen Lagern sind Stammesgemeinschaften geworden, deren Zusammenhalt aus der Abgrenzung gegen den Gegner erwächst. Diese Tribalisierung macht aus Konkurrenten Feinde, die um jeden Preis besiegt werden müssen. Die Niederlage des Gegners wird zum Kern des politischen Programms. Wer zweifelt oder Selbstkritik übt, gilt als Verräter", stellt die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG fest.
Russland und die Ukraine haben eine lokale Waffenruhe für die Stadt Oleschky in der südukrainischen Region Cherson bestätigt. Die Einigung war zuvor von der US-Regierung angekündigt worden. Die japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN vermutet: "Kurz vor dem 3. November, dem Wahltag der Midterms, will Präsident Trump den Wählern im Inland dies wohl als seine außenpolitische Leistung verkaufen. Gleichzeitig bekräftigte Moskau, für die Vereinbarung hätten die Bemühungen der Vermittlerin, First Lady Melania Trump, eine große Rolle gespielt. Damit konnte das Putin-Regime Washington einen Gefallen tun. Diese Feuerpause könnte zwar eine Verschlechterung der humanitären Krise für die dortigen Bürger verhindern. Allerdings gilt sie nur lokal für Oleschky. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich geographisch ausweitet oder gar zum Kriegsende führen kann, ist nicht groß", so die Einschätzung von ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
"Die russischen Kriegsanstrengungen an der Front stocken oder werden zurückgedrängt", schreibt die britische Zeitung THE INDEPENDENT: "Amerika hat kaum noch Einfluss, nachdem Trump seine Unterstützung für die Ukraine gekürzt hat – abgesehen von 'Starshield' und einigen High-End-Raketen. Es ist an der Zeit, dass andere Mitglieder der NATO noch stärker in die Bresche springen und Trumps perfiden Verrat am ukrainischen Volk ausgleichen. Je unberechenbarer Trump wird, desto mehr müssen die Verbündeten der Ukraine, einschließlich Großbritanniens, noch mehr Verantwortung für die Verteidigung übernehmen", verlangt THE INDEPENDENT aus London.
Eine Bilanz der Präsidentschaft Donald Trumps zieht die dänische Zeitung BERLINGSKE: "Vor knapp zwei Jahren wurde Trump erneut für sein Versprechen gewählt, die USA zu priorisieren, die wirtschaftliche Lage zu verbessern und nach Bidens katastrophaler Migrationspolitik aufzuräumen. Seitdem hat Trump zwar einige Löcher im Grenzzaun gestopft, aber darüber hinaus gibt es selbst aus US-Perspektive wenig Positives zu vermelden. Die Korruption hat deutlich zugenommen, dem einfachen Bürger geht es nicht besser, und die USA stecken in einem weiteren langwierigen Krieg fest. Das versprochene goldene Zeitalter ist nicht gekommen, und es wird für Trump immer schwieriger, sich dieser Realität zu entziehen", findet BERLINGSKE aus Kopenhagen.
Nach dem Tod von zwei Soldaten bei einem Angriff bewaffneter Palästinenser hat die israelische Armee eine Militäraktion im besetzten Westjordanland gestartet. Die panarabische Zeitung AL QUDS AL-ARABY erläutert: "Israels Reaktion auf den tödlichen Angriff in Hebron mag kurzfristig der Abschreckung dienen. An den politischen Ursachen des Konflikts, die immer wieder neue Gewalt hervorbringen, ändert sie jedoch nichts. Darin liegt der grundlegende Widerspruch von Netanjahus Sicherheitsdoktrin: Sie setzt auf militärische Überlegenheit, ohne eine politische Perspektive für die Überwindung des Konflikts zu eröffnen. Dieser Widerspruch reicht weit über das Verhältnis zu den Palästinensern hinaus. Netanjahus Sicherheitsdoktrin beruht auf der Annahme, Israel könne nicht nur die Palästinenser dauerhaft durch militärische Macht kontrollieren, sondern auch der gesamten Region die von ihm gewünschte Ordnung aufzwingen. Doch eine Ordnung, die sich allein auf militärische Überlegenheit stützt, muss ständig aufs Neue erzwungen werden", gibt AL QUDS AL-ARABY zu bedenken, die in London erscheint.
Der Berliner TAGESSPIEGEL setzt sich mit der Sicherheitslücke in der Programmiersprache PHP auseinander: "Sie bestand jahrelang, war aber von niemandem bemerkt worden. Gefunden hat sie schließlich eine KI. Betreiber weltweit nahmen teilweise ihre Seiten kurzzeitig vom Netz, in Berlin etwa Krankenhäuser wie die Charité, staatliche Stellen und Hochschulen wie die Freie Universität. Denn auf PHP basieren große Teile des Internets, Schätzungen zufolge zwei Drittel aller Websites. Mittlerweile haben viele Sicherheitsupdates eingespielt, die Websites sind wieder online. Ob es glimpflich ausgehen wird oder ob Kriminelle die Lücke ausnutzen konnten oder können, ist derzeit noch nicht absehbar. Diese Woche hat gezeigt, was im Ernstfall bleibt: abschalten. Für einzelne Websites mag das eine Notoption sein. Doch was, wenn noch weitreichendere Sicherheitslücken auftreten?", fragt der TAGESSPIEGEL.
Der Jahresbericht des UNO-Umweltprogramms UNEP geht von einer deutlich stärkeren Erderwärmung aus als im Pariser Klimaabkommen angestrebt. Die LÜBECKER NACHRICHTEN warnen: "Wir müssen uns einer bitteren Realität stellen: Das 1,5-Grad-Ziel ist Geschichte. Die Welt versagt beim Klimaschutz. Wer die Daten der Klimaforschung kennt, wusste das schon länger. Der aktuelle Emissions Gap Report des UNO-Umweltprogramms UNEP unterstreicht es noch einmal: Die Erde steuert auf eine Erwärmung von 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu, also deutlich mehr als die angestrebten 1,5 Grad. Auch wenn alle Länder ihre angekündigten Klimaschutzmaßnahmen umsetzen würden, wären es noch 2,6 Grad. Was das bedeutet, ist klar. Uns steht eine Zukunft mit mehr Wetterextremen bevor. Hitzewellen werden länger, heißer und tödlicher. Dürren werden ganze Landstriche austrocknen, Wasser zur Mangelware machen und Ernten vernichten. Was auf dem Spiel steht, ist unsere eigene Zivilisation, unser Wohlstand und die Bewohnbarkeit ganzer Regionen", betonen die LÜBECKER NACHRICHTEN.
Zum Schluss nach Frankreich. Die anhaltenden Proteste vor der Präsidentschaftswahl nimmt die Zeitung LA TRIBUNE DIMANCHE zum Anlass für einen Appell gegen die Verrohung der politischen Auseinandersetzung: "Die Präsidentschaftsdebatte muss eine demokratische Auseinandersetzung mit den großen Fragen sein, die schon viel zu lange unbeantwortet geblieben sind: die Wahl eines Bildungssystems, die zu verfolgende Migrationspolitik, das zu definierende Wirtschafts- und Sozialmodell. Nicht auf der Straße, indem man die Wut schürt und vereinfachende Parolen skandiert, fördert man die Debatte der Ideen am sinnvollsten. Doch es sieht ganz so aus, als wolle die Wut die Macht übernehmen", kommentiert LA TRIBUNE aus Paris. Und damit endet die Presseschau.
