02. November 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Kommentiert wird der Konflikt um das polnische Verfassungsgericht. Zunächst geht es aber um die Jugendproteste vom Wochenende in mehr als 30 deutschen Städten, zu denen die Initiative Gen Z aufgerufen hatte.

Demonstranten von "Gen Z regelt"  gehen bei einer Kundgebung in Köln  hinter einem Transparent mit dem Aufdruck "Bild statt Bomben!".
Demonstration von "Gen Z regelt" in Köln ( dpa / Thomas Banneyer)
Dazu schreibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: "Oft hieß es, wenn es zu Krawallen komme, seien 'die Medien' schuld. Die Anliegen der Jugend würden ignoriert, die Krawalle hingegen würden herbeigeschrieben. Da die Berichterstattung insbesondere über die wirtschafts- und bildungspolitischen Anliegen tatsächlich ausgewogen war, meldete sich schnell auch die andere Seite zu Wort: Alles viel zu lasch, man habe viel zu viel Verständnis für die künstlich depressiven jungen Jammerlappen. Dabei hatte sich weder die eine noch die andere Seite der Berufsunzufriedenen die Mühe gemacht, zu lesen, was seit Tagen in großer Breite geschrieben stand - über Bildung, Rente, Klima, Wohnen. Tatsache ist aber auch: Die Demonstrationen wurden gekapert. Gewiss von extremen Linken, aber auch von Menschen aus dem migrantischen Milieu. Hier sind nicht zu teure Wohnungen das Problem oder kaputte Schulen, sondern, dass überhaupt keine Bildung oder Erziehung mehr ankommt", gibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG zu bedenken.
Der KÖLNER STADT-ANZEIGER führt aus: "Wer mit blinder Wut sogar Feuerwehrleute und Rettungskräfte angreift, zeigt unmissverständlich, dass es ihm ausschließlich um Gewalt und Chaos geht. Gesprochen, geschrieben und gesendet wird über Krawalle und Konfrontationen, über Wasserwerfer und Pfefferspray, Einkesselungen, Strafanzeigen und Verletzte. Um Bildung - geht es nicht mehr. Dabei ist die intensive Debatte über die Zukunft des deutschen Bildungssystems tatsächlich überfällig. Die Demos haben diese Debatte nicht befördert - im Gegenteil", ist sich der KÖLNER STADT-ANZEIGER sicher.
"Der Protest der jungen Menschen ist verständlich und berechtigt", ist im WESER-KURIER aus Bremen zu lesen: "Denn neben den zahlreichen notwendigen Investitionen in die Infrastruktur, in den Klimaschutz und in die Verteidigungsfähigkeit dieses Landes ist der Bildungssektor zuletzt viel zu kurz gekommen. Deshalb muss mehr Geld in die Schulen gesteckt werden. Doch woher soll es kommen? Vielleicht denken die Konservativen noch mal über eine Wiedereinführung der Vermögensteuer und die Progressiven über ein Ende des abschlagsfreien Renteneintritts nach 45 Beitragsjahren nach."
Der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER ist folgender Meinung: "Polizisten mit Böllern und Flaschen anzugreifen, fremdes Eigentum zu beschädigen, gezielte Eskalation: Das lässt sich nicht mit Wut auf das Bildungssystem oder fehlenden Zukunftsperspektiven erklären. Das ist kein politischer Protest. Das ist schlichte Zerstörungswut. Eine Demonstration für eine bessere Zukunft junger Menschen darf nicht zum Sammelbecken für unterschiedlichste politische Konflikte und extremistische Strömungen werden, die mit dem ursprünglichen Anliegen nichts zu tun haben. Krawallmacher und Straftäter dürfen niemals in die Position kommen, demokratischen Protest zu delegitimieren", unterstreicht der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER.
"Irgendwann beschloss der schwarze Block, dass seine Lust auf Randale wichtiger ist als die Sorgen einer ganzen Generation", notiert die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG und erläutert: "Die Veranstalter von 'Gen Z regelt' hatten sich Mühe gegeben. Sie ließen junge Menschen zu Wort kommen, warnten immer wieder vor Vermummungen und Pyrotechnik, distanzierten sich vom schwarzen Block. Das interessierte den offenbar herzlich wenig. In Frankfurt wurden Geschäfte geplündert, in Hamburg brannten Barrikaden. In Köln riefen Demonstranten: 'Gib dem Bullen, was er braucht – neun Millimeter in den Bauch.' Eine Aufforderung, Polizisten zu erschießen. Wie armselig. Solidarität wird in der linken Szene gerne großgeschrieben. Zusammenhalt beschworen. Alle für einen, einer für alle. Schön wär’s. Von Solidarität war am Wochenende wenig zu sehen. Gegeneinander statt füreinander. Die einen wollten demonstrieren. Die anderen wollten die Konfrontation. Und am Ende bestimmten Letztere, worüber gesprochen wird", bemerkt die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG.
Die RHEINPFALZ analysiert: "In vielen europäischen Ländern protestieren junge Menschen gerade. Offiziell für bessere Bildung, aber irgendwie auch ganz generell für eine generationengerechtere Politik. Komisch, dass das so lange gedauert hat. Was sind denn die Erfahrungen, die die Jungen in den vergangenen Jahren in Deutschland machten? In der Pandemie hat man als Erstes die Schulen verriegelt. Die jedes Mal katastrophal ausfallenden Pisa-Studien werden einfach hingenommen, während jede Rentendebatte geführt wird, als ginge es ums Überleben der Nation. Das Gute: Die Jugend von heute ist so politisch wie lange nicht. Sie will sich einbringen. Die Linke und die AfD haben diese Chance bereits genutzt. Es ist dringend an der Zeit, dass die Mitte nachzieht", fordert die RHEINPFALZ aus Ludwigshafen.
Die TAZ merkt an: "Es ist ein Erfolg, dass 120.000 Menschen solidarisch und friedlich protestiert haben, obwohl nach Kräften versucht wurde, das zu verhindern. Oder vielmehr: Obwohl von rechts maximal versucht wurde, das Krawallnarrativ für die eigene Agenda zu instrumentalisieren. Es ist übrigens auch positiv, dass es Krawallmachern, ob nun von antikapitalistischer Dringlichkeit erfüllt oder nur an neuen Sportschuhen interessiert, höchstens punktuell gelang, die Demos zu 'kapern'. Nun wird die Frage sein, worüber die Politik eigentlich nach diesem Wochenende zu reden hat. Die SPD hat inzwischen einen Bildungsgipfel gefordert. Gute Idee und höchste Zeit, sich endlich inhaltlich mit den sehr legitimen Forderungen der Gen Z zu beschäftigen", stellt die TAZ fest.
"Junge Menschen sind einem Ausmaß an Krisen ausgesetzt, das Angst machen kann", heißt es in der BADISCHEN ZEITUNG aus Freiburg: "Diese Angst kann in Wut umschlagen, wenn man einen Staat erlebt, der für die Belange dieser Generation zu wenig liefert. Teure Mieten, überlastete Schulen, gigantische Staatsschulden und eine mögliche Wehrpflicht drohen vor allem die junge Generation zu treffen. Darauf darf und sollte diese ruhig mit Protest hinweisen. Eine Demo verliert nicht jede Legitimation, weil dort Vermummte Straftaten begehen."
Nun nach Polen. Dort ist es zu einem Machtkampf um die Besetzung des polnischen Verfassungsgerichts gekommen. Dazu merkt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG an: "Für viele Polinnen und Polen ist der eskalierte Streit ums Verfassungsgericht nicht nur beunruhigend, sondern auch peinlich. Ein angesehener Rechtswissenschaftler schrieb am Wochenende, das Land zeige sich als 'Bananenrepublik'. Die Batory-Stiftung für Demokratie und Zivilgesellschaft hat einen schönen Plan entworfen, wie das polnische Verfassungsgericht zu retten sei. Man müsse das jetzige auflösen und ein neues Gremium schaffen unter Beteiligung beider Parlamentskammern und des Präsidenten. Der Plan klingt überaus einleuchtend und sehr vernünftig. Und das ist sein Fehler. Mit Vernunft ist der politische Gegner nicht zu erreichen. Das ist vor allem die rechtsnationale PiS-Partei, der sich teils rechtsextreme und rechtsradikale Parteien zur Seite stellen. Diese Leute haben kein Interesse daran, zu verhandeln, sie wollen ihre Macht nicht teilen – deshalb hat PiS zu ihren Regierungszeiten ja die Gewaltenteilung fast abgeschafft. Einmal mehr zeigt sich die verfahrene Situation in Polen als Warnung an alle Europäer, ihre demokratischen Institutionen zu stärken", mahnt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.
"Verfassungskrise in Polen", titelt das Magazin CICERO und wirft ein: "Faktisch hat die PiS die Kontrolle über das Verfassungsgericht verloren, Staatspräsident Nawrocki hat keine Instrumente, diesen Prozess rückgängig zu machen. Ganz offensichtlich hatte er sich vorgenommen, eine Mehrheit des proeuropäischen Lagers in diesem höchsten Rechtsorgan bis zu den Parlamentswahlen in genau einem Jahr zu verhindern."