Deutsche Autozulieferer auf dem Balkan: "Armutslöhne" für serbische Arbeiter

Viele deutsche Autohersteller und -zulieferer produzieren in Serbien. Das schafft Arbeitsplätze in dem Land. Doch zunehmend klagen Beschäftigte in den Fabriken über enormen Druck durch Vorgesetzte und geringe Löhne.

    Autos parken in einer Reihe in Stari Grad in Belgrad, Serbien
    Autoproduktion mit Schattenseiten: Zulieferer wie Continental, ZF oder Bosch verlagern Jobs nach Serbien (Imago / Mikhail Sinitsyn)
    Serbien bietet ausländischen Firmen viele Vorteile, wenn sie ihre Produktion in das Land verlagern und dort Fabriken eröffnen. Auch viele deutsche Autohersteller und ihre Zulieferer folgen diesen Vergünstigungen – und verlagern Jobs von Deutschland nach Serbien.
    Davon profitiert die serbische Wirtschaft. Doch für serbische Beschäftigte gibt es nicht nur Vorteile durch die neuen Jobs. Sie berichten von hohem Produktionsdruck, beständig steigenden Zielvorgaben oder Verboten, während der Schicht auf die Toilette zu gehen.

    Serbien ist attraktiver Standort für Autohersteller und Zulieferer

    Serbien ist aus verschiedenen Gründen attraktiv für deutsche Investoren. Da ist zum einen die geografische Nähe. Dazu kommen geringere Personalkosten und schnelle Genehmigungsprozesse der Behörden.
    Zudem existieren in Serbien 15 Sonderwirtschaftszonen. Hier werden ausländischen Investoren besondere Vergünstigungen angeboten. So müssten diese dort weder Zölle noch Steuern zahlen, sagt der Soziologe Vladimir Simović, Autor einer Studie über die serbische Autozulieferindustrie. 
    Auch biete Serbien ausländischen Unternehmen, die ihre Produktion in das Land verlagern, pro geschaffenem Arbeitsplatz mehrere Tausend Euro, so Simović.
    Schließlich unterhält EU-Beitrittskandidat Serbien Freihandelsabkommen sowohl mit der EU als auch mit China. Von Serbien aus stehen Unternehmen also zahlreiche Exportmärkte offen.

    Gezielte Verlagerung der Produktion

    Deutsche Autozulieferer produzieren seit Jahren zunehmend in Serbien. Darunter beispielsweise ZF, ein Technologiekonzern mit Sitz im deutschen Friedrichshafen, der dort rund 1.200 Mitarbeiter beschäftigt. Auch Continental eröffnete 2012 ein erstes Werk in Serbien, Bosch 2013 und Brose 2020.
    Diese Entwicklung setzte jedoch schon mit dem Anfang der 1990er-Jahre ein – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall des Eisernen Vorhangs. Deutsche Autokonzerne wie Volkswagen verlagerten die Produktion gezielt nach Osteuropa. Die dortigen Länder öffneten sich westlichen Investoren, vor allem aus Deutschland, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Stefanie Hürtgen.
    Einer der Hauptgründe damals: deutlich niedrigere Löhne als beispielsweise in Deutschland. Dieses Lohngefälle existiere immer noch, sagt Hürtgen.

    Wachstum und Arbeitsplätze dank der Autoindustrie

    Serbische Exporte nach Deutschland sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Der größte Teil davon – 57 Prozent – sind Produkte aus der serbischen Autoindustrie. Sie wuchs zwischen 2015 und 2023 um 300 Prozent.
    Dem Land hat das Wachstum und Arbeitsplätze gebracht: Seit 2012 ist die Arbeitslosigkeit in Serbien um fast zwei Drittel gesunken. Eine willkommene Verbesserung für das Land, nachdem die Arbeitslosigkeit während der Übergangsphase zum Kapitalismus und später infolge der Weltwirtschaftskrise in den 2000er-Jahren explosionsartig angestiegen war.
    Mittlerweile ist Deutschland Serbiens wichtigster Handelspartner – und die wirtschaftlichen Beziehungen sollen weiter ausgebaut werden. So soll Serbien die deutsche Automobilindustrie künftig mit Lithium versorgen. 2024 unterzeichnete die EU im Beisein des damaligen Kanzlers Olaf Scholz und des Vorstandsvorsitzenden der Mercedes-Benz-Gruppe Ola Källenius ein Abkommen zum Abbau von serbischem Lithium. Der Rohstoff wird für die Herstellung von Batterien, vor allem für Elektroautos, gebraucht.

    Beschäftigte klagen über Niedriglöhne und Druck

    Doch von diesen Entwicklungen profitieren nicht alle. Denn viele deutsche Unternehmen, die sich in Serbien ansiedeln, schaffen vor allem Jobs für gering qualifizierte Arbeitskräfte. Die meisten Beschäftigten schneiden Kabel, nähen Sitzbezüge oder falten Airbags. Dafür erhalten sie den Mindestlohn von umgerechnet knapp 3,20 Euro pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Mindestlohn bei 13,90 Euro.
    Die Folgen für die serbische Gesellschaft seien fatal, so Simović. Der Mindestlohn liege nur knapp über der Armutsgrenze für einen Einpersonenhaushalt. Ein Dreipersonenhaushalt kann dem Soziologen zufolge davon kaum leben. Simović bezeichnet die Löhne der serbischen Autoindustrie als „Armutslöhne“.
    Hinzu kommt, dass in vielen der Firmen harte Arbeitsbedingungen herrschen, berichtet Simović:

    Es wird Druck auf die Leute ausgeübt, der sich tatsächlich auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirkt. Das fängt beim Schreien an und geht bis zu körperlichem Kontakt und bis hin zu Fragen der grundlegenden Würde, wie dem Gang zur Toilette.

    Dabei müssen deutsche Unternehmen eigentlich sicherstellen, dass ihre ausländischen Lieferanten auch im Ausland nicht gegen Menschen- und Arbeitsrechte verstoßen. Festgehalten sind diese Regelungen im Lieferkettengesetz von 2023.
    In einigen Betrieben versuchen serbische Beschäftigte, bei den deutschen Kunden der Zulieferer bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Löhne einzufordern. So hat die serbische Metallergewerkschaft bei Mercedes-Benz, Audi und dem deutschen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle Beschwerden über Arbeitsbedingungen in einem Zulieferbetrieb eingereicht.
    Doch ernsthaft überprüft wurden die gemeldeten Missstände laut dem Gewerkschafter Predrag Stojanović nicht. Vielen der Hinweise sei nicht nachgegangen worden, beispielsweise Berichten von Mitarbeiterinnen, die von ihren Vorgesetzten zum Austritt aus der Gewerkschaft gedrängt worden seien.

    Qualifizierte Arbeit als Ausweg?

    Mehr Arbeitsplätze für qualifiziertere Arbeitnehmer – das könnte ein Ausweg aus den Niedriglöhnen in Serbien sein.
    Tatsächlich investieren einige Zulieferbetriebe wie ZF Serbien auch in die Beschäftigung von Fachkräften. Von den etwa 1.200 ZF-Mitarbeitern am serbischen Standort sind rund ein Viertel in der Entwicklung und Fertigung von komplexeren Produkten wie Elektromotoren tätig. 
    Das passt zu dem Ziel der serbischen Regierung, Investoren anzulocken, die technologisch komplexere Produkte herstellen.
    Doch selbst die Löhne für Fachkräfte sind in Serbien vergleichsweise niedrig. So gab ZF im Jahr 2025 pro in Serbien Beschäftigtem weniger als ein Drittel so viel aus wie in Deutschland - obwohl dort teilweise technologisch aufwendige Komponenten hergestellt werden.
    Für Stefanie Hürtgen zeigt dies, dass selbst qualifizierte Arbeit und „zentrales Know-how“ nicht vor Niedriglöhnen schützen.
    Unternehmensberatungen warnen indessen, dass Teile der serbischen Autoindustrie ihre Kostenvorteile verlieren würden, wenn Lohnkosten steigen. Unternehmen könnten sich entscheiden, an Produktionsstandorte umzuziehen, die noch billiger sind, beispielsweise nach Nordafrika.
    Radiobeitrag: Lucia Steinwender / Onlinetext: Catherine Shelton