
Seit vier Jahren übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen den Bluttest auf Trisomie 13, 18 und Trisomie 21 - das Downsyndrom. Laut Zahlen der Barmer Krankenkasse aus dem Jahr 2024 lässt mittlerweile etwa jede zweite Schwangere ihr Kind auf genetische Auffälligkeiten testen.
Kritiker sagen, dass der Test zu einer Routine-Untersuchung geworden ist und dazu führt, dass immer weniger Menschen mit Downsyndrom geboren werden. Sie sehen die Finanzierung der Tests durch die Krankenkassen deswegen kritisch.
Verlässliche Daten und Zahlen gibt es allerdings nur wenige. Mehr als 100 Bundestagsabgeordnete quer durch alle Parteien fordern daher in einem interfraktionellen Antrag ein besseres Monitoring des Tests und seiner Folgen.
Welche Vorteile nicht-invasive Tests bieten
NIPT steht für nicht-invasive Pränataltests. Hierbei wird nur Blut abgenommen. Es ist also kein medizinischer Eingriff in der Gebärmutter nötig - wie bei einer Fruchtwasseruntersuchung. Der entscheidende Vorteil dieser nicht-invasiven Tests: Sie können schon früh in der Schwangerschaft durchgeführt werden. Deswegen ersparten sie werdenden Eltern die lange Unsicherheit und möglicherweise eine Abtreibung zu einem relativ späten Zeitpunkt, sagt Reiner Anselm, Medizinethiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Denn wird eine Trisomie festgestellt, ist eine Abtreibung auch über die gesetzliche Frist des dritten Schwangerschaftsmonats hinaus möglich.
Das Testverfahren birgt auch weniger medizinische Risiken als invasive diagnostische Testverfahren wie etwa eine Fruchtwasserpunktion.
Die Tests haben darüber hinaus einen wichtigen medizinischen Nutzen für die Frau, denn Kindern mit Trisomien kommen häufiger frühzeitig zur Welt, sagt die Medizinethikerin Claudia Wiesemann von der Universitätsmedizin Göttingen. Manche möchten auch darauf vorbereitet sein, nach der Geburt ein erkranktes Kind versorgen zu müssen. Denn längst nicht alle Frauen entscheiden sich für einen Abbruch, so Wiesemann.
Medizinische Risiken und Probleme von Bluttests auf Trisomien
Ursprünglich waren die Bluttests für Frauen vorgesehen, die ein erhöhtes Risiko haben, ein Kind mit Trisomien zu bekommen, insbesondere Frauen ab 35. Allerdings werden die Tests auch von jüngeren Frauen in Anspruch genommen – etwa von jeder vierten Frau unter 26.
Doch die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Resultate ist gerade bei jungen werdenden Müttern und bei frühzeitig durchgeführten Tests besonders hoch – sie liegt zwischen zehn bis 50 Prozent. Wenn sich insbesondere Jüngere ausschließlich auf den Test verlassen, könne es sein, dass ein Fötus ohne Trisomie abgetrieben werde, sagt Medizinethiker Florian Steger. Im Falle eines positiven Testergebnisses ist daher eine weitere Abklärung des Befundes durch invasive Verfahren nötig, schreiben auch die Wissenschaftler Anja Weise und Thomas Liehr in einem Artikel des Deutschen Ärzteblatts. Diese sind in der Regel erst nach der Fristenlösung, das heißt, nach Vollendung des dritten Schwangerschaftsmonats, möglich.
Im Bundestag sehe man mit Sorge, dass neun von zehn Frauen im Falle eines positiven Testergebnisses den Embryo abtreiben, sagt die Grünen-Abgeordnete Corinna Rüffer. Ob diese Zahlen so stimmen, ist unklar. Unstrittig ist, dass der Test von einer Anwendung im Einzelfall fast schon zur Reihenuntersuchung geworden ist. Damit entfällt Rüffers Meinung nach die Grundlage, auf welcher der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) die Kostenübernahme durch die Krankenkassen beschlossen hat - nämlich nur als Untersuchung für besondere Risikogruppen.
Gleichzeitig gebe es keinen signifikanten Rückgang bei invasiven Untersuchungsmethoden wie der Fruchtwasserpunktion, noch Veränderungen bei Spätabtreibungen.
Auf gesellschaftlicher Ebene besteht außerdem die Gefahr, dass Kinder nur dann willkommen seien, wenn sie „bestimmten Normen entsprechen, gesund und normal sind”.
Wie stehen wir als Gesellschaft zu Menschen mit Behinderung?
Auch der Medizinethiker Florian Steger von der Universität Ulm konstatiert einen Shift, der durch die Einführung der Tests entstanden sei, „wo eine Frau unter Druck gerät, wenn sie sich entscheidet, ein Kind mit einer Trisomie auszutragen“.
Die Grünen-Abgeordnete Rüffer wünscht sich deswegen eine „große bioethische Dimension“ zur Frage, ob wir als Gesellschaft behindertes Leben verhindern wollten oder nicht.
Gerade mit Blick auf die deutsche Geschichte ist das besonders brisant: Hunderttausende kranke und behinderte Menschen fielen dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer, darunter auch zahlreiche Menschen mit Downsyndrom.
Fraktionsübergreifend gefordert: Monitoring der Bluttests
Politiker und Fachleute fordern belastbare Daten, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie gut Schwangere in Sachen genetischer Tests beraten werden, aus welchen Gründen sie diese in Anspruch nehmen und wie sich positive Testergebnisse auf die Geburtenrate von Kindern mit dem Downsyndrom auswirken.
Die gesellschaftliche Diskussion sollte mit allen Gruppen kritisch im Bundestag geführt werden und auch Betroffene wie Schwangere und Menschen mit Behinderungen einbeziehen, fordert der Medizinethiker Florian Steger. Denn ein Verbot der Tests, wie es manche sogar vorschlagen, schaffe das Problem nicht aus Welt. Vielmehr braucht es einen gesetzlichen Rahmen für den medizinischen Fortschritt.
Onlinetext: Tina Hammesfahr, Quellen: Deutschlandradio, Deutsches Ärzteblatt
















