Zeitblindheit und fehlende Impulskontrolle
Kurzvideo-Algorithmen als digitale Falle für Menschen mit ADHS

Menschen mit ADHS fällt es einer Studie zufolge schwerer, mit dem Scrollen auf Videoplattformen wie TikTok oder Instagram aufzuhören - und auch die Folgen sind für sie gravierender. Das ist das Ergebnis einer Studie der TU Graz.

    Eine junge Frau liegt in einem dunklen Zimmer in einem Bett. Das Licht ihres Handydisplays erhellt ihr Gesicht. Sie hält sich eine Hand vor das Gesicht.
    Viele Menschen scrollen lange auf Videoplattformen - Menschen mit ADHS noch mehr. (Imago | Zoonar (Symbolbild))
    Laut den Forschenden können Menschen mit ADHS wegen Symptomen wie etwa fehlendem Zeitgefühl und fehlender Impulskontrolle schwerer mit dem Videogucken aufhören. Die Algorithmen dieser Apps sind darauf ausgelegt, die Nutzenden möglichst lange auf den Plattformen zu halten - um möglichst hohe Werbeeinnahmen zu generieren. Um die Nutzungsdauer zu verlängern, wird zum Beispiel das nächste Kurzvideo automatisch abgespielt.
    In Versuchen konnten Menschen mit ADHS viel schlechter einschätzen, wie lange sie schon Kurzvideos schauten. Sie blieben zudem länger online als eine Kontrollgruppe und es fiel ihnen schwerer, das Handy wegzulegen. Gleichzeitig empfanden die ADHS-Betroffenen das Videoschauen stärker als Zeitverschwendung und hatten dadurch mehr Schuldgefühle.
    Die Forschenden fordern, dass die Plattformen für ADHS-Betroffene anders gestaltet werden, zum Bespiel mit einer festen Maximalzahl an Videos pro Sitzung.

    Unbehandeltes ADHS kann zu Depressionen und Angststörungen führen

    Bei ADHS ist die Regulation von Botenstoffen wie Dopamin im Gehirn verändert. Zu den Symptomen zählen eine unregulierte Aufmerksamkeit, die zwischen leichter Ablenkbarkeit und Hyperfokus schwanken kann. Hinzu kommen eine körperliche oder auch gedankliche Hyperaktivität, Schwierigkeiten im Bereich der Impulsivität und etwa der Selbstorganisation.
    Gerade Kinder mit ADHS erleben viele negative Kommentare zu ihrem Verhalten sowie Ablehnung, was zu einem verminderten Selbstwert führen kann. Im Teenager- und Erwachsenenleben ist das Risiko für Erkrankungen wie Depressionen oder Süchte erhöht. Darunter leiden auch viele noch undiagnostizierte Erwachsene, denn früher war das Wissen und die Diagnostik sowie die Behandlung von ADHS mit Therapien und Medikation deutlich weniger präsent.
    Diese Nachricht wurde am 08.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.