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Schneidig oder schnell vergessen

Mit dem Wiederaufbau und dem Glauben an eine wirtschaftlich bessere Zukunft wurde in Deutschland nicht nur die Produktwerbung sondern auch die Imagepflege für Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens entdeckt. Auf der Tagung "Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert" gingen Forscher der Frage nach, wie sich die politischen Images historisch entwickelt haben.

Von Hans-Peter Ehmke |
    Der Dom gehört zu den markanten Anziehungspunkten der Bremer Innenstadt. Mit seinen zwei wuchtigen Türmen ist er der dominierende Kirchenbau. Keine andere Kirche ragt so hoch über das Stadtzentrum. Zusammen mit dem Rathaus, den Giebelhäusern und dem Roland bildet der Bremer Dom einen Blickfang für alle Besucher des zentralen Marktes. Doch das Ensemble, das sich dem Betrachter so geschlossen darstellt, ist nicht historisch gewachsen. Kriegszerstörungen hatten einschneidende Veränderungen zur Folge.

    "Das erstaunliche in Bremen ist, dass die wichtigste Bürgerkirche nicht wieder aufgebaut wurde - und das war der Wiederaufbau der Ansgarikirche, die an der Obernstraße gelegen, den gesamten Mittelpunkt der Bremer Altstadt bildete. Weil eben der Ansgarikirchturm nicht nur ein besonders interessanter Turm war, sondern auch der höchste, und mit 97 Metern erkennbar genau das ideelle Zentrum der Stadtbürgerschaft."

    Die fast 700-jährige Tradition der Ansgarikirche wurde nicht wieder aufgenommen. Ihre Ruine wurde abgerissen und durch Warenhausbauten ersetzt. Für den Historiker Georg Wagner-Kyora wird an diesem und an anderen Fällen des Wiederaufbaus nach 1945 deutlich: Städteplaner und Denkmalpfleger hatten anderes im Sinn als die originalgetreue Rekonstruktion der historisch gewachsenen Innenstädte. Ein erweitertes Verständnis von Authentizität bildete die Grundlage ihrer Entscheidungen.

    "Die Authentizität geht im Wiederaufbau des 20. Jahrhunderts, in der zweiten Hälfte, ein Stück weiter in Deutschland. Man soll eben durchaus auch nachvollziehen können, dass die Voraussetzung dieses Wiederaufbaus eine gravierende Zerstörung war, und dass die zur Zeiterfahrung der Gesellschaft, der Bürgergesellschaft auch dazu gehört."

    Der Entscheidungsbedarf des Wiederaufbaus beschränkte sich aber nicht nur auf die Denkmalpflege. Die überkommenen Strukturen der Innenstädte waren schon vor den Zerstörungen des Krieges zum Problem geworden. Die enge Bebauung machte eine Weiterentwicklung des Stadtzentrums nahezu unmöglich. Hinzu kam, dass es in den Innenstädten oft auch Wohnquartiere der Armen gab, die den wachsenden Repräsentationsbedürfnissen der Städte immer mehr widersprachen. Mit den Kriegszerstörungen eröffnete sich die Chance das Image der innerstädtischen Räume entscheidend zu verändern.

    "In Deutschland hatten nun Mitte des 20. Jahrhunderts Stadtplaner das Übergewicht bekommen, die die Chance einer Veränderung der Nutzung in der Altstadt vorzunehmen beim Schopf ergriffen. Und da gab es dann zwei völlig unterschiedliche Erwartungshaltungen. Einerseits die Stadtbürger, die davon ausgingen, es wird wieder zur Reaktivierung von Traditonskernen kommen, und dann die Stadtplaner, die gerne wollten, dass neue Funktionen auch Einzug in der Innenstadt halten, damit die Innenstadt vital bleibt."

    Mit Hilfe einer permanenten Öffentlichkeitsarbeit sollte die City-Bildung der Altstädte Akzeptanz in der Bevölkerung erlangen - vor allem wenn es darum ging, mehr Platz für den wachsenden Autoverkehr zu schaffen und durch Warenhausneubauten den Konsum für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die lokale Tagespresse. Zur Partizipation der Einwohner an den Entscheidungen über die Gestaltung der Innenstädte kam es aber nicht. Die Entscheidungen wurden in diesen frühen Jahren nur von wenigen getroffen, die aber versuchten den Erwartungen der Bevölkerung gerecht zu werden. Das städtische Image der Zukunft sollte auch den politischen Veränderungen entsprechen.

    "Die Erwartung war sehr stark auf Öffnung der Gesellschaft gerichtet und im Grunde ist etwas sehr positives passiert: Einerseits wollte man, dass die Gesellschaft stärker an ihren Bedingungen partizipiert, teilnimmt, und andererseits ist das tatsächlich geschehen, es ist nicht nur ein Versprechen geblieben. Tatsächlich sind diese Städte, die wieder aufgebaut wurden, zu ganz vitalen Begegnungsräumen der jeweiligen Stadtöffentlichkeit geworden, in einem rasanten Wachstumsprozess."

