Antisemitismus in Deutschland – Judenhass von allen Seiten

Jüdinnen und Juden in Deutschland werden immer häufiger angefeindet. Judenhass kommt dabei nicht allein von rechtsextremen Gruppen. Wie verbreitet ist Antisemitismus inzwischen?

    Ein Mann mit einer Israel-Flagge steht vor der Synagoge in Halle (Saale), wo Blumen und Kerzen stehen und liegen.
    Antisemitismus in seiner radikalsten Form: Am 9. Oktober 2019 verübte ein rechtsextremer Attentäter einen Anschlag auf die Synagoge von Halle (Saale). (picture alliance / Jan Woitas)
    Am 9. Oktober erinnerte eine Gedenkveranstaltung an den rechtsextremen Anschlag von 2019 in Halle. Auch der kurz zuvor gewählte Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, reiste zum Gedenken an. Er ist AfD-Politiker und gilt als rechtsextremer Vordenker. Jüdische Studierende verhinderten seine Teilnahme, indem sie eine Menschenkette bildeten und ihn nicht in den Innenhof der Synagoge hineinließen. Nun erhalten sie Morddrohungen und die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt gegen sie, weil sie den AfD-Politiker als „Nazi“ beleidigt haben sollen.  
    Es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt, wie sie Jüdinnen und Juden in Deutschland in den letzten Jahren immer häufiger erleben. Viele fühlen sich hierzulande nicht mehr sicher, weil sie Antisemitismus von allen Seiten erfahren: von links, von rechts, aus der Mitte der Gesellschaft und aus der migrantischen Community. 

    Inhalt

    Wie verbreitet ist Antisemitismus in Deutschland?

    Die Zahl der antisemitischen Straftaten hat seit 2010 kontinuierlich zugenommen und ist im Jahr 2023 noch einmal deutlich angestiegen, nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober und dem darauf folgenden Kampf des Landes gegen die Terrororganisation. Im Jahr 2025 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) einen Höchstwert von 6.548 antisemitischen Delikten. Die Zahl beinhaltet nur die gemeldeten Straftaten. Die Täter waren mehrheitlich dem rechten Spektrum zuzuordnen oder hingen dem BKA zufolge einer aus dem Ausland stammenden separatistischen, rechten oder linken Ideologie an.    
    Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) listet auch nicht-strafbare antisemitische Vorfälle und kommt für das Jahr 2025 bundesweit auf insgesamt 8.725 Vorfälle. Das entspricht im Schnitt mehr als 20 antisemitischen Vorfällen pro Tag. Dazu zählen Gewalt, Angriffe und Bedrohungen, online wie offline. Die Taten richteten sich vor allem gegen jüdische oder israelische Institutionen und gegen jüdische oder israelische Einzelpersonen sowie gegen solche, die für Juden oder Israelis gehalten wurden. 

    Wie sich Antisemitismus in Deutschland verändert hat

    Seit dem 7. Oktober 2023 habe eine „Enthemmung des Hasses“ stattgefunden, sagt die Soziologin Julia Bernstein. Sie forscht zu Antisemitismus. Antisemitismus kommt inzwischen aus allen Richtungen: von Rechtsextremisten, pro-palästinensischen Aktivisten, aus der muslimischen Community und der antiimperialistischen Linken.
    Viele Formen des Antisemitismus sind aber keine Straftaten, deshalb sei die jüdische Bevölkerung auf Zivilcourage angewiesen. Doch die Gesellschaft toleriere den erstarkenden Antisemitismus, kritisiert Julia Bernstein.   

    Lange unterschätzt: Antisemitismus von Links 

    Oft seien sich Linke ihrer antisemitischen Haltung nicht mal bewusst, sagt der Autor und Essayist Richard Schuberth: Weil die Linken davon überzeugt seien, „automatisch auf der Seite der Richtigen, der Guten zu sein, glauben sie, dass sie sich von einer kritischen Selbstreflexion ausschließen können, quasi automatisch immun sein gegen solche bösen Dinge wie Antisemitismus. Und das ist natürlich ein epochaler Irrtum, weil Antisemitismus ist ein Set aus verschiedenen Dispositionen, die wirklich alle gesellschaftlichen Gruppen und Gesinnungen befallen können.“   
    Der linke Antisemitismus wurde in den späten 1960er-Jahren geboren. Auslöser war der Sechstagekrieg zwischen Israel, Ägypten, Syrien und Jordanien 1967. Die linke Bewegung habe den Widerstand der Palästinenser zum „symbolischen Leitkonflikt“ erhoben und als Befreiung von kolonialer Herrschaft verstanden, erklärt Richard Schuberth. 

    Wo Juden Antisemitismus erleben

    Eine bundesweite Studie zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland ergab, dass viele Jüdinnen und Juden immer häufiger Diskriminierung und Antisemitismus im Alltag erleben, beispielsweise, wenn sie U-Bahn fahren, in der Schule, an den Uni, im Berufsleben. In der Folge ziehen sich manche zurück, meiden bestimmte Orte, tragen den Davidstern nicht mehr sichtbar oder sprechen in der Öffentlichkeit nicht Hebräisch. 
    Inzwischen hätten viele Jüdinnen und Juden existenzielle Angst, sagt Hanna Veiler, Publizistin und Präsidentin der European Union of Jewish Students. Sie seien wütend und verzweifelt, entrüstet und erschöpft zugleich.
    Jüdinnen und Juden würden häufig für die Taten der israelischen Regierung verantwortlich gemacht. Pro-palästinensische Proteste fänden vor Synagogen oder anderen jüdischen Institutionen statt, aber nicht vor der israelischen Botschaft.  
    „Das erkennen viele Menschen überhaupt nicht, dass das, was sie wiedergeben, eben keine legitime Kritik an einer Regierung ist, sondern wirklich auf uralten Stereotypen, Vorurteilen und Antisemitismus basiert, aber in einer modernen Sprache daherkommt“, sagt Hanna Veiler.  

    Antisemitismus an deutschen Unis

    Vor allem an Universitäten sei Antisemitismus weit verbreitet, sagt Ron Dekel, Präsident der Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD): 

    Es sind kleine Universitäten, es sind große Universitäten. Ich glaube, man kann gerade nicht als Jude in Deutschland studieren, egal wo, ohne Antisemitismus zu erleben.

    Ron Dekel, Präsident der Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD)
    Konkret bedeute das, dass manche jüdische Studierende ihre Seminare und Vorlesungen so planen, dass sie möglichst nicht an den Protestcamps vorbeikommen, wenn sie sich über den Campus bewegen. Dass sie internationale Studiengänge wählen, um auch im Ausland Jobs zu finden. Dass eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Lehre kaum stattfindet und sich jüdische Studierende allein gelassen fühlen.  
    Inzwischen fragten sich einige nicht mehr, ob sie aus Deutschland auswandern, sondern wann es so schlimm werde, dass man gezwungen sei, das Land zu verlassen, sagt der Studierendenvertreter Ron Dekel. 

    Onlinetext: Kristina Reymann-Schneider; Quellen: Deutschlandfunk, KNA, BKA, RIAS, KOAS