01. November 2026
Die Presseschau

Die uns vorliegenden Zeitungen kommentieren eine Vielzahl von Themen: Die bevorstehende Zwischenwahl in den USA, die geplanten Koalitionsgespräche nach der Landtagswahl in Berlin und die Jugendproteste in Europa.

Demonstranten von "Gen Z regelt"  gehen bei einer Kundgebung in Köln  hinter einem Transparent mit dem Aufdruck "Bild statt Bomben!".
Demonstration von "Gen Z regelt" -in Köln ( dpa / Thomas Banneyer)
Dazu heißt es in einem Gastkommentar der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG: "Nicht nur in Frankreich und Italien gehen junge Menschen auf die Straße. Sie tun es inzwischen auch in Deutschland. Viele von ihnen haben das Gefühl, dass ihre Interessen von der Politik nicht ernst genug genommen werden. Aus Enttäuschung wird Unruhe, aus Unruhe wächst Wut. Sie wenden sich nicht grundsätzlich von der Politik ab. Sie suchen nach politischen Angeboten, die ihre Sorgen aufgreifen und Veränderungen versprechen. Für die traditionellen Parteien ist diese Entwicklung ein dramatisches Warnsignal. Denn von der politischen Unruhe der jungen Generation profitieren andere Kräfte. CDU, CSU und SPD haben ein Problem, das sie offenbar immer noch unterschätzen: Ihnen läuft die politische Zukunft davon. Jahrzehntelang haben sie die Bundesrepublik geprägt. Doch ausgerechnet bei den Menschen, die dieses Land in den kommenden Jahrzehnten tragen werden, verlieren sie an Anziehungskraft. Kurzfristig ist es rational, sich an den Interessen der älteren Wählermehrheit zu orientieren. Langfristig aber drohen sie dadurch die Bindung an die nachwachsenden Generationen zu verlieren. Die Folgen sind sichtbar. Die Sicherung bestehender Rentenansprüche lässt sich politisch leichter durchsetzen als Reformen, die künftigen Generationen zugutekommen. Investionen in Bildung, Infrastruktur oder Klimaschutz konkurrieren mit Ausgaben, deren Nutzen für die heutigen Wählerinnen und Wähler unmittelbar erkennbar ist", ist in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG zu lesen.
Auch die norwegische Zeitung DAGSAVISEN hält die Proteste für nachvollziehbar: "Die Wut vieler junger Menschen in Europa kommt nicht überraschend, sondern wird heute - mit einer gewissen Verzögerung - auf die Straße getragen. Was aber ist es, das die Wut auslöst? Dahinter steht der Eindruck von Ungerechtigkeit angesichts dem Hochmut, dass andere ihren Reichtum nicht teilen wollen. In Frankreich protestieren die Schüler gegen marode Schulen mit kaputten Toiletten, undichten Dächern und Ratten auf den Fluren sowie gegen Lehrermangel und unerträglich heiße Klassenräumen im Sommer. Viele warnen schon länger, dass Einschnitte zu sozialen Unruhen und Protesten führen würden, wie sie sich jetzt in Europa ereignen. Die Menschen haben erkannt, wer den Preis zu zahlen hat - und die Folge ist eine moderne Widerstandsbewegung, die gegen deutlich mehr kämpft als Klassenzimmer ohne Ratten", unterstreicht DAGSAVISEN aus Oslo.
In der Schweizer Zeitung NZZ am Sonntag heißt es: "Plötzlich soll es fünf vor Bürgerkrieg sein. Und tatsächlich könnten die jüngsten Krawalle als Kulisse für diese Erzählung aus dem Lager der Rechtsaußen nicht besser passen. Im Kielwasser der Gen-Z-Sozialisten, die in europäischen Grossstädten meist friedlich für mehr Staat demonstrieren, randaliert ein Mob aus Migranten, Minderjährigen und Minderbemittelten. Prompt gewinnen die Rechtspopulisten in den Umfragen. Das Narrativ vom Bürgerkrieg ist ein Wahlkampfhelfer und freut Moskau gleich mit. Radikal aufräumen, bevor es zu spät ist, lautet die Losung. Das Gerede vom Bürgerkrieg ist natürlich Blödsinn. Für eine völlige Entwarnung reicht es aber nicht. Der Polizei und ihren Fähigkeiten gegenüber droht ein Vertrauensverlust. Neben taktischen Fehlern bei den derzeitigen Ausschreitungen versuchen linke Parteien in fast allen Großstädten, die Korps der Ordnungskräfte zu schwächen – Zürich inklusive. In Berlin schicken sich die Linken gerade an, die Macht zu übernehmen. Während die Spitzenkandidatin ausgerechnet wegen Hamas-Sympathisanten um das Leben ihrer Familie fürchtet, will ihre israelkritische Partei das Sicherheitsproblem mit weniger Polizisten und mehr Sozialarbeitern lösen", mokiert sich die NZZ am Sonntag aus Zürich.
Die österreichische Zeitung DER STANDARD fragt: "Hat jemals in Deutschland eine Landesregierung schon vor ihrem Start für so viel Unmut gesorgt wie jenes rot-grün-rote Bündnis, das sich gerade in Berlin zu formen versucht? Auch nach längerem Nachdenken kann man diese Frage getrost mit Nein beantworten. Sechs Wochen nach der Wahl ist man noch nicht einmal in Koalitionsverhandlungen eingetreten. Stattdessen muss sich die Linke mit ihrer Spitzenfrau Elif Eralp wiederholt in folgenden Disziplinen üben: Feuer austreten und Brände löschen. Seit Wochen ringt sie unter Mühen um den richtigen Umgang mit Antisemitismus und zu viel Nähe zu Clan-Größen. Jetzt kam der nächste Schlag: Der Spiegel deckte auf, dass Eralp Angst vor Terrorsympathisanten hat. Diese Furcht kann man nachvollziehen. Verstörend und beunruhigend aber ist der Gedanke, dass Eralp als Bürgermeisterin Angst zur Ratgeberin ihres Handelns machen könnte. Sie sagt jetzt, sie werde sich niemals einschüchtern lassen. Schöne Worte, wieder einmal. Dennoch finden viele, Eralp sollte sich zurückziehen. Man kann sie gut verstehen. Linke, Grüne und SPD aber wollen jetzt offensichtlich Nägel mit Köpfen machen und den Koalitionsvertrag für Berlin vorbereiten. Vielleicht schweißt der Tiefpunkt, an dem es jetzt steht, das Dreierbündnis ja auch zusammen. Eralps politischer Kredit ist jedenfalls fast aufgebraucht. Ein Fehler noch – und dann muss sie gehen", vermutet der Wiener STANDARD.
Die WELT AM SONNTAG findet: "Selbst Angst vor Extremisten, aber für ganz Berlin die Sicherheitsbehörden schwächen wollen – die Linke ist wirklich ein Gesamtkunstwerk. Ganz zu schweigen von den Wunschvorstellungen zur Ausweitung des Wahlrechts unabhängig von der Staatsbürgerschaft. Die Wähler, die sie riefen. Immerhin ist hier die Rede von der vielleicht baldigen Regierenden Bürgermeisterin Berlins. Wenn sich Eralp durch Leute im Umfeld der eigenen politischen Szene bedroht oder eingeschüchtert fühlt, ist das keine Privatsache, sondern von öffentlichem Interesse. Trotzdem will Eralp weiterhin die nächste Regierende Bürgermeisterin der Hauptstadt werden. Berlin fürchtet sich wohl noch nicht genug.", unterstreicht die WELT AM SONNTAG.
Nun nach Großbritannien. Dort haben sich in einer Umfrage 58 Prozent der Briten für einen Wiedereintritt in die EU ausgesprochen. Die Hälfte der Befragten plädiert für ein neues Referendum nach den Parlamentswahlen 2029. Dazu schreibt der britische INDEPENDENT: "Wenn beispielsweise eine Zollunion eine Option wäre, sollte diese Möglichkeit näher in Betracht gezogen werden. Es gibt immer noch viele Labour-Abgeordnete, die es bedauern, das Abkommen der damaligen Premierminister May abgelehnt zu haben, das im Grunde auf der Idee einer Zollunion beruhte. Das könnte nach der nächsten Wahl immer noch eine Option sein. Der ehemalige Premierminister Blair und Gegner des Brexits weist zu Recht darauf hin, dass Großbritannien versuchen könnte, wieder einer EU beizutreten, die sich seit dem Austritt Großbritannien verändert hat. London sollte dies aus einer Position der Stärke heraus versuchen", meint der Londoner INDEPENDENT.
Hören Sie nun noch einen Gastkommentar der japanischen Zeitung ASAHI SHIMBUN zu den Zwischenwahlen in den USA. Der Vatikan gab unlängst bekannt, dass Papst Leo XIV. als US-Bürger seine Stimme für die Midterms per Briefwahl abgegeben hat. "Die politische Unabhängigkeit eines Geistlichen bedeutet nicht, dass er an der Gesellschaft keine Interesse hätte. Es ist von großer Bedeutung, dass Leo XIV. ohne Angaben, welche Partei er gewählt hat, seine Haltung zeigt, an demokratischen Verfahren teilzunehmen. Seine kritischen Äußerungen gegenüber Washingtons Einwanderungspolitik oder der Unterdrückung der Medien sollten nicht als Unterstützung für eine gewisse Partei verstanden werden. Auf die Frage, wie man die Positionen eines Obersten Katholiken und eines US-Bürgers vereinbart: Der Papst hat mit dieser Briefwahl eine konkrete Antwort gegeben", betont ASAHI SHIMBUN aus Tokio.