
Erst der US-Militäreinsatz in Venezuela, dann möglicherweise Kolumbien, Kuba oder Mexiko? Und dann ist da auch noch Grönland. Die USA mischen sich so offen in andere Länder der westlichen Hemisphäre ein wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dahinter steckt die "Monroe-Doktrin", die US-Präsident Donald Trump für seine Ziele jedoch neu interpretiert hat.
Die Monroe-Doktrin: Eine alte Strategie
Der fünfte Präsident der USA, James Monroe, hat die nach ihm benannte Doktrin 1823 in einer Rede vor dem Kongress formuliert. Es ging um die Leitlinien der künftigen Außenpolitik des damals jungen Staates. Entscheidender Hintergrund der Doktrin sind die Unabhängigkeitsbestrebungen lateinamerikanischer Länder im 19. Jahrhundert. Die USA hatten sich selbst erst wenige Jahrzehnte zuvor die Unabhängigkeit von der englischen Krone erkämpft. Andere Territorien auf dem amerikanischen Kontinent waren jedoch in der Hand der Kolonialmächte Frankreich, Spanien oder Portugal.
Die USA unterstützten deren Unabhängigkeitsbestrebungen – auch, um den europäisch-kolonialen Einfluss in Amerika zurückzudrängen. Monroe fasste Lateinamerika als politischen und wirtschaftlichen Erweiterungsraum der USA auf – deren sogenannten „Hinterhof“. Er wollte Einfluss auf diese Länder nehmen können, um künftige europäische Einmischungen auszuschließen. „Amerika den Amerikanern“ lautete die Formel.
Gleichzeitig erklärte Monroe in der Doktrin, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Europas einmischen zu wollen. Wirksam wurde diese Leitlinie beispielsweise im Ersten Weltkrieg. Die USA griffen mit eigenen Soldaten erst sehr spät ein, im April 1917, also etwa anderthalb Jahre vor Ende des Krieges. Dieses Eingreifen der USA gilt gleichzeitig als Ende der Monroe-Doktrin.
„Donroe-Doktrin“: Neue Ausrichtung auf China
In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA wird der westlichen Hemisphäre – also insbesondere Nord- und Südamerika – Vorrang eingeräumt. Damit hebt sich die aktuelle US-Regierung strategisch deutlich zu vielen Vorgänger-Regierungen ab – und auch von der Politik in der ersten Amtszeit Donald Trumps. In dem Dokument heißt es:
Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin erneut bekräftigen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und unser Heimatland sowie unseren Zugang zu strategisch wichtigen Gebieten in der gesamten Region zu schützen.
Der derzeitige US-Präsident transformiert die Leitlinie seines Vorgängers Monroe in die „Donroe-Doktrin” – eine Wortschöpfung der „New York Post“ mit dem D für "Donald". Nach der US-Militäraktion in Venezuela hat Donald Trump den Begriff auch selbst verwendet.
Doch es zeigt sich ein entscheidender Unterschied zu der historischen Leitlinie: Galt die Warnung Monroes noch den europäischen Kolonialmächten, richtet sich die „Donroe-Doktrin“ unausgesprochen vor allem an China.
Denn: China habe einen sehr großen Einfluss in der Region, betont der US-amerikanische Politikwissenschaftler Colin Dueck: „Es ist für alle Länder Südamerikas der zentrale Handelspartner, auch in Zentralamerika sehr einflussreich, und hat massiv in Infrastruktur und Hafenanlagen investiert, Entwicklungshilfe geleistet.”
Damit hat sich China einen Einfluss in Lateinamerika gesichert, den die US-Regierung als Gefahr für die eigene nationale Sicherheit betrachtet. Eine große Sorge in den USA, auch wenn der Name China in der Nationalen Sicherheitsstrategie im Kapitel über die Westliche Hemisphäre kein einziges Mal fällt.
In der US-Administration herrsche in diesem Punkt breite Übereinstimmung, so Dueck. Selbst „Neo-Isolationisten“ unterstützten die Idee, sich entschlossen in der Region zu engagieren – weil sie so nahe an ihrer Heimat liege.
Die Strategie der „Donroe-Doktrin“ umfasst:
- befreundete Nationen in der Region enger an sich zu binden,
- neue Abhängigkeiten zu schaffen,
- und jeder Form der Opposition zur Not mit massivem Druck entgegenzutreten.
Der Erfolg gegen China ist umstritten
Die Trump-Regierung sei dem Ziel, ihren Einfluss in der westlichen Hemisphäre auszudehnen und sich auf dem amerikanischen Doppelkontinent zu behaupten, näher gekommen, so Colin Dueck. Die dabei eingesetzten Mittel seien vielfältig: militärischer, ökonomischer und politischer Druck sowie Bündnisse. Auch wenn die neue Strategie nicht perfekt sei, gebe es Anzeichen für einen Erfolg: Viele Länder Lateinamerikas seien bereit, den Kurs der US-Regierung mitzugehen, so Dueck, ob aus Not oder aus Überzeugung. Dadurch werde der chinesische Einfluss langsam, aber sicher zurückgedrängt.
Der Wirtschaftswissenschaftler Enrique Dussel bezweifelt allerdings, ob der Einfluss Chinas aus Südamerika tatsächlich verdrängt werde. Im Gegenteil: Die Präsenz Chinas in Lateinamerika werde weiterwachsen, so Dussel: „In zehn Jahren ist es nicht ausgeschlossen, dass China sagt: ‚Du kannst in diesem Land nicht einfach intervenieren‘, weil es bereits unser strategischer Partner ist.“
Venezuela und Kuba – Beispiele für US-Einflussnahme
Ein erster Anwendungsfall der neuen Strategie war das US-Vorgehen in Venezuela. Im Januar 2026 wurde der autoritär regierende Staatschef Nicolás Maduro bei einer Kommandoaktion des US-Militärs festgenommen, die bisherige Vize-Präsidentin Rodríguez übernahm die Amtsgeschäfte. Einen grundsätzlichen politischen Wandel leitete die autoritäre Führung des südamerikanischen Landes aber nicht ein.
Ein Übergang zur Demokratie sei jedoch nicht das Ziel der US-Militäraktion, so der Politologe Jesús Renzullo: „Trumps Interesse gilt der Bekräftigung der amerikanischen Vorherrschaft auf dem amerikanischen Kontinent. Das bedeutet, dass eine Demokratie für das Weiße Haus vielleicht weniger vorteilhaft ist als eine ihm wohlgesinnte Diktatur.“
Konkret bedeuten die US-Ziele:
- Venezuela soll sich wirtschaftlich und geopolitisch neu ausrichten, weg von Russland und China,
- und US-Investitionen sollen erleichtert, amerikanische Importe bevorzugt werden.
Im Zentrum der US-Interessen steht dabei der Erdölreichtum des Landes, daraus macht US-Präsident Donald Trump keinen Hehl.
Ein weiterer Fall für die neu ausgerichtete Außenpolitik der USA könnte Kuba werden. Die Beziehungen zwischen Havanna und den USA sind zwar bereits seit der sozialistischen Revolution unter der Linken-Ikone Fidel Castro vor fast 70 Jahren angespannt. Doch derzeit wird Kuba von den USA zunehmend unter Druck gesetzt, insbesondere seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. So ließ Trump die Karibikinsel seit Dezember 2025 weitgehend vom Zugang zu Erdöl abschneiden und auf die US-Terrorliste setzen.
Zusätzlich äußerte der US-Präsident jüngst, dass er glaube, „die Ehre“ zu haben, Kuba „in irgendeiner Form zu übernehmen“ oder zu „befreien“. US-Außenminister Marco Rubio sprach zudem „von notwendigen wirtschaftlichen Reformen auf der Insel“ – möglicherweise als Schritt, um später auch eine politische Öffnung zu erreichen.
Eine militärische Intervention in Kuba ist nach Einschätzung von Experten zwar unwahrscheinlich, doch auch in Kuba ziele Trumps Politik nicht auf Demokratisierung, sondern auf eine strategische Neuordnung der Region unter amerikanischer Führung. Sollten die USA jedoch auch in Kuba militärisch eingreifen, würden die Machthaber in China und Russland das sicherlich nicht übersehen, meint der Politikwissenschaftler Andrew Denison.
Einflussnahme in Lateinamerika: Bündnisse und bilaterale Deals
Militärischer oder wirtschaftlicher Druck sind jedoch nicht die einzigen Mittel der US-Regierung. Auch mit bilateralen Deals werden lateinamerikanische Länder enger an die USA gebunden, so Colin Dueck. Beispielsweise mit Wirtschaftshilfen in Milliardenhöhe für Argentinien oder dem Deal mit El Salvador, das im Gegenzug für Unterstützung abgeschobene Migranten für die USA interniert.
Ein weiteres Beispiel ist das Bündnis „Shield of the Americas“, ein Zusammenschluss der USA mit 17 rechtskonservativen Regierungen der Region, darunter Argentinien, El Salvador, Honduras und Panama. Das erklärte Ziel des Bündnisses ist der gemeinsame Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität und Drogenhandel. Auch sollen Einwanderung und „ausländische Einflussnahme“ eingedämmt werden. Gemeint sind vor allem Russland und China.

Bei dem Bündnis fehlen allerdings drei Länder: Mexiko, Kolumbien und Brasilien. Staaten, die vom Drogenhandel besonders stark betroffen sind. Das Nachbarland Mexiko beispielsweise teilt eine mehr als 3.000 Kilometer lange Grenze mit den USA – zentral für Drogenhandel und Migration.
Eine gemeinsame Antwort Mexikos, Brasiliens und Kolumbiens auf den amerikanischen Führungsanspruch gibt es nicht. Die wirtschaftliche Abhängigkeit ist groß: Über 80 Prozent der mexikanischen Exporte etwa gehen in die USA. Zölle, Sanktionen und Einreisesperren sind zudem wirksame Druckmittel Trumps und für die Staatschefs der betroffenen Länder Risiken.
Die Folgen für Europa und Deutschland
Konsequent angewandt bedeutet eine neue Monroe/„Donroe“-Doktrin, dass die USA sich vor allem um den von ihnen definierten Einflussbereich kümmern und andere Regionen mehr oder weniger auf sich selbst gestellt sind. Das betrifft vor allem Europa. Auch vorhandene Bündnisse wie das der NATO würden dadurch an Bedeutung verlieren. Konkrete Konsequenzen hätte das entsprechend für die Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland. Die USA könnten sich hier weiter zurückziehen.
Deutschland und Europa könnten künftig viel stärker als bisher auf sich selbst gestellt sein. Die USA als wichtiger militärischer Partner würden zunehmend an Bedeutung verlieren.
Europäische Länder könnten daher dazu gezwungen sein, enger zusammenzuarbeiten und eigene Stärken auszubauen, auch militärisch. Das könnte auch eine Zusammenarbeit mit Ländern wie Kanada und Japan umfassen.
Onlinetext: Catherine Shelton



















