Viertagewoche in Island
Kürzer arbeiten, gleich verdienen

Vier Tage arbeiten und trotzdem volles Gehalt: Für viele Beschäftigte in Island ist das längst Realität. Das Modell bringt mehr Freizeit, sorgt aber auch für Kritik von Arbeitgebern und teilweise für Einschränkungen bei öffentlichen Angeboten.

    Menschen an einer Uferpromenade in Reykjavík, eine Frau schiebt einen Kinderwagen. Dahinter Meer und schneebedeckte Berge.
    Islands öffentlicher Dienst hat die Wochenarbeitszeit 2021 auf 36 Stunden bei vollem Lohn verkürzt – auch, um Beruf und Privatleben besser vereinbar zu machen (picture alliance / Anadolu / Veysel Altun)
    Vier Tage arbeiten bei vollem Gehalt: Viele Unternehmen und Länder testen solch ein Arbeitsmodell weltweit. In Island ist das für viele Menschen längst Alltag.
    Im öffentlichen Sektor wurde 2021 die Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich von 40 auf 36 Stunden verkürzt. Was hat sich seitdem für Beschäftigte, Arbeitgeber und Wirtschaft verändert?

    Inhalt

    Wie Island die 36-Stunden-Woche eingeführt hat

    2015 begann Island erstmals, mit kürzeren Arbeitszeiten zu experimentieren. Den Anfang machte ein Pilotversuch in der öffentlichen Verwaltung von Reykjavík. Nach den positiven Ergebnissen verankerte die Gewerkschaft der staatlichen und kommunalen Beschäftigten BSRB das Recht auf die 36-Stunden-Woche in den Tarifverträgen des öffentlichen Sektors. Das war 2021.
    Rund 30 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Island arbeiten im öffentlichen Sektor. Das sind rund 70.000 Menschen. Und die meisten von ihnen nutzen inzwischen die verkürzte Arbeitswoche.
    Wie die 36-Stunden-Woche ausgestaltet wird, hängt vom jeweiligen Arbeitsplatz, den persönlichen Präferenzen und der Organisation ab. Manche Beschäftigte nehmen zum Beispiel jeden zweiten Freitag frei, andere starten freitags schon um 13 Uhr ins Wochenende.
    Weniger Arbeitszeit sollte nicht weniger Leistung bedeuten. Deshalb wurde laut Gewerkschafterin Dagný Aradóttir bei der Umsetzung der 36-Stunden-Woche auch darüber gesprochen, wie sich die Arbeit effizienter organisieren lässt. Besprechungen und Online-Meetings sollten kürzer und konzentrierter geführt und Pausen teilweise verkürzt werden. So sollten die Stunden zusammenkommen, die eingespart wurden.

    Was die kürzere Arbeitszeit den Beschäftigten bringt

    Ob die Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit ein Gewinn für die isländische Gesellschaft ist, lässt sich schwer sagen. Es ist in jedem Fall ein Gewinn an individueller Lebensqualität und möglicherweise wertvoller als das, worauf monetär verzichtet wird, sagt der Wirtschaftsprofessor Thórólfur Matthíasson.
    Für viele Beschäftigte bedeutet die 36-Stunden-Woche vor allem mehr freie Zeit. Beschäftigte berichten, dass sie mehr Zeit für Familie, Erledigungen oder Freizeit haben und erholter in die Arbeitswoche gehen.
    Kürzere und konzentriertere Besprechungen funktionieren nach Einschätzung der Arbeitnehmer vergleichsweise gut. Schwieriger wird es bei den Pausen: Kaffeepausen sollen teilweise wegfallen und Mittagspausen kürzer werden. In der Praxis lasse sich dieser „menschliche Faktor“ aber nicht einfach herausnehmen, sagt Anne Steinbrenner vom Umweltplanungsamt in Hafnarfjörður. Der informelle Austausch auf dem Flur oder beim Kaffee sei schließlich auch Teil der Zusammenarbeit.

    Folgen der Viertagewoche für Wirtschaft und Arbeitgeber

    Nach Angaben der Gewerkschaft ist die Arbeitsleistung insgesamt nicht gesunken. Eine umfassende Auswertung der Produktivität im öffentlichen Sektor gibt es bislang aber nicht.
    Gewerkschafterin Dagný Aradóttir sieht in der kürzeren Arbeitswoche jedenfalls einen Vorteil für Arbeitgeber: Mit der geringeren Arbeitszeit sei die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen oder kündigen würden.
    Eine Studie der Beratungsgesellschaft KPMG im Auftrag des isländischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums kam 2022 zu dem Ergebnis, dass nach dem Tarifabschluss 77 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Sektor ihre Arbeitszeit sofort reduzierten. Die notwendige Neustrukturierung von Arbeitsabläufen sei dabei vielfach ausgeblieben. Die Folge sei teilweise ein geringeres Serviceangebot gewesen.
    So sind etwa manche städtischen Stellen freitagnachmittags nicht mehr erreichbar. Teilweise wurden Öffnungszeiten von Kitas reduziert oder Gebühren für eine längere Betreuung eingeführt. In Bereichen mit Schichtarbeit, zum Beispiel bei Polizei, Krankenhäusern oder Seniorenheimen, mussten zusätzliche Beschäftigte eingestellt werden.
    Ólafur Stephensen vom Arbeitgeberverband in Island hält eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben grundsätzlich für richtig, sieht mit der 36-Stunden-Woche im öffentlichen Dienst aber eine Grenze überschritten.
    Der öffentliche Dienst ist durch die 36-Stunden-Woche generell attraktiver geworden, während im privaten Sektor meist weiterhin 39 bis 40 Stunden gearbeitet wird. Arbeitgebervertreter Ólafur Stephensen sieht darin einen Wettbewerbsnachteil für Unternehmen: „Durch die kürzere Arbeitswoche ist es viel attraktiver geworden, im öffentlichen Dienst zu arbeiten.“
    Für private Unternehmen sei es deshalb schwerer, mit Staat und Kommunen um qualifizierte Fachkräfte zu konkurrieren. Aus Sicht Stephensens entsteht dadurch eine Schieflage, weil der öffentliche Sektor aktuell stärker wachse als der private.

    Viertagewoche: Realistisches Modell für Deutschland?

    Die Diskussion um die Viertagewoche kommt auch immer wieder in Deutschland auf. Immer mehr Studien zeigen einen positiven Effekt der Viertagewoche bei vollem Lohn auf Produktivität und Gesundheit der Mitarbeiter. In einigen wenigen Betrieben ist die Viertagewoche schon die Regel. Die Beschäftigten nehmen dann aber meist Lohneinbußen für eine reduzierte Arbeitszeit in Kauf.
    In manchen Branchen wie in der Pflege, im Einzelhandel und in der Logistik lässt sich die Viertagewoche außerdem schwerer realisieren als in anderen. Insgesamt bleibt sie in Deutschland daher noch ein Zukunftsmodell.

    Radioautorin: Jessica Sturmberg / Onlineartikel: Elena Matera