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Warum ein Theaterlaboratorium?

Der von Italien nach Skandinavien emigrierte Eugenio Barba hatte Mitte der 60er Jahre die Idee, ein völlig neuartiges Theater zu gründen. Er wollte verschiedene Theaterformen zusammenbringen, ohne diese jedoch als beliebigen Synkretismus zu verschmelzen. Nach mehreren Studienjahren beim polnischen Theaterdoyen Jerzy Grotowski wusste er, was er wollte: Die im Schauspieler wirkenden Energien erforschen und diese so nutzen, dass beim Publikum jenes Signal durch die Flammen ankommt, das Jahrzehnte zuvor Antonin Artaud beschrieb. Odin bedeutet für Barba auch Dionysos.

Jörn Florian Fuchs |
    Rasch fand sich damals ein fester Kern von Enthusiasten, der - bis auf wenige Ausnahmen - heute noch besteht.

    1967 bot die dänische Kleinstadt Holstebro dem Odin Teatret ein festes Domizil an, samt bescheidener, aber regelmäßiger Förderung. In Holstebro werden alle neuen Stücke erarbeitet sowie diverse theaterpädagogische Programme angeboten. Das Ensemble selbst geht häufig auf Reisen und pflegt den kulturellen Austausch.

    Barba bezeichnet sein Theatermodell als Laboratorium: Es wird lange experimentiert, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Forschung des einzelnen Akteurs an seiner Rolle ist dabei ebenso essentiell, wie die Suche nach neuen theatralen Techniken und Ausdrucksformen.

    In der in Aarhus gezeigten Produktion "Oro de Otelo" verkörpert ein einziger brasilianischer Tänzer die innere Gefühlswelt der Protagonisten durch die von Trommeln begleiteten rituellen Bewegungen der Orisha-Gottheiten.
    Gleichsam gebrochen werden diese hochexpressiven tänzerischen Bewegungen durch eingespielte Sequenzen von Verdis Otello-Oper - hier geraten zwei divergente Kulturen nicht aneinander, sondern durchdringen sich gegenseitig - spürbar.

    Die gewisse Hermetik des Ensembles, das neue Mitglieder nicht akzeptiert, war indes auch Anlass für Kritik.

    Die Odin-Schauspielerin Julia Varley bezeichnete dies jedoch als einzig gangbaren Weg. Einerseits setzt sich der Schauspieler den Eindrücken fremder Kulturen aus, andererseits erlaubt die Laborsituation eine hochkonzentrierte Einübung dieser neuen Impulse, ohne Störung von außen.

    Die Stücke des Odin Teatret benötigen oft Probezeiten von bis zu zwei Jahren, und werden dann viele Jahre in immer gleicher Weise gespielt. Entscheidend ist zudem die aktive Auseinandersetzung des Schauspielers mit sich und seiner Rolle. Bühnencharaktere können zwar nicht altern, wohl aber Schauspieler, die sie verkörpern. Genau diese Diskrepanz ist immer wieder ein Thema der Aufführungen.

    In ihrer Solo-Performance "Dona Musica’s Butterflies" vermischt Julia Varley nicht nur unterschiedliche Stile, sondern reflektiert auch konkret ihre Rolle als Schauspielerin.
    Auch in Deutschland beziehen sich einige kleinere Theatergruppen explizit auf Barba, wie das in Köln ansässige Studio 7, das alle zwei Jahre mit einer neuen Produktion auf Reisen geht. Der Gründer des Studio 7, Christoph Falke, wirkte lange Jahre - ein seltenes Privileg - als Assistent Eugenio Barbas.

    Vierzig Jahre Odin Teatret - das war in Aarhus auch Anlass für eine ausführliche Rückschau, die jedoch ein wenig zur Selbstfeier geriet. Kritische Stimmen wurden höflich, aber mit Blick auf die zweifellos vorhandene Erfolgsgeschichte des Theaters zurückgewiesen. Manche eigene Produktion des Odin vermittelte indes den Eindruck einer gewissen Altertümlichkeit.

    Deutlich überzeugender waren da Werkstattbegegnungen mit Theaterleuten, die sich von Barbas festgezurrter Ästhetik zwar beeinflussen ließen, sich aber letztlich freischwimmen konnten. Ein Beispiel war das polnische Ensemble "Song of the Goat", das in einer Mischung aus elaboriertem modern dance und polyphonem Gesang über religiösen Wahn und Judenverfolgung gleichsam meditierte.

    Jenseits von Egozentrik oder gar missionarischem Eifer beschreibt Barba, was er sich für die Zukunft nach ihm wünscht: gedient zu haben als Impulsgeber für andere, die es anders, vielleicht aber auch besser machen. Sein Diktum am Ende lautete: Tanzt auf unseren Gräbern, aber tanzt gut!