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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Ohnmacht der Ausgegrenzten16.11.2015

KapitalismuskritikDie Ohnmacht der Ausgegrenzten

Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Armut und Vertreibung sind laut der Soziologin Saskia Sassen Formen eines Phänomens, das sie als Ausgrenzung bezeichnet. In ihrem gleichnamigen Buch äußert sie deutliche Kritik an der Ursache dieser Ausgrenzungen.

Von Anne-Kathrin Weber

Plakat an einem Berliner Haus: "Markt oder Mensch?" (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Kapitalismuskritik: Ausgrenzung als Übel. (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
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Saskia Sassen formuliert eine fundamentale Kritik am modernen Kapitalismus, der ihrer Ansicht nach nicht Wohlstand bringt, sondern Armut, zumindest für weite Teile der Weltbevölkerung. Die Soziologin bringt für diese These mehrere Fallbeispiele. So sieht sie etwa in Griechenland das Opfer einer – Zitat - "ökonomischen Säuberung". Ziel der Gläubiger sei es immer gewesen, die griechische Volkswirtschaft neoliberalen Prämissen zu unterwerfen:

"Im Rahmen dieser Umstrukturierung scheint ein Projekt darin zu bestehen, die zunehmend privatisierte und von Unternehmen bestimmte Wirtschaft in Gang zu halten, indem man überhöhte Aufwendungen im Zusammenhang mit Gesellschaftsverträgen loswird. Schuldentilgung und Sparprogramme sind Disziplinierungsmechanismen, die diesem größeren Vorhaben dienen, eine bestimmte Form der Wirtschaft zu schützen."

Viele Beispiele für die These

Von Griechenland geht es in die USA: Dort sitze derzeit jeder hundertste Bürger im Gefängnis, schreibt Sassen. Von den steigenden Häftlingszahlen profitiere das zunehmend privatisierte Gefängnissystem. Hier sei ein boomender Wirtschaftszweig entstanden, in dem Häftlinge zum einen verwahrt und zum anderen weit unter Mindestlohn zu Arbeit gezwungen würden.

"Die massenhafte Inhaftierung gibt es in extremen Diktaturen schon lange. Heute zeigt sich aber auch, dass sie untrennbar mit dem fortgeschrittenen Kapitalismus verbunden ist, wenn auch über das formelle Bindeglied des Verbrechens."

Ein weiteres Fallbeispiel: La Oroya, eine Stadt im Hochland von Peru, die gezeichnet ist vom aggressiven Bergbau. Untersuchungen zufolge litten noch 1999 fast alle Kinder der Stadt an einer Bleivergiftung. Große Teile der Bevölkerung seien zudem erhöhten Konzentrationen von Giftstoffen wie Cadmium und Arsen ausgesetzt gewesen. 2009 wurde die Produktion in der gefährlichen Anlage eingestellt. Daraufhin hätten die Mitarbeiter für eine Wiedereröffnung des Betriebs gestreikt, schreibt Sassen:

"Obwohl sie über die Umwelt- und Gesundheitsprobleme, die ihre Gemeinde wegen der Bergbauanlagen heimsuchten, genau Bescheid wussten, konnten die Mitarbeiter ohne Arbeit nicht länger durchhalten."

Griechenland, USA, Peru: Was nach lokal beschränkten Einzelfällen von Ungerechtigkeit und Ausbeutung aussieht, hat in Sassens Interpretation System. Für die Soziologin sind Beispiele wie diese deutliche Symptome eines Phänomens, das sie als "Ausgrenzung" bezeichnet. In allen drei Fällen würden Menschen von ihren Arbeitsplätzen, ihrem Lebensraum, von einem gesunden Leben ausgegrenzt.

Missstände aufgrund von Ausgrenzungen

Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger, erhöhte Selbstmordraten, Umweltzerstörung in allen Teilen der Welt – viele dieser Missstände sind Sassen zufolge der Ausgrenzung geschuldet. Die Soziologin macht Ausgrenzung dabei auf wirtschaftlicher, ökologischer, gesellschaftlicher und geografischer Ebene aus.

"Staatsbedienstete in Griechenland, die im Namen der EU-Forderungen zur Schuldenverringerung von ihren Arbeitsplätzen vertrieben wurden, reihen sich in die Masse der Arbeitslosen ein; als frühere Staatsdiener sind sie nicht mehr zu erkennen. Tote Landstriche, vergiftet durch die Emissionen von Fabriken oder Bergbau, werden aus den funktionierenden Flächen ausgegrenzt und vergessen."

Obendrein seien alle diese Entwicklungen miteinander verwoben: Es sei eben kein Zufall, wenn an einem Ort Menschen ihre Häuser verlieren, weil ihnen minderwertige Kredite angedreht worden waren, während anderswo internationale Investoren ganze Regionen und Städte aufkaufen.

Erdbeben durch Fracking, privatisierte Wasserversorgung, weltweite Fluchtursachen – Saskia Sassen, die an der New Yorker Columbia-Universität Soziologie lehrt, bringt all diese Beispiele miteinander in Verbindung. Sie sieht darin klare Hinweise auf - Zitat - "unterirdische Trends", die wir mit vertrauten Kategorien nicht mehr erklären könnten. Diese Trends seien Teil eines Systems, das diese Ausgrenzung in ihren verschiedenen Spielarten aggressiv vorantreibe. Dieses System sei hochkomplex, äußerst brutal – und kaum zu erkennen:

"Eine neue Dynamik kann durchaus durch die vertraute, bedrückende Realität – Armut, Ungleichheit, Wirtschaft, Politik – gefiltert werden und nimmt dann vertraute Formen an, obwohl sie in Wirklichkeit eine Beschleunigung oder Zerstörung kennzeichnet, durch die sie einen neuen Sinn annimmt."

Letztlich Kritik am globalisierten Neoliberalismus

Was Sassen mit diesen eher mystisch und vage klingenden Begriffen meint, ist letztlich der globalisierte Neoliberalismus. Er bedrohe zunehmend Mensch und Umwelt im großen Stil und in jedem Teil der Erde. Sassen geht vor allem mit den globalen Finanzinstitutionen wie Internationalem Währungsfonds, Weltbank und Europäischer Zentralbank hart ins Gericht. Allerdings gebe es nicht mehr nur einen konkret auszumachenden "Unterdrücker". Stattdessen sei ein komplexes Geflecht aus Personen, Netzwerken und Technologien für die globale Ausgrenzung verantwortlich. Dieses Geflecht bezeichnet Sassen als "räuberische Formation":

"(D)Damit meine ich eine Mischung aus Eliten und systembedingten Fähigkeiten, die eine akute Konzentration vorantreiben, wobei das Finanzwesen die entscheidenden Voraussetzungen schafft."

Die Autorin will den Zusammenhang zwischen den ganz konkreten Konsequenzen dieser "räuberischen Formationen" aufdecken, aber auch die Komplexität der Vorgänge darstellen. Das gelingt Sassen mit einer Vielzahl an Beispielen, die sie zur Illustration ihrer Thesen heranzieht – dazu gehört allerdings auch eine ermüdend große Datenmenge.

Die Systemkritik, die die renommierte Globalisierungs- und Städteforscherin übt, ist sicher nicht neu – derzeit haben Streitschriften über den Neoliberalismus wieder besonders Konjunktur. Mit ihrem Fokus auf das Phänomen der Ausgrenzung gelingt es Sassen jedoch, wichtige Verbindungslinien zwischen Ursachen und Folgen eines enthemmten globalen Kapitalismus punktuell offenzulegen. Sie liefert damit zusätzliche Argumente für eine kritische Debatte über Globalisierung und Kapitalismus.

Sassen macht mit ihren Beispielen deutlich, dass Krisen systemimmanent und erwünscht sind; dass sozialer Wohlstand für die Mehrheit hingegen auf der Strecke bleibt.

"Für diejenigen, die sich in der Gesellschaft ganz unten oder in der armen Mitte befinden, bedeutet das Ausgrenzung aus einem Lebensraum; für die an der Spitze bedeutet es offenbar, dass sie sich durch Rückzug, extreme Konzentration des in einer Gesellschaft verfügbaren Reichtums und die fehlende Neigung, diesen Reichtum neu zu verteilen, aus der Verantwortung einer Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft verabschieden."

Buchinfos:
Saskia Sassen: "Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft", S. Fischer Verlag, 320 Seiten, Preis: 24,99 Euro

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