
Die griechische Regierung hat zur Bekämpfung des Fachkräftemangels vor zwei Jahren die Sechstagewoche für bestimmte Unternehmen eingeführt. Die Reform ist Teil einer ganzen Reihe von Änderungen am griechischen Arbeitsmarkt.
In Griechenland arbeiten Beschäftigte knapp 40 Wochenstunden - so viel wie in kaum einem anderen EU-Land und rund sechs Stunden mehr als in Deutschland. Fast jeder dritte arbeitet dabei auch am Wochenende, in Deutschland ist es etwa jeder fünfte. Doch bringt mehr Arbeitszeit der Wirtschaft tatsächlich etwas?
Sechstagewoche und 13-Stunden-Tage
Die Sechstagewoche gilt in Griechenland nicht für alle Beschäftigten. Sie ist vor allem für Unternehmen vorgesehen, die rund um die Uhr arbeiten, zum Beispiel in der Industrie. Dort kann für Beschäftigte ein sechster Arbeitstag hinzukommen. Die Fünftagewoche wurde damit aber nicht grundsätzlich abgeschafft.
Für den Tourismus gilt die Sechstagewoche ausdrücklich nicht. Dort sind offiziell weiterhin fünf Arbeitstage mit maximal 40 Stunden vorgesehen. Unabhängig davon hat Griechenland eine weitere Arbeitszeitregel eingeführt. Unter bestimmten Voraussetzungen sind Arbeitstage von bis zu 13 Stunden möglich. Arbeitsministerin Niki Kerameus betont, dass auch dies eine Ausnahme sei. Sie sei an höchstens 37 Tagen im Jahr beziehungsweise bis zu drei Tagen im Monat möglich und setze die Zustimmung des Beschäftigten voraus.
Wie geht es Griechenlands Wirtschaft heute?
Griechenlands Wirtschaft hat sich nach der Finanzkrise und der Coronapandemie deutlich erholt. Seit einigen Jahren wächst das Bruttoinlandsprodukt laut Arbeitsökonom Panos Tsakloglou um gut zwei Prozent jährlich. Gleichzeitig sei die Arbeitslosigkeit stark zurückgegangen: von 28 Prozent auf rund acht Prozent. Es gibt verschiedene Gründe für den Aufschwung.
Der Tourismus bleibt einer der wichtigsten Wachstumsmotoren in Griechenland. Daten des griechischen Tourismusverbandes SETE zufolge trägt dieser 13 Prozent zum griechischen Bruttoinlandsprodukt bei, also durch Übernachtungen oder Restaurantbesuche. In der Hochsaison 2025 arbeiteten hier mehr als 750.000 Menschen, das ist fast ein Fünftel aller Jobs. Auch die Bauwirtschaft und neue Unternehmen tragen zum Wachstum bei.
Hinzu kommen laut Tsakloglou die Reformen aus der Zeit der Wirtschaftsanpassungsprogramme. Der Steuermechanismus sei effizienter geworden und durch neue Technologien habe insbesondere die Steuerhinterziehung deutlich reduziert werden können. Gleichzeitig seien die öffentlichen Ausgaben unter anderem bei Renten und Gesundheit gesenkt worden. Von diesen Reformen profitiere Griechenland bis heute. Die fiskalischen Ergebnisse bezeichnet Tsakloglou als bemerkenswert.
Lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne und hohe Lebenshaltungskosten
Dennoch kommt dieser wirtschaftliche Aufschwung nicht bei allen gleichermaßen an. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt weiterhin unter dem Niveau von 2007. Der gesetzliche Mindestlohn wurde im Frühjahr 2026 auf 920 Euro brutto im Monat erhöht. Das Durchschnittsgehalt liegt nur wenig höher, zwischen 1200 und 1400 Euro brutto. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Viele Menschen verdienen nicht genug, um die täglichen Ausgaben zu decken, sagt Georgios Ioannidis vom griechischen Zentrum für Wirtschaftsforschung KEPE. Ein durchschnittlicher Beschäftigter habe sein Gehalt etwa zur Monatsmitte aufgebraucht. Das eigentliche Problem seien weniger die Preise allein als die niedrigen Löhne. Sie seien zwar gestiegen, aber deutlich langsamer als die täglichen Ausgaben.
Besonders sichtbar wird das bei Selbstständigen. Sie arbeiten im Schnitt rund 50 Stunden pro Woche, drei Viertel von ihnen auch am Wochenende. Eine Restaurantbesitzerin in Athen berichtet, sie arbeite sieben Tage die Woche, weil sie sonst ihre Rechnungen nicht bezahlen könne. „Die Preise sind so stark gestiegen, dass auch unsere täglichen Ausgaben kaum noch zu stemmen sind“, sagt sie.
Warum mehr Arbeit nicht automatisch mehr Wohlstand bringt
Die griechische Wirtschaft wachse, und zwar deutlich und schneller als der Durchschnitt der europäischen Wirtschaft, dennoch gebe es noch viel zu tun, so der Arbeitsmarktexperte Georgios Ioannidis. „Der derzeitige geschaffene Wohlstand wird ungerechter verteilt als in der Vergangenheit. Der durchschnittliche Arbeitnehmer oder sehr viele Arbeitnehmer haben keine wesentliche Verbesserung gespürt, die der Verbesserung der Wirtschaftslage entspricht”, erklärt Ioannidis.
Obwohl in Griechenland besonders lange gearbeitet wird, gehört das Land bei der Produktivität zu den Schlusslichtern der EU. Ökonom Jens Bastian führt das unter anderem auf die vielen kleinen und Kleinstbetriebe sowie den großen Dienstleistungs- und Tourismussektor zurück. Diese schaffen zwar Beschäftigung, aber vergleichsweise wenig Produktivität.
„Was wir in Griechenland brauchen, um Produktivitätssteigerungen zu verbessern, sind Investitionen in Innovation, Bildung, Forschung und Entwicklung”, sagt Bastian. Auch das Bildungssystem müsse besser darauf ausgerichtet werden, jungen Menschen nach dem Studium Zugang zu gut bezahlten und qualifizierten Arbeitsplätzen zu ermöglichen.
Radioautorin: Lucia Hundbiß / Onlinetext: Elena Matera




















