USA: Geplanter Livestream bei Hinrichtung sorgt für Entsetzen

Nach der Ankündigung, eine Exekution live zu übertragen, wird in den USA erneut über die Todesstrafe debattiert. Dabei steht die Mehrheit grundsätzlich hinter der drakonischen Strafe. Der Historiker Volker Depkat spricht von einer "Gewaltkultur".

    Amokläufer Nidal Hasan in orangener Häftlingskleidung
    Der Amokläufer Nidal Hasan tötete vor 17 Jahren 13 Menschen: Nun soll er im Dezember vor laufenden Kameras erschossen werden. (picture alliance / AP Photo / Uncredited)
    Am 3. Dezember soll der Amokläufer von Fort Hood, Nidal Hasan, von einem Militärkommando erschossen werden. Der ehemalige Militärpsychiater hatte im November 2009 auf dem texanischen Armee-Stützpunkt 13 Menschen getötet und wurde später von einem Militärgericht zum Tode verurteilt.
    US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich selbst als Kriegsminister bezeichnet, hat angekündigt, die Vollstreckung des Todesurteils live ins Internet zu übertragen. Das hat Unterstützer und Gegner der Todesstrafe in den USA neu mobilisiert. Das Entsetzen ist groß - auch bei einigen Befürwortern der drakonischen Strafe.

    Inhalt

    Entsetzen und Empörung über Parteigrenzen hinweg

    Die Ankündigung, die Hinrichtung Nidal Hasans live zu übertragen, hat in den USA und international Empörung hervorgerufen. Selbst in der Regierung Trump scheint sie für Unbehagen zu sorgen: Vizepräsident JD Vance kündigte an, sich die Livebilder nicht anzuschauen.
    Auch der Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Johnson, äußerte Vorbehalte. "Die Sorge wäre, dass man ein Video produzieren würde, das als Rekrutierungsinstrument für zukünftige Terroristen dienen könnte", sagte er in einem Interview.
    Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte die öffentliche Hinrichtung mit der abschreckenden Wirkung begründet. "Menschen müssen verstehen, dass die Morde schwerwiegende Konsequenzen haben", erklärte er. US-Präsident Trump sagte dazu, er sei in die Entscheidung nicht involviert gewesen, verstehe sie aber.

    Öffentliche Hinrichtungen in den USA

    Die letzte öffentliche Hinrichtung fand in den USA 1936 in Kentucky statt. Allerdings gab es auch später noch Todesurteile, bei deren Vollstreckung eine ausgewählte Anzahl von Menschen zusah - beispielsweise bei der Hinrichtung des Oklahoma-Bombers Timothy McVeigh 2001.
    Damals wurde die Exekution für über 200 Überlebende und Angehörige der Opfer per Satellitenleitung live in ein Auditorium in Oklahoma City übertragen. Die Bereitstellung von Filmmaterial zu Hinrichtungen habe in den USA durchaus eine "kulturelle Tradition", sagt die Amerikanistin Barbara Buchenau.
    Der Historiker Jürgen Martschukat prognostiziert, dass die Hinrichtung von Hasan zum Event wird: "Es wird Leute geben, die sich treffen, um dann den Livestream gemeinsam anzuschauen", sagt er. Dass die öffentliche Vollstreckung eines Todesurteils abschreckende Wirkung hat, glaubt Martschukat nicht. Es gebe es zahlreiche Untersuchungen, die belegten, dass das nicht der Fall sei. Hier gehe es nur darum, Macht und Stärke zu demonstrieren.
    Das letzte Wort zur öffentlichen Übertragung der Hinrichtung ist nach seiner Einschätzung noch nicht gesprochen. Denn der achte Zusatzartikel der US-Verfassung verbietet grausame und ungewöhnliche Bestrafungen. Und eine öffentliche Hinrichtung sei "sehr ungewöhnlich" und könne sicher auch als grausam definiert werden, betont der Historiker. Vermutlich werde die Sache deswegen vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof, landen.

    Mehrheit in den USA für die Todesstrafe

    Nicht nur die angekündigte Live-Exekution von Nidal Hasan, auch die fehlgeschlagene Hinrichtung der wegen Mordes verurteilten Christa Pike lässt die Debatte über die Todesstrafe in den USA erneut aufflammen. In fast der Hälfte der US-Staaten wird die Todesstrafe nicht mehr vollstreckt. Eine Abschaffung im ganzen Land zeichnet sich auf absehbare Zeit jedoch nicht ab.
    Zwar hat der Rückhalt in der Bevölkerung für die Todesstrafe in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen. Laut einer Umfrage des Pew Research Center vom August 2026 sprechen sich aber noch immer 66 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner für sie aus, nur 32 Prozent sind explizit dagegen. Nach wie vor gebe es "einen parteien- und kulturkampfübergreifenden Konsens", dass die Todesstrafe an sich nicht grundsätzlich unmenschlich sei, sagt die Amerikanistin Buchenau.

    Zustimmung über Parteigrenzen hinweg für "Law and Order"

    Auch der Historiker und USA-Experte Volker Depkat verweist auf eine historisch gewachsene "Law and Order"-Kultur. So setze das Strafrecht in den USA nicht primär auf Resozialisierung: "Es ist ein auf Bestrafung - und auch durchaus auf drakonische Bestrafung - zielendes System der Strafjustiz."
    Die Idee des "Tough on Crime", also des harten Vorgehens gegen Kriminalität, werde dabei weit über die politischen Lager hinaus geteilt: "Mit einer Kampagne für humanen Strafvollzug gewinnt man in den USA seit 1980 keine einzige Wahl mehr, und das wissen alle politischen Akteure."
    Unter US-Präsident Donald Trump gebe es nun zusätzlich einen neuen Resonanzboden für diese Art von "Gewaltkultur", so Depkat. Das zeigt schon die Statistik: Die Anzahl der vollstreckten Todesstrafen hat während Trumps Amtszeit zugenommen. Im vergangenen Jahr wurden 47 Menschen exekutiert - die höchste Zahl seit 2009. Seit Anfang 2026 gab es bereits 30 Hinrichtungen.

    Onlinetext: Leila Knüppel, Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen