Der Friedensnobelpreis – eine überschätzte Ehrung?

Der Friedensnobelpreis wird oft als Ehrung für ein Lebenswerk wahrgenommen – doch das ist er nicht. Man soll ihn für konkrete Taten bekommen. Wie Friedensnobelpreisträger danach agiert haben, sorgte immer wieder für Kontroversen, insbesondere 2025. 

Von Gunnar Köhne  |
    Die Vorder- und Rückseite der Medaille für den Friedensnobelpreis sind im norwegischen Nobelinstitut in Oslo ausgestellt.
    Eine begehrte Medaille, die regelmäßig Kontroversen auslöst (picture alliance / dpa / Steffen Trumpf)
    Der Friedensnobelpreis ist wohl eine der bedeutendsten und zugleich umstrittensten politischen Auszeichnungen der Welt. Der Schwede Alfred Nobel, Erfinder des Dynamits, hatte in seinem Testament von 1895 verfügt, dass fünf vom norwegischen Parlament zu wählende Personen über die Vergabe entscheiden.
    Der Preis soll an die Person gehen, die „das meiste oder Beste für die Verbrüderung der Völker, die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Beförderung von Friedenskongressen“ geleistet hat. Die Entscheidung wird immer am Freitag der ersten Oktoberwoche bekannt gegeben.

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    Umstrittene Entscheidungen: Friedensnobelpreise an Kriegsbefürworter

    Viele Entscheidungen wurden heftig kritisiert. So finden sich unter den bis heute 140 Preisträgern auch Kriegsbefürworter wie etwa Henry Kissinger, US-Außenminister während des Vietnamkrieges. Er bekam den Preis 1973 gemeinsam mit dem vietnameschen Politiker Lê Đức Thọ für die Beendigung des Krieges.
    2019 ging der Preis an den äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed. Ahmed hatte nach jahrzehntelangen Feindseligkeiten die Aussöhnung mit dem Nachbarland Eritrea möglich gemacht. Wenige Monate nach dem Nobelpreis sandte Ahmed aber Truppen in die abtrünnige Region Tigray. Ein blutiger Bürgerkrieg war die Folge.
    „Wir können nicht in die Zukunft blicken. Wir folgen dem testamentarischen Willen Nobels und verleihen den Preis an eine Person, die jeweils im vorangegangenen Jahr einen größtmöglichen Beitrag zum Frieden geleistet hat“, sagt Berit Reiss-Andersen. Die Juristin war in der Zeit 2017 bis 2023 Vorsitzende des Nobelkomitees. „Es handelt sich um eine Würdigung einer konkret geleisteten Arbeit, die zum Zeitpunkt der Preisverleihung Bestand hat.“
    Das stimme nicht ganz, sagt der Bonner Friedensforscher Andreas Heinemann-Grüder. „Manchmal sind Hoffnungsträger prämiert worden, ohne dass sie schon Taten nachweisen konnten.“ Er erinnert an die Entscheidung für den damaligen US-Präsidenten Barack Obama 2009. Obama war erst seit neun Monaten Präsident, als er ausgezeichnet wurde – und er war gerade einmal elf Tage im Amt, als er vorgeschlagen wurde. 
    Es sind auch schon Persönlichkeiten ausgezeichnet worden, die zuvor Gewalt befürwortet oder angeordnet hatten. Die Preisträger von 1993 beispielsweise, Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk: Mandela hatte den gewaltsamen Widerstand gegen das südafrikanische Apartheid-Regime als legitim angesehen. De Klerk war als Regierungschef für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen des südafrikanischen Regimes verantwortlich. Ausgezeichnet wurden beide dennoch für ihren Einsatz zur friedlichen Beendigung der Apartheid.

    Friedensnobelpreis 2025: der bisher größte Reputationsschaden

    Die letztjährige Auszeichnung an die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado hat dem Ansehen des Preises besonders geschadet. In der Verlautbarung des Nobelkomitees heißt es, Machado werde „für ihren unermüdlichen Einsatz für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes und für ihren Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie“ ausgezeichnet. Machado konnte die Medaille nicht selbst in Empfang nehmen, da sie sich zu diesem Zeitpunkt in Venezuela im Untergrund vor dem diktatorischen Regime von Nicolás Maduro versteckte.
    Wenige Wochen später wurde Maduro bei einer Militärintervention der USA verschleppt. Kritiker der Nobelpreisentscheidung weisen darauf hin, dass die erzkonservative Machado in der Vergangenheit Militärinterventionen in ihrem Heimatland befürwortet hatte. 
    Ihre Nobelpreis-Medaille gab Machado später an den US-Präsidenten Donald Trump weiter. Das Nobelpreiskomitee sah sich genötigt, daraufhin hinzuweisen, dass Titel und Auszeichnung nicht übertragbar seien. „Man kann die Entscheidung für María Corina Machado kritisieren“, sagt Kristian Berg Harpviken, Direktor des Osloer Nobelinstituts. „Aber der Friedensnobelpreis ist keine Auszeichnung für Heilige, sondern für Menschen, die etwas bewegt haben.“
    Die Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado steht neben dem US-Präsidenten Donald Trump im Oval Office. trump hält eine Tafel in der Hand, auf der die Nobelpreis-Medaille von Machado zu sehen ist.
    Maria Corina Machado hat ihre Medaille an US-Präsident Donald Trump weitergereicht. Die Auszeichnung ist nicht übertragbar - das Ansehen des Preises hat dennoch gelitten. (picture alliance / abaca)

    Der Preis kann Träger schützen - oder gefährden

    Als Stärke des Friedensnobelpreises wird immer wieder angeführt, dass er Preisträgerinnen und Preisträger vor politischer Verfolgung und Inhaftierung schützen könne. Der in einem Straflager inhaftierte belarussische Dissident Ales Bjaljazki kam durch anhaltenden diplomatischen Druck im Dezember 2025 vorzeitig frei - wenn auch im Rahmen eines Abkommens mit den USA. 
    Doch es gibt auch Beispiele, in denen der Preis den Ausgezeichneten eher geschadet hat: Die iranische Frauenrechtlerin Narges Mohammadi, die 2023 mit dem Nobelpreis geehrt wurde, wurde danach von der iranischen Justiz sogar zu weiteren Haftstrafen verurteilt. Allein aufgrund ihrer schweren Krebserkrankung hat sie mittlerweile Haftverschonung bekommen. 
    Auch dem Chefredakteur der russischen Tageszeitung Nowaja Gaseta, Dmitri Muratow, Preisträger 2021, und der im darauffolgenden Jahr ausgezeichneten russischen Organisation Memorial hat der Preis wenig geholfen. Beide, Muratow und Memorial, werden in Russland inzwischen als „ausländische Agenten“ verfolgt.