    Konsum und Mobilität bestimmen dabei immer stärker das Image des Wiederaufbaus. Die schon in den 20er und 30er Jahren geweckten Hoffnungen auf mehr Konsum oder auf ein eigenes Auto waren für viele in Erfüllung gegangen. Mit den Erfolgen des Wiederaufbaus wächst das Selbstbewusstsein der Bevölkerung und damit das Bedürfnis nach mehr politischer Partizipation. Ein neues demokratisch-bürgerschaftliches Selbstverständnis konnte entstehen.

    "Das wurde gelernt. Das wurde angenommen. Und das wurde als ein sehr optimistischer Lebensentwurf erfahren. Und das trägt diese 60er Jahre. Also ein sehr starker Optimismus, auch eine Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen. Da wurde man auch für politische Fragen hellhöriger, die jenseits von dem was man gewohnt war lagen."

    Das positive Image des Wiederaufbaus, der auch als Leistung jedes Einzelnen verstanden wird, trägt allmählich zu einer neuen politischen Ausrichtung der Bundesrepublik bei. Politiker verzeichnen nun Erfolge, wenn ihr Image mehr Modernität verspricht.

    "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hin wirken, dass nicht nur durch Anhörungen im Bundestag, sondern auch durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes jeder Bürger die Möglichkeit erhält an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken."

    Der Erfolg Willy Brandts bei den Bundestagswahlen 1969 fußt unter anderem auf einer stetigen Entwicklung seines Images als moderner Politiker seit seiner ersten Kanzlerkandidatur 1961. Brandt übt selbst von Anfang an starken Einfluss darauf aus. Sein Vorbild sind vor allem die Wahlen in den USA. Imageberater gibt es noch nicht.

    "Die SPD hatte keine Fachleute von außen dazu geholt, sondern hat das intern gemacht. Brandt war ja selbst von Beruf Journalist und war den Umgang mit den Medien gewohnt und kannte sich auch in der Funktionsweise der Medien sehr gut aus. Ihm kam darüber hinaus zu gute, dass er sehr gut auch im Fernsehen wirkte, was man sich nur bedingt antrainieren kann. Das war vorhanden."

    Für die Historikerin Daniela Münkel von der Universität Hannover reicht aber ein positiv bewertetes Politikerimage, wie das von Brandt, allein nicht aus, um Erfolg zu haben. Der Erfolg stellt sich immer dann ein, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen. Erst am Ende der 60er Jahre hat die Partei Brandts, die SPD, ihren langwierigen Imagewandel beendet.

    "Dann ist dieser Wandel der SPD von der Arbeiter- zur Volkspartei vollzogen. Man präsentiert ein neues Programm unter dem Schlagwort 'Wir schaffen das moderne Deutschland'. Nicht weiter so, sondern wir reformieren die Innen-, Gesellschafts- und Außenpolitik. Und dann ist das Image stimmig und wird wirkungsmächtig."

    In den 60er Jahren ist vor allem das Fernsehen zu einem wichtigen Instrument der Imagepolitik geworden. Die Wahlwerbespots der SPD entstehen unter der Regie von Michael Pfleghar, einem Spezialisten für leichte Unterhaltung. Daniela Münkel erkennt darin aber noch keine Degradierung der Zuschauer zu reinen Konsumenten. Die Medien tragen stattdessen zum wachsenden politischen Interesse der Bevölkerung bei.

    "Für die 60er Jahre wäre meine These, dass die Medialisierung der Politik, die Zunahme der Imagepolitik, Politik interessanter gemacht hat für die Leute und mit zu einem Demokratisierungsschub beigetragen hat. Und das Motto von Brandts Regierungserklärung 'Wir wollen mehr Demokratie wagen' hatte eben auch diesen Anspruch, Politik für Bürger transparenter zu machen, und dazu gehörte auch dieser scheinbare Kommunikationsprozess zwischen Politik und Bürgern über die Medien als Transmissionsriemen."

    Der Glaube an eine Imagepolitik als Förderer demokratischer Teilhabe ließ jedoch bald nach und entwickelte sich nicht weiter. Das positive Bild von der Zukunft, das in den Jahren des Wiederaufbaus entstanden war, ging spätestens 1973/74 mit der Ölkrise und ihren Folgen zu Ende. Gefragt waren nicht mehr Images, die den Aufbruch in eine bessere Zukunft in Aussicht stellten. Gefragt waren immer stärker Politikerimages, die versprachen das Erreichte zu bewahren.