Wahl in Brasilien: Lula gegen Bolsonaro Junior

Bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien stehen sich Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, gegenüber. Der Ausgang der Wahl dürfte Auswirkungen auf die gesamte Region haben.

    Handtücher mit den Porträts der Kandidaten für die Präsidentschaftswahl in Brasilien am 4. Oktober 2026 - Luiz Ignácio  Lula da Silva und Flávio Bolsonaro hängen auf einer Leine.
    Richtungswahl für Brasilien: Der als rechtsradikal geltende Flávio Bolsonaro will den linken Amtsinhaber Lula da Silva als Präsident ablösen (AFP / SERGIO LIMA)
    Bei der Präsidentenwahl am 4. Oktober 2026 in Brasilien geht es unter anderem um die Frage, ob Brasilien souverän bleibt oder ob die USA ihren Einfluss ausbauen können.
    Letzteres wird erwartet für den Fall, dass Flávio Bolsonaro gewinnt. Er ist der Sohn von dem als rechtsradikal geltenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro und will dessen Politik weiterführen.
    Wie ist die Situation aktuell in Brasilien? Welche Themen sind im Wahlkampf wichtig? Und: Was steht auf dem Spiel?

    Inhalt

    Polarisierung bei der Präsidentenwahl in Brasilien

    Am 4. Oktober stehen in Brasilien gleich mehrere Wahlen an: Präsidentschafts-, Kongress-, Gouverneurs- und Landesparlamentswahlen.
    Im Mittelpunkt steht die Präsidentenwahl zwischen zwei politisch sehr unterschiedlichen Kandidaten.
    Die Gründe für diese Situation liegen vor allem in den beiden aussichtsreichsten Kandidaten. Das ist zum einen: der amtierende linke Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva von der brasilianischen Arbeiterpartei. Der inzwischen 80-Jährige bewirbt sich um eine vierte Amtszeit.

    Gefährdung der Demokratie?

    Doch eine Rückkehr des Bolsonarismus aus der Amtszeit seines Vorgängers, Jair Bolsonaro, ist nicht ausgeschlossen. Denn Jair Bolsonaros ältester Sohn, Senator Flávio Bolsonaro von der brasilianischen Liberalen Partei, kandidiert ebenfalls. Er identifiziere sich mit seinem Vater und mache damit seinen Wahlkampf, sagt Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Letztlich sei er rechtsradikal.
    Flávio Bolsonaro habe angekündigt, seinen Vater für den Fall, dass er an die Macht komme, zu begnadigen, erklärt Zilla. Ex-Präsident Jair Bolsonaro verbüßt eine 27-jährige Haftstrafe. Das Oberste Gericht hatte ihn wegen der Planung eines Staatsstreichs nach seiner Wahlniederlage 2022 verurteilt. Nicht nur aus diesem Grund sähen viele die brasilianische Demokratie gefährdet, so Zilla.
    Zahlreiche Wählerinnen und Wähler seien der Meinung: „Hier geht es nicht um die politische Ausrichtung der Regierung, sondern um die Zukunft der Demokratie in Brasilien“.
    In der brasilianischen Gesellschaft sei eine Polarisierung zu erkennen, erklärt Zilla. Denn sowohl die Zustimmung als auch die Ablehnung gegenüber beiden Kandidaten – Lula und Bolsonaro – seien sehr hoch.

    Die wirtschaftliche Situation in Brasilien

    Die Politologin Claudia Zilla bewertet Lulas Bilanz vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik recht positiv. Zum Beispiel wachse die brasilianische Wirtschaft stärker als die der USA und der EU. Auch habe die Armut reduziert werden können.
    Allerdings ist der Haken dabei: „Es gibt eine hohe Staatsverschuldung“, so Zilla. Deswegen planten beide Kandidaten, sowohl Bolsonaro als auch Lula, im nächsten Jahr den Haushalt in Ordnung zu bringen. Weiterer Negativpunkt: „Der Leitzins ist sehr hoch.“ Das mache Kredite in Brasilien sehr teuer. Möglicherweise sei das ein Grund dafür, dass die Produktivität nach wie vor in vielen Wirtschaftssektoren niedrig ist. Für die Bevölkerung seien die Fortschritte in der Wirtschaftssituation nicht unbedingt im Alltag spürbar.
    Denn die Lebenshaltungskosten in Brasilien seien hoch, so Zilla. Viele private Haushalte seien verschuldet – trotz der Entschuldungsprogramme für ärmere Haushalte, die Lula und seine Regierung bereits aufgelegt hätten.

    Wahlkampfthema Nr. 1: Kriminalität

    Für fast die Hälfte der Wahlberechtigten in Brasilien sind Kriminalität und öffentliche Sicherheit das zentrale Thema bei der bevorstehenden Wahl.
    Die Mordrate liegt zwar erstmals seit Beginn der Erhebung für das Jahrbuch für öffentliche Sicherheit unter 20 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Gleichzeitig wurden demnach im Jahr 2025 so viele Menschen wie noch nie durch Polizeigewalt getötet.
    Die Polizeigewalt ist im vergangenen Jahr um fünf Prozent gestiegen – mehr als 80 Prozent der Opfer sind schwarze Menschen.
    Auch bei Femiziden stiegen die Zahlen: Im Jahr 2025 wurden 1.571 Frauen ermordet.

    Was die Kandidaten wollen

    Bolsonaro setze auf einprägsame Slogans, die die Ängste der Menschen ansprechen, sagt Soziologin Maria Isabel Couto. Als politische Maßnahmen hingegen verspreche er genau das, was der Bundesstaat Rio de Janeiro schon seit Jahrzehnten macht, etwa die Errichtung von Hochsicherheitsgefängnissen oder die Einführung härterer Strafen.
    Doch die von Bolsonaro vorgeschlagenen härteren Strafen seien „größtenteils nicht vereinbar mit verfassungsrechtlichen Normen“, so Couto. Und in Rio de Janeiro hätten sie nicht zum Erfolg geführt.
    Das Programm der Lula-Regierung sei viel solider, so Maria Couto. Es gehe die wichtigsten Probleme an, etwa die Finanzströme krimineller Gruppen trockenzulegen und gegen bewaffnete Gruppen zu ermitteln. Doch ein großes Problem sei die Glaubwürdigkeit. Lula habe etwa ein eigenes Ministerium für öffentliche Sicherheit bereits in seiner letzten Amtszeit versprochen.

    Präsidentenwahl als Richtungsentscheidung

    Diese Wahlen in Brasilien hätten eine große geopolitische Bedeutung, sagt Politologe David Magalhães von der Katholischen Universität São Paulo. Brasilien sei das letzte große Land Lateinamerikas, das noch nicht rechtsgerichtet und in den Pro-Trump-Block eingeschwenkt sei.
    Trump habe Lateinamerika mit seiner neuen nationalen Sicherheitsstrategie, wieder zum "Hinterhof” der USA erklärt, sagt Magalhães.
    Damit versuchen die USA, den Einfluss Chinas in der Region zurückzudrängen.
    Bei dieser Wahl geht es um die Richtungsentscheidung: pro Trump oder für nationale Souveränität und diplomatischen Pragmatismus. Es geht um zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Rolle Südamerikas größte Demokratie in der Region einnehmen soll.
    Die Wahlen in Brasilien entscheiden damit auch darüber, wie sich Brasilien in Zukunft gegenüber den USA positioniert. Bei einem Sieg Flavio Bolsonaros sei eine engere Zusammenarbeit mit der Regierung von Donald Trump zu erwarten, sagt Lateinamerika-Expertin Claudia Zilla.

    Radiobeitrag: Azadê Peşmen / Onlinetext: Annette Bräunlein