Kommentar zum Tag der Deutschen Einheit: Wo steckt das Wir?

Nach den Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellt sich die Frage: Wie viel Deutsche Einheit ist noch übrig? 36 Jahre nach der Wiedervereinigung wird es Zeit, dass wir uns das "Wir" neu erarbeiten.

Von Susanne Schwarzbach |
Porträtfoto von Susanne Schwarzbach, Chefredakteurin des Deutschlandfunk
Susanne Schwarzbach ist seit dem 1. April 2026 Chefredakteurin des Deutschlandfunks (Deutschlandradio)
36 Jahre Deutsche Einheit. Und mehr als in den Jahren davor stellt sich die Frage: Wie viel Einheit ist eigentlich noch übrig? Gibt es das Wir, das in der Einheit steckt, überhaupt noch – und wenn ja, wo finden wir es?
Ein Beispiel sind die jüngsten Wahlen in Berlin, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die die politischen Verhältnisse deutlich verschoben haben. Unsere Demokratie hält das aus. Gefährlich für das Wir wird es aber, wenn wir anfangen, öffentlich mit dem Finger aufeinander zu zeigen.
Die da in Sachsen-Anhalt, die mit Demokratie nichts anzufangen wüssten, denen man am besten gleich das Geld streichen solle. Die da in Berlin, die eine Partei gewählt haben, die große Wohnungskonzerne vergesellschaften will. „Sind die verrückt geworden?“
Die Ossis. Die Migranten. Die Politiker. Diese Reihe ließe sich fortsetzen. Die einen stehen hier und die anderen dort und dazwischen ist ein Graben. Wahlweise eine Mauer. Es zieht sich durch alle Themen: beim Impfen, bei der Ukraine-Unterstützung, beim Klimaschutz.

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Die Suche nach dem Verbindenden

So entsteht zunehmend das Gefühl - jeweils auf der anderen Seite: Wer anders denkt, gehört nicht dazu. Das ist das Gegenteil von Einheit. Denn Einheit heißt nicht, einer Meinung zu sein. Einheit heißt, einander auch im Streit die Zugehörigkeit nicht abzusprechen.
Der 3. Oktober, er ist der Tag der Deutschen Einheit und dieser Tag ist verbunden mit einem Versprechen: Wir gehören zusammen. Nicht weil wir gleich sind. Sondern obwohl wir verschieden sind.
36 Jahre nach der Wiedervereinigung wird es Zeit, dass wir uns dieses Wir neu erarbeiten. Nicht, indem wir Probleme kleinreden, sondern indem wir genauer zuhören und genauer hinschauen. Die eigene Perspektive nicht zum Maßstab für alle machen. Nicht jeden Unterschied zum Gegensatz. Und nach dem suchen, was uns trotz allem verbindet.

Gemeinsame Ziele verfolgen

Um im Beispiel zu bleiben: Sachsen-Anhalt ist mehr als die AfD. Berlin mehr als die Linke. Überall gibt es Menschen, die Verantwortung übernehmen: die sich im Verein oder bei der Feuerwehr engagieren, Arbeitsplätze schaffen, forschen, lehren, Neues ausprobieren. Auch das ist Deutschland. Und darüber sollten wir öfter reden.
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp hat vor Kurzem gesagt: „Ich habe nicht geguckt, was wir nicht haben. Ich habe geguckt, was wir haben.“ Hier steckt die Kraft des Wir drin, gemeinsam auf etwas zu schauen, was man miteinander erreichen will. Vielleicht sollten wir an diesem 3. Oktober genau damit anfangen.
Susanne Schwarzbach ist seit April 2026 Chefredakteurin des Deutschlandfunk. Zuvor übte sie verschiedene Leitungsfunktionen beim WDR aus, zuletzt als stellvertretende Chefredakteurin. Susanne Schwarzbach hat in Leipzig Journalistik und Politikwissenschaft studiert. Sie ist in Brandenburg geboren und aufgewachsen.