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Musikrentner im Mittelpunkt

Die Künstler sind gestandene Musiker um die 50 oder 60 Jahre. Der Sound ist eine direkte Hommage an die Soul-Label Motown und Stax. Seit zehn Jahren geht Daptone Records seinen eigenen Weg - und zeigt, warum Musiker eventuell die besseren Manager sind.

Von Vivian Perkovic |
    Die zehnköpfige Haus-Band von Daptone Records, die Dap Kings, haben Amy Winehouse eigentlich erst zum Star gemacht. Denn in dem rohen, echten Soul-Sound der Amerikaner fand die Sängerin das musikalische Vehikel für ihr Album "Back to Black" - und für ihre tiefe, schwingende und doch verletzliche Stimme.

    Sie hätten das Album damals wie jedes andere auch aufgenommen, erinnerte sich Amy Winehouse nachdem "Back to Black" 2006 erschienen war - mit dem Unterschied, dass die Platte von den Fans und Kritikern gefeiert wurde.

    Neal Sugarman und Gabriel Roth hatten Daptone Records schon ein paar Jahre zuvor gegründet. Für den Tenor-Saxofonisten Sugarman, der auch der Mann für das Geschäftliche ist, war ein eigenes Label pure Notwendigkeit:

    "Es war fast eine Notwendigkeit: ein Label, das sich dieser bestimmten Art von Musik widmet. Andere Labels hätten uns Geld geben können, aber wir wollten unsere Platten zusammenhalten, eine Szene schaffen, ein Profil, eine Marke, der wir immer treu bleiben."

    Mit der Vision, Musik im Geist legendärer Soul-Labels wie Motown und Stax herauszubringen, konnten die Gründer von Daptone-Records auch andere Musiker überzeugen. Es war aber nicht ganz einfach dann auch die wirklich Passenden auszusuchen.

    "Wir suchen genau nicht den besten Instrumentalisten. Denn den guten Musikern musst Du erstmal einen Ziegelstein an den Kopf werfen, damit sie aufhören, nur an sich zu denken und mit der Band harmonieren. Solche Leute zu finden ist sehr schwer."

    Heute rotieren rund um Daptone Record außer den Dap Kings noch zwei andere Musiker-Kollektive, die die verschiedenen Künstler begleiten: die Menahan Street Band mit Funk-Musik und die Budos Band, die vor einigen Jahren den Afro-Beat für sich entdeckt haben. Das Label hat sich in einem Haus in Bushwick eingerichtet. Dem Teil von Brooklyn-New York, der in der Öffentlichkeit fast nur für Crack und Kriminalität bekannt ist. Hier pflegen auf zwei Stockwerken - unten Studio, oben Büro - drei Festangestellte und die beiden Gründer das musikalische US-Erbe.
    Außer den Sängern sind alle, die bei Daptone arbeiten, aus der US-amerikanischen Mittel- bis Oberschicht, und weiß. Der Schweiß von Funk, das Leiden von Soul, das Majestätische des Afro-Beat klebt nicht seit ihrer Kindheit an ihnen. Sie haben sich diese Musik aus Begeisterung einfach genommen, und ins 21. Jahrhundert gebracht.

    "Offensichtlich sind wir keine Retro-Fanatiker, tragen keine Afros oder Schlag-Hosen. Wir mögen nur die Art, wie sie damals Musik machten."

    Das bedeutet zum Beispiel, dass bei Daptone Records alle Alben analog aufgenommen werden, oft live und direkt auf den Ton-Träger - ohne, dass einzelne Instrument-Spuren noch mal am Computer bearbeitet werden. Daptone Records orientiert sich aber nicht nur beim Sound an seinen Vorbildern Motown und Stax, auch das einheitliche Design haben sie sich abgeguckt. Die Vinyl-Platten von Daptone Records erkennt man genauso sofort wieder: Das Etikett ist ein dunkelblauer Kreis, mit einer Welt-Kugel drauf. Immer die gleiche Farbe, immer die gleiche Schrift.
    Und das, was bei Motown die Funk Brothers waren, sind bei Daptone Records die Dap Kings: eine Haus-Band, die im Label-eigenen Studio immer zur Verfügung steht.

    "Wir haben Bücher über Stax und Motown und so gelesen, diese Labels drehten sich um ihr eigenes Studio. Das macht auch uns anders, wir sind flexibel and können tun, was wir wollen, wir haben die Musiker und die Produzenten."

    Und sie haben, genau wie ihre Vorbilder, markante und unglaublich stimmstarke Front-Sänger und -Sängerinnen. Die erste war Sharon Jones, die das Label mitbegründet hat und sich am Anfang auch nicht zu schade war im Büro selbst die Steck-Dosen anzuschrauben.

    "Die anderen Künstler wurden später unter Vertrag genommen. Und unser Ding war, immer mit den gleichen Leuten zu arbeiten. Ich konnte die Tür öffnen für andere alte Sänger, Neomi, die ist 60 und noch was Jahre alt. Oder Charles Bradley, er ist 62, und hat jetzt sein Debut-Album."

    Sharon Jones ist schon 54 Jahre alt. Die großen Plattenfirmen hatten ihr gesagt: zu alt, zu klein, zu dick. Daptone dagegen wollten mit dem Talent von glaubwürdigen, reifen Künstlern eine Nische besetzen. Mit Erfolg: Allein Sharon Stone hat für das Label in zehn Jahren fünf Platten aufgenommen und ist mit denen ständig auf Tour gegangen. Als Lohn dafür konnte sie sich dieses Jahr endlich ein Haus außerhalb New Yorks kaufen und hat dorthin auch ihre Mutter und ihre Schwester aus den Sozial-Wohnungen, den sogenannten Projects, geholt.
    Das Beispiel von Sharon Jones zeigt das Geschäftsmodel von Daptone: Alles Schritt für Schritt angehen, höchstens zwei Alben pro Jahr veröffentlichen. Alles soll ganz einfach sein - das war und ist der Business Plan von Neal Sugarman.

    "Warum wir immer noch im Geschäft sind: Wir sind Musiker und keine Entrepreneure. Unser Business-Modell war nur ein paar Platten zu machen, keine Schulden, sondern eine Single pressen, verkaufen, eine andere machen, Geld sparen. Das hat lange gedauert."

    Das Modell funktioniert mittlerweile seit zehn Jahren. Das Jubiläum feiert Daptone Records nicht nur mit einem neuen Album von Sharon Jones. Gleichzeitig wird auch der andere Label-Rentner Charles Bradley auf Europa-Tour geschickt.
    Und die Zukunft, glaubt Neal Sugarman, die gehört auch weiterhin unabhängigen Labels wie Daptone Records:

    "Indie-Platten-Firmen beherrschen die Musik-Industrie, weil sie so viele sind. Die Leute realisieren das gar nicht. Und wir können noch größer werden durch mehr Unabhängigkeit. Mehr Kontrolle über den Vertrieb und mehr direkten Kontakt zu den Fans. So können wir unser Schicksal kontrollieren und die Platten machen, die wir wollen - ohne Kompromisse."