Oslo
Navanethem Pillay: "Widme den Friedensnobelpreis den Überlebenden internationaler Verbrechen"

Die Juristin Navanethem Pillay will den ihr zugesprochenen Friedensnobelpreis den "Überlebenden internationaler Verbrechen" widmen. Derzeit befinde man sich in einem Zeitalter, in dem die Menschenrechte zunehmend angegriffen würden, sagte Pillay. Sie verwies insbesondere auf Angriffe gegen den Internationalen Strafgerichtshof.

    Navanethem Pillay steht gestikulierend vor dem Emblem der UNO
    Die Juristin Navanethem Pillay erhält in diesem Jahr den Friedensnobelpreis. (AFP / Fabrice Coffrini)
    Das norwegische Nobelkomitee hatte der südafrikanischen Juristin heute den Friedensnobelpreis zugesprochen. Das Komitee erklärte, Pillay werde für ihren mutigen Einsatz für das Völkerrecht und ihren Einsatz gegen Kriegsverbrechen und Genozid gewürdigt.
    Navanethem Pillay, auch Navi Pillay genannt, wurde 1995 an das Obere Gericht in Südafrika berufen, fünf Jahre später wurde sie Richterin und Vorsitzende des Internationalen Tribunals für Ruanda. Zwischen 2003 und 2008 war sie Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und anschließend bis 2014 UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte. Pillay leitete unter anderem eine von der UNO eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission, die Israel im vergangenen Jahr einen Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen hat.

    Glückwünsche aus aller Welt

    Die Vergabe des Friedensnobelpreises an die heute 85-jährige Pillay wurde weltweit begrüßt. Eine Sprecherin der Vereinten Nationen sagte in Genf, das sei "ein starkes Signal im Kampf für Menschenrechte". Es sei zu hoffen, dass die Verleihung andere dazu ermutige und weiterhin dazu inspiriere, sich für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte aller Menschen weltweit einzusetzen.
    Die Präsidentin des Internationalen Strafgerichtshofes, Akane, sagte, der Friedensnobelpreis für Pillay sei eine wichtige Anerkennung dafür, dass internationale Gerechtigkeit ein Eckpfeiler für dauerhaften Frieden sei.
    Der UNO-Menschenrechtskommissar Türk betonte, die Verleihung des Nobelpreises an seine Vorvorgängerin sei ein gemeinsamer Erfolg für die Menschenrechte und für alle, die sich für Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht einsetzten, unter anderem durch den Internationalen Strafgerichtshof.

    Würdigungen aus Brüssel und Berlin

    Die Präsidentin der Europäischen Kommission, von der Leyen, nannte die Preisträgerin in einer ersten Reaktion eine "Verfechterin der Verfolgten, der Schutzbedürftigen, der Stimmlosen und der Ausgegrenzten". Pillay habe sich bei ihrem Einsatz gegen die Gewalt der Apartheid in Südafrika oder gegen die Schrecken des Völkermords in Ruanda "einigen der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte" gestellt.
    Auch die deutsche Bundesregierung gratulierte Pillay und betonte, sie habe "über Jahrzehnte hinweg mit großem persönlichem Engagement und beeindruckender Beharrlichkeit für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Durchsetzung des Völkerrechts gekämpft".
    Die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Julia Duchrow, lobte die Entscheidung des Nobelpreiskomitees: "Die Auszeichnung für Navi Pillay ist das richtige Signal zur richtigen Zeit. Sie hat sich nie gescheut, Verbrechen beim Namen zu nennen – ganz gleich wer sie begangen hat." Duchrow beklagte in dem Zusammenhang, dass "genau dieser Mut" heute vielen Regierungen fehle.

    Scharfe Kritik aus Israel

    In Israel stieß die Würdigung Pillays dagegen auf scharfe Kritik. Die Wahl legitimiere "anti-israelischen Hass", erklärte das Außenministerium. Mit Blick auf den Propagandaminister der Nationalsozialisten hieß es weiter - Zitat: "Joseph Goebbels applaudiert bestimmt aus der Hölle". Pillay hatte unter anderem eine von der UNO eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission geleitet, die Israel im vergangenen Jahr Völkermord im Gazastreifen vorwarf.
    Der Friedensnobelpreis gilt als die weltweit wichtigste Auszeichnung für Verdienste um Abrüstung, Friedenssicherung und Menschenrechte. Der Preis wird vom norwegischen Nobelkomitee vergeben, das vom Parlament in Oslo eingesetzt wurde. In den vergangenen Jahren gab es allerdings auch Kritik an einigen Entscheidungen des Komitees.
    In diesem Jahr ist der Friedensnobelpreis mit zwölf Millionen Schwedischen Kronen (etwas über eine Million Euro) dotiert. 287 Kandidatinnen und Kandidaten waren nominiert, darunter 79 Organisationen. Im vergangenen Jahr wurde die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado ausgezeichnet.
    Diese Nachricht wurde am 10.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.