Dienstag, 05. Juli 2022

Deesha Philyaw: „Church Ladies“
Black is beautiful

Sinnliche, lichte Erzählfreude zeichnet die Storys der US-Autorin Deesha Philyaw aus. Die Selbsterfahrung Schwarzer Frauen ist das Thema dieses vielversprechenden Debüts.

Von Julia Schröder | 10.06.2022

Deesha Philyaw: "Church Ladies"
Deesha Philyaw: "Church Ladies" (Vanessa German)
„Je eher sie begreift, was für sie drin ist und was nicht, desto besser. Sie soll das süße Leben gar nicht erst kennen lernen, sonst wird sie den Hals nicht vollkriegen und immer nur warten, ob nicht irgendwo ein paar Krümel für sie abfallen.“
Kann eine Mutter etwas über ihre eigene Tochter sagen, das noch deprimierender wäre? Aber so geht es zu in den Erzählungen der US-amerikanischen Autorin Deesha Philyaw. Ihr literarisches Debüt „Church Ladies“ versammelt lieblose, nur mit sich selbst beschäftigte Mütter, abwesende oder gewalttätige Väter, erwachsene Männer, die sich an kleine Mädchen heranmachen, Pastoren, die sonntags inbrünstig von Erlösung und Verdammnis predigen und wochentags munter sündigen… Nein, diese Geschichten entstammen keiner heilen Welt. Und dennoch ist es eine Welt, in die man lesend von der ersten Seite an tief eintauchen möchte. Die in Florida geborene und heute an der Ostküste lebende Deesha Philyaw war schon fünfzig, als ihr erster Erzählungsband 2020 im Original erschien, eine späte Debütantin mithin. Es brauchte wohl einfach fünf Jahrzehnte, damit ihr Schreiben sich so vollsaugen konnte mit Licht und Dunkel, mit sinnlicher Erfahrung, mit all dem süßen, scharfen Saft des Lebens.

Gekochte Krebse, ekstatische Kirchendamen

Philyaws Protagonistinnen sind Frauen wie sie selbst, Frauen aus den Schwarzen Communitys des Südens, wo saftig-süße Pfirsich-Cobbler und große Töpfe voller gekochter Krebse in den Küchen dampfen, wo die Damen der Gemeinde in der Kirche ekstatisch den Altarruf erwidern und Veranda-Dispute mit Bibel-Zitaten ausgefochten werden, wo jedes Haus sein Geheimnis hat und doch keines verborgen bleibt. Die Wärme ist manchmal erstickend, und Abweichung von der Norm, so durchlöchert und abergläubisch die Konventionen sein mögen, ist nicht vorgesehen. Zum Beispiel, wenn die halbwüchsige Jael sich in die Frau des Predigers verknallt, während ihre beste Freundin vom Nachbarn verführt wird. Den Argwohn der bibelfesten Großmutter erweckt eher Jaels harmlose Schwärmerei als der Übergriff des Mannes – der allerdings, so eine der vielen Pointen des Buchs, am Ende von Jael kaltblütig zur Strecke gebracht wird. Oder wenn die Lehrerin Eula, die Titelheldin der ersten Story, sich zum Millenial-Silvester mit ihrer Jugendfreundin und Kollegin wie jedes Jahr ein paar Flaschen Sekt und das Bett einer Hotelsuite teilt – und dennoch darauf hofft, dass irgendwann „der Richtige“ in ihr Leben tritt.
„Ich weiß gar nicht, was komischer ist: dass Eula glaubt, ich vierzigjährige alte Schachtel hätte in all diesen zig Jahren nie mit irgendeinem Mann Sex gehabt, oder dass sie uns für jungfräulich hält, nach allem, was wir in dieser selben Zeit miteinander gemacht haben.“
Eine Lebenslüge, von der die Freundin – in diesem Fall die Ich-Erzählerin – Eula in dieser Nacht befreit.
„Eula schaut mich mit schmalen Augen an. ,Du bist nicht die, für die ich dich gehalten habe.‘ – ,Du bist auch nicht die, für die du dich gehalten hast.‘“

Wo Gut und Böse wohnen

Was für beide daraus folgt, bleibt in der Schwebe, wobei Deesha Philyaw sich offener wie geschlossener Aufbau-Varianten mit gleicher Gestaltungsfreude bedient. Jede der Storys hat ihren eigenen Tonfall. Mal wird auktorial, mal personal, mal in der Ich-Form erzählt, mal im aufschlussreichen Wechsel von Großmutter und Enkelin, mal im Präsens, mal im Präteritum. Mal gießt Philyaw ihren Stoff in die Form eines – allerdings aus vielen Dialogszenen bestehenden – Briefs, mal in einen, wie der Titel lautet „Leitfaden für gut christliche Ehebrecher“.
Philyaw nennt als eins ihrer literarischen Vorbilder Toni Morrison. Wie die Nobelpreisträgerin zeichnet sie Charaktere mit deutlichen Umrissen und lässt keinen Zweifel, wo Gut und Böse wohnen. Sie hat keine Scheu, Lust und Schmerz, Enttäuschung und Sehnsucht große Auftritte zu verschaffen, wobei sie die Klippen von Kitsch und Sentiment nicht immer erfolgreich umschifft. Aber die Genauigkeit ihrer Beobachtungen, ihr Gespür für feine Seelenregungen, der mal drastische, mal leise Humor ihrer Figurenrede halten sie in der Regel auf einem Kurs, den die Leserin gern mitsegelt. Mit allen Wassern des Schwarzen Feminismus gewaschen, hält sich Philyaw mit den N-Wort-Sprachregelungen blutarmer Wokeness nicht groß auf. Die Erzählung „Im Bett mit einem Physiker“ – eine von Einfällen strotzende, vor Begehren schimmernde und komplett als Selbstgespräch erzählte Liebesgeschichte – beginnt mit Szenen von einem Bildungskongress. Zwei Sätze bringen wie nebenbei eine spezifische Rassismuserfahrung und die originelle Reaktion der Erzählerin auf den Punkt:
„Als schwarze Frau spielst du dort ,Negerzählen‘, wie bei jedem Kongress. Er ist die Nummer zwölf, unter Hunderten, die an der Tagung teilnehmen.“
Deesha Philyaw verwandelt ein breites, Generationen übergreifendes Spektrum weiblicher Schwarzer Lebenserfahrung in authentisches Erzählen. Selbstbewusst, furchtlos und schön.
Deesha Philyaw: „Church Ladies“
Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Elke Link und Sabine Roth
ars vivendi Verlag, Cadolzburg.
200 Seiten, 22,00 Euro.