
Mit dem Einstieg des amerikanischen Chip-Giganten Nvidia erhofft sich Doctolib eigenen Angaben zufolge auch Zugang zu KI-Experten sowie Unterstützung beim Training der eigenen Modelle. Nvidia wird Minderheitsaktionär von Doctolib. Wie viele Anteile das Tech-Unternehmen genau übernimmt, ist bislang unbekannt.
Was ist Doctolib?
Doctolib stammt aus Frankreich und ist in Deutschland für seine Online-Plattform bekannt, über die Patientinnen und Patienten Termine bei Arztpraxen buchen können. Zudem bietet Doctolib einen KI-Telefonassistenten sowie Unterstützung bei buchhalterischen Aufgaben in Praxen an.
Welche Patientendaten erhält Doctolib von Arztpraxen?
Wenn eine Arztpraxis und Doctolib miteinander arbeiten, wird Doctolib zum gesetzlich
zugelassenen externen Auftragsverarbeiter. Das bedeutet, dass die Daten aller
gegenwärtigen und ehemaligen Patienten aus der jeweiligen Praxis für Doctolib
freigeschaltet werden. Und: Das geschieht unabhängig davon, ob man sich über Doctolib anmeldet oder sich telefonisch oder persönlich an eine Praxis wendet.
zugelassenen externen Auftragsverarbeiter. Das bedeutet, dass die Daten aller
gegenwärtigen und ehemaligen Patienten aus der jeweiligen Praxis für Doctolib
freigeschaltet werden. Und: Das geschieht unabhängig davon, ob man sich über Doctolib anmeldet oder sich telefonisch oder persönlich an eine Praxis wendet.
Unter anderem erhält Doctolib Zugriff auf:
Laut Datenschützer Thilo Weichert erhält Doctolib „möglicherweise sogar die Diagnose.“
- Stammdaten aller Patienten: Vorname, Nachname, Geschlecht, Geburtsdatum, E-Mail-Adresse, Handynummer, Telefonnummer, Patientennummer, Versicherungsstatus
- Kalender- und Termindaten, Besuchsgrund (falls es normierte Besuchsgründe gibt), sonstige Notizen
Laut Datenschützer Thilo Weichert erhält Doctolib „möglicherweise sogar die Diagnose.“
Nvidia-Einstieg bei Doctolib: Wie steht es um die Datensicherheit?
Nvidia ist ein US-amerikanischer Techkonzern. Eine Befürchtung ist, dass zukünftig Daten von Doctolib in den USA gespeichert werden könnten. Bekannterweise sind dort Datenschutzbestimmungen weniger streng als beispielsweise in Europa.
Doctolib betont, dass alle Gesundheitsdaten des Unternehmens auf Servern innerhalb der EU und in Großbritannien lägen und dort bleiben würden. Das gelte auch für die KI-Modelle.
Was kritisieren Datenschützer außerdem an Doctolib?
Wieso ausgerechnet besonders schützenswerte Notizen eines Arztes oder einer Ärztin für eine Terminvereinbarung durch Doctolib von Bedeutung sein soll, ist für manche Datenschützer nicht nachvollziehbar. Was, wenn dort zum Beispiel „Tablettenmissbrauch“ steht?
Gleiches gilt auch für die Weitergabe des Besuchsgrundes an Doctolib. Meike Kamp, Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, betont:
„Für ein reines Terminvereinbarungsinstrument benötige ich natürlich nicht die Notizen, die Ärztinnen und Ärzte sich in ihrer Patientendokumentation machen. Und in dem Moment kann ich natürlich schon daran sehen, dass das Informationen sind, die eben ein Verhältnis 'Auftragsverarbeitung zur Terminvergabe' sprengen.“
Doctolib selbst sieht das weniger kritisch. Lediglich die Patienten und die behandelnde Person hätten letztendlich Zugriff auf sensible Informationen. Nikolay Kolev, Geschäftsführer von Doctolib Deutschland, erklärte 2023 gegenüber dem Deutschlandfunk:
„Das heißt, wir lesen weder die Daten noch haben wir die Möglichkeit, diese zu lesen. Das, was für uns ersichtlich ist, um den Termin zu ermöglichen, ist der Besuchsgrund.“
Zudem sei der Besuchsgrund nicht über den Klarnamen erfassbar, sondern pseudonymisiert, so Kolev.
Mögliche Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht
Seit dem Jahr 2017 dürfen Ärztinnen und Ärzte externe Auftragsbearbeiter in ihre Tätigkeit miteinbeziehen. Allerdings müssen sie dafür sorgen, dass die Pflicht zur Verschwiegenheit gewahrt bleibt.
Genau darin sieht Thilo Weichert einen Konflikt mit dem Berufsethos. Doctolib, so der Datenschützer, veranlasse Ärzte dazu, ihre Schweigepflicht aufzuheben – auch wenn sie das eigentlich nicht dürfen.
„Aber die Ärzte machen sich natürlich keine Gedanken darum, sondern sind froh, wenn sie eine Entlastung ihres Personals über dieses Online-Terminverwaltungsverfahren erreichen können“, sagt Weichert.
Manfred Frenzel, Gründer eines Medizinverbundes im baden-württembergischen Bottwartal, hätte sich als Arzt beinahe für eine Zusammenarbeit mit Doctolib entschieden, dann aber doch umgedacht: „Allein die Tatsache, dass ein Mensch bei uns in der Praxis als Patient behandelt wird, unterliegt bereits einem Datenschutz, ist ein schützenswertes Arztgeheimnis.“
Zusammenführung von erhobenen Daten
Datenschützer Weichert wirft Doctolib zudem vor, Daten verschiedener Mediziner unzulässigerweise zu kombinieren. Denn: Wenn eine Person beispielsweise einen Hausarzt, einen Lungenfacharzt und einen Diabetologen besucht, könnte ein Dienstleister wie Doctolib daraus womöglich ein umfassendes Patientenprofil erstellen – arztübergreifend.
Thilo Weichert: „Es gibt Datenschutzgesetze, die eindeutig regeln, dass die Daten bei Doctolib für die jeweiligen Ärzte separat gehalten werden müssten. Auch das wird nicht eingehalten.“
Was Doctolib mit erhobenen Daten im Detail macht, bleibt vorerst im Halbdunkel. Patientinnen und Patienten, die sich mehr Transparenz wünschen, könnten unter anderem eines tun: ihre Bedenken gegenüber der jeweiligen Praxis äußern, so Datenschützer Weichert.
Onlinetext: Jan-Martin Altgeld, Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen













