Nach Wahlsieg gegen Vucic
Wofür steht die Studentenbewegung in Serbien?

In Serbien hat die Liste der neuen oppositionellen Studentenbewegung die vorgezogene Parlamentswahl gewonnen. Sie erreichte mit gut 52 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit. Der langjährige Machthaber Vucic räumte die Niederlage seiner Partei ein. Wer nun Regierungschef wird, ist trotz des Wahlsiegs der basisdemokratisch aufgebauten Studentenliste (SL) noch offen.

    Ilija Srdanovic steht nach der Wahl zwischen Anhängern und Journalisten und feiert den Sieg, er zeigt mit beiden Händen den Drei-Finger-Gruß.
    Das Bündnis "Studentenliste" mit Spitzenkandidat Ilija Srdanovic holte bei der Parlamentswahl die absolute Mehrheit. (picture alliance / AP Photo / Petr David Josek / Petr David Josek)
    Obwohl der Arzt Ilija Srdanovic die Studentenliste anführte, gilt er nicht automatisch als Anwärter für das Ministerpräsidentenamt. Die Bewegung hat sich bislang in Personalfragen hinsichtlich einer künftigen Regierung nicht festgelegt. Der Politikwissenschaftler Florian Bieber von der Universität Graz sagte im Deutschlandfunk, es gehe der Vereinigung nicht darum, langfristig zu regieren. Stattdessen wollten sie eine Übergangsregierung schaffen, einen geordneten Übergang für eine rechtsstaatliche neue Regierung.

    Studentenliste ohne Studierende

    Bemerkenswert ist, dass auf der Studentenliste nahezu keine Studierenden stehen. Aufgestellt hat sie eine Bewegung, die auf Führungsgremien verzichtet und ihre Entscheidungen in basisdemokratischen Versammlungen trifft. Die Liste besteht vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärzten und Künstlern. Die Studentenbewegung entstand aus Protesten nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs vor zwei Jahren, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen. Viele führten das Unglück auf Korruption der Vucic-Regierung zurück. Die anschließenden Proteste der Studentinnen und Studenten mobilisierten breite Schichten der serbischen Bevölkerung und weckten in ihnen den Wunsch nach Veränderung.

    Viele Ideologien - ein Ziel

    Mit ihrer Losung "Serbien oder die Mafia" hat die Studentenliste einen Nerv getroffen. Florian Bieber verwies auf die offensive Social-Media-Kampagne der Bewegung. Zudem hätten die Mitglieder per Telefon und im Tür-Wahlkampf Menschen auch in den letzten Regionen des Landes angesprochen. Die Studentenbewegung umfasst nach Angaben von Bieber ein sehr breites Spektrum an Ideologien und politischen Forderungen von links bis rechts-nationalistisch. Die Anhänger seien jedoch geeint im Wunsch nach einer Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit und im Kampf gegen Korruption.

    Wahlprogramm verspricht weniger politischen Einfluss auf Justiz und Medien

    Das spiegelt sich auch in ihrem Wahlprogramm wider. Darin kündigte die studentische Liste für den Fall ihres Wahlsiegs Reformen für Justiz, Polizei und Medien an. Diese Bereiche sollen von politischem Einfluss befreit und Behördenmitarbeiter mit "Verbindungen zur Mafia" entlassen werden. Öffentliche Gelder will die SL demnach zurückholen und öffentliche Posten mit Experten statt "mit Partei-Handlangern" besetzen. Im Sozialbereich stellten die Studenten eine ärztliche Grundversorgung in jedem Dorf und kostenlose Schulbücher in Aussicht. Um der Abwanderung in westliche Länder entgegenzuwirken, sollen außerdem junge Familien gefördert werden.

    "Der Sieg gehört der serbischen Jugend"

    Aleksandra Tomanic von der Südosteuropa-Gesellschaft sagte im Deutschlandfunk, der Sieg gehöre der serbischen Jugend . Sie sei lange höchstens halbherzig von der Politik beachtet und belächelt worden. Es sei eine Bewegung von jungen Menschen, die sich nach einem einfachen normalen Leben sehnten und die das Land nicht verlassen möchten. Diese jungen Menschen hätten es geschafft, das gesamte Land zu mobilisieren, erklärte Tomanic. Sowas habe es noch nie gegeben - selbst beim Sturz von Milosevic nicht.

    Weiterführende Informationen

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    Diese Nachricht wurde am 26.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.