Kommentar zur Debatte um Migration und Gewalt
Das Feindbild vom "migrantischen Milieu"

Ob Gewalt, Bildungsmisere oder das Stadtbild: Verantwortlich für Probleme sind angeblich Migranten. Doch Begriffe wie „migrantisches Milieu“ stigmatisieren Millionen Menschen. Statt Sündenböcke zu suchen, braucht es Fakten und politische Antworten.

Von Luise Sammann |
Eine nicht erkennbare Person mit einem Kapuzenpullover mit einem Hammer in der Hand steht vor einem Schaufenster eines Waffenladens in Frankurt am Main. Auf das Fenster wurde erkennbar schon mehrfach eingeschlagen.
Am 31.10 hatten in verschiedenen Städten in Deutschland weitgehend friedliche Jugendproteste stattgefunden. Bei anschließenden Ausschreitungen kam es auch zu Plünderungen durch vermutlich andere Gruppen. (picture alliance / Daniel Kubirski)
Schuld sind also die Migranten. Wieder einmal. Ach nein, bleiben wir präzise: Schuld sind „linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“. So hat es CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt formuliert. Migrantisches Milieu – das soll wahrscheinlich weniger stigmatisierend klingen und macht zugleich die Gruppe derer, die gemeint sein könnten, noch größer, noch obskurer.
Jedenfalls bezieht es sich nicht auf eine statistische Größe, nicht auf erfassbare Tatsachen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, als die Polizei nach eigener Aussage noch mit der Identifizierung der mutmaßlichen Täter beschäftigt war.

Worte finden für die Gesellschaft eines Einwanderungslandes

Der Innenminister musste darauf scheinbar nicht warten. Für ihn war das Lagebild klar. Es speise sich „aus den Beobachtungen vor Ort“, hieß es später erklärend in der Bundespressekonferenz. Beobachtungen also von mutmaßlich jungen Männern, die auch für den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft GdP Jochen Kopelke, Zitat, „anders aussehen“. So formulierte es der Gewerkschafter am Montagmorgen im Deutschlandfunk.
Entschuldigung – anders? Anders also als das Stereotyp des blonden, blauäugigen Deutschen? Man möchte fragen, in welcher Welt diejenigen leben, die so über die Gesellschaft eines Einwanderungslandes sprechen. Ein Land, in dem in einer Großstadt wie Frankfurt 57,7 Prozent der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund haben.
Was Jochen Kopelke als „anders“ bezeichnet, ist im Deutschland des Jahres 2026 längst Teil der Normalität – und es sagt nichts darüber aus, welche Staatsbürgerschaft jemand hat, wo genau die Oma geboren wurde und wie er oder sie sich verhält.

Immergleiche Suche nach den Schuldigen

Das Konstrukt „migrantisches Milieu“ stigmatisiert damit eine riesige und vor allem alles andere als homogene Bevölkerungsgruppe, die sich schlicht nicht in einen Topf schmeißen lässt. Genauso wenig, wie „die Frauen“, oder „die Rechtshänder“.
Höchstwahrscheinlich, nein hoffentlich, ist das auch Unionspolitikern wie Alexander Dobrindt klar. Dass er und andere trotzdem immer wieder auf solche angeblichen Kategorien verweisen, wenn es um die Probleme unseres Landes geht, nährt den Verdacht, dass sie es ganz bewusst tun.
Egal ob beim Thema Stadtbild, beim Thema Bildungsmisere oder eben beim Thema Gewalt – an allem sind angeblich sie schuld: die „Anderen“, die Migranten.
Und nein, wer sich dem entgegenstellt, will damit nicht automatisch Probleme verschleiern oder Täter aus angeblich links-grüner Naivität heraus nicht beim Namen nennen. Im Gegenteil: Sprechen wir doch gern über ein paar Fakten und Erkenntnisse:
Unter Kriminologen herrscht zum Beispiel schon längst Einigkeit: Die Herkunft hat nichts mit der Wahrscheinlichkeit zu tun, dass ein Mensch kriminell wird. Genauso sieht es beim Thema Bildungserfolg aus. Der hängt in Deutschland, so zeigen es Studien, nicht von der Herkunft ab, sondern vom sozioökonomischen Hintergrund.
Wenn nun dennoch besonders viele Kinder mit Migrationsgeschichte weniger erfolgreich abschneiden – dann, so betonen es Bildungs- und Sozialwissenschaftler – weil viele von ihnen aus Familien kommen, die sozial schlechter gestellt sind. Hier – und nicht bei der Herkunft – gilt es also anzusetzen. Dieser Logik folgend könnte es dann auch Sinn machen, nach Krawallen wie am vergangenen Wochenende auf den möglichen Migrationshintergrund von Tätern zu verweisen. Nämlich um zu fragen: kann es sein, dass besonders viele junge Männer mit Migrationshintergrund in Umständen aufwachsen und leben, die möglicherweise eher zu Gewaltbereitschaft führen?

Verdacht der Stigmatisierung

Und wenn dem so ist, dann muss die nächste Frage lauten: Was können wir als Gesellschaft – aber auch, was können politisch Verantwortliche dagegen tun? Sind etwa die zahlreichen Kürzungen in der Jugendsozialarbeit, bei Demokratie- und Integrationsprojekten in den letzten Jahren wirklich der richtige Weg? All das zu diskutieren wäre richtig und wichtig.
Wer stattdessen auf nicht näher definierte „migrantische Milieus“ verweist, ohne danach konstruktiv weiterzudenken, der macht sich verdächtig, Gruppen gezielt stigmatisieren und offensichtliche Probleme auslagern zu wollen.