
Lang galt: Die Industrie ist Deutschlands Wohlstandsmotor. Doch die Branche steckt in der Krise, praktisch täglich werden Stellen gestrichen. Allein 2025 gingen laut Experten 170.000 Industriejobs verloren. Jeden Monat verschwinden weitere 15.000, warnt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Inzwischen stellt die Industrie nur noch 17 Prozent aller Arbeitsplätze im Land. Zum Vergleich: 1991 waren es 38 Prozent.
Der deutsche Industriearbeiter droht zur aussterbenden Art zu werden. Wie kaum eine andere Figur verkörperte er den wirtschaftlichen Aufschwung in Ost- und Westdeutschland nach 1945.
Wirtschaftswunder und Wohlstand: Das Gesicht der Industriearbeiter
In den 1950er-Jahren machten Wochenschauen und Zeitungen den Industriearbeiter im Westen zum Gesicht des Wirtschaftswunders. Berichte über den Wiederaufbau wurden in diesen Jahren oft mit Bildern von hart arbeitenden Männern an Hochöfen und in Gruben illustriert.
Die Lage der Arbeiter verbesserte sich in dieser Zeit erheblich. Vor allem die Löhne von Facharbeitern in Bergbau und Metallindustrie stiegen stark an. Bis 1970 nahm der Lebensstandard der Arbeiterschicht weiter kräftig zu: Immer mehr Familien konnten sich Urlaubsreisen und elektrische Haushaltsgeräte leisten.
Selbstbewusstsein der Malocher: Arbeiter waren stolz auf ihren Beruf
Entsprechend trat die Industriearbeiterschaft zunehmend selbstbewusst auf. Auch eine ausgeprägte Identifikation mit dem Berufsstand war noch weit verbreitet. Ende der 1950er-Jahre hatten sich Arbeiter zwar selbst noch zur Unterschicht gerechnet, erklärt der Arbeitssoziologe Klaus Dörre. Doch sei man stolz darauf gewesen, Arbeiter zu sein. „Das ist in der Gegenwart so nicht mehr zu finden“, sagt Dörre.
DDR-Geschichte: Held der sozialistischen Gesellschaft
Auch in Ostdeutschland wurde der Industriearbeiter zu einer Symbolfigur gemacht: Zahlreiche Spielfilme und Dokumentationen aus der DDR zeigten ihn als fleißigen, dem Staat loyal verbundenen Helden der sozialistischen Gesellschaft.
Doch die Verbundenheit mit dem Staat war wohl vor allem Propaganda. Als die DDR-Regierung am 28. Mai 1953 eine Erhöhung des Arbeitspensums um zehn Prozent bei gleichem Lohn beschloss, kam es zu Protesten. Am 17. Juni demonstrierten landesweit etwa eine Million Menschen gegen die Erhöhung – und für freie Wahlen.
Für die SED-Führung war es ein Schock, dass sich Teile der Arbeiterklasse gegen sie gewandt hatten. Sowjetische Truppen schlugen den Volksaufstand mit Panzern blutig nieder. 55 Menschen kamen ums Leben.
Später waren es häufig junge Arbeiter, die Ausreiseanträge stellten, um in den Westen gehen zu können.
Deindustrialisierung und Strukturwandel: Das Ansehen sinkt
Im März 1991, ein Jahr nach der ersten freien Wahl in der DDR, gingen die ostdeutschen Arbeiter noch einmal auf die Straße. Die Demonstrationen richteten sich gegen Massenarbeitslosigkeit, den Abbau von Industriearbeitsplätzen und die Politik der Treuhandanstalt.
Am 1. April 1991 wurde Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder ermordet, vermutlich von Mitgliedern der RAF. Doch danach habe sich die öffentliche Meinung gegen die Arbeiter und die Proteste gerichtet, sagt der Leipziger Transformationsforscher Dieter Rink.
In Westdeutschland war das Ansehen der Arbeiter schon ab den 1980er-Jahren gesunken. Klaus Dörre: „Es setzte ein Bewusstsein ein, was sich inzwischen verfestigt hat: Arbeiter wirst du nur, wenn du musst. Wer kann, studiert oder geht ins Büro.“
Parallel verschwand der Arbeiter zunehmend vom Radar der Forschung. Wissenschaftler wandten sich anderen Forschungsgegenständen zu: den neuen sozialen Bewegungen, der Ökologie, dem Feminismus, den Bürgerrechten.
Wahlerfolge im Osten: Die AfD wird zur neuen Arbeiterpartei
Inzwischen sind die Arbeiter wieder öfter Gegenstand des öffentlichen Interesses – durch die Wahlerfolge der AfD. Bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg 2024 gaben annähernd die Hälfte der Arbeiter der AfD ihre Stimme. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September 2026 waren es jeweils 53 Prozent.
Radiobeitrag: Ulrike Köppchen / Onlinetext: Tobias Kurfer
Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen, Friedrich-Ebert-Stiftung
Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen, Friedrich-Ebert-Stiftung